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ihrer schwächlichen Gesundheit sich so sehr wünschte, diesie aber bis jetzt noch nicht engagirt hatte.
Der junge Herr Lambrecht zeigte sich Fremden gegen-über stets von zuvorkommender Höflichkeit, aber dieseDame erregte sein besonderes Mitleid — er war nichtblind gegen ihre anmuthige Lieblichkeit, aber sie erschienihm noch so jung, fast noch ein Kind, und doch mußtesie schon unter fremden Leuten ihr tägliches Brod ver-dienen. Er bemerkte gar nicht Hilda's Erschrecken, alssie jetzt auf die Terrasse trat, sondern begrüßte sie inalter, gewohnter Weise mit den Worten:
„Ich war auf dem Heimwege und konnte doch amWaldhof nicht vorübergehen, ohne einzukehren. Fast dreiWochen habe ich beim Fischfang und auf der Jagd dieZeit vertrieben, aber länger hielt ich's nicht mehr aus.Da habe ich nun meinen ganzen Muth zusammengerafftund mich entschlossen, nach Hause zurückzukehren, um dieerste Begegnung mit Fräulein von Bornfeld zu erdulden."
Ein liebliches Roth färbte die Wangen der Fremden,und ein sonniges Lächeln glitt über ihr Antlitz. FrauDr. Manners hingegen war sichtlich bestürzt, sie wurdeleichenblaß und vermochte kein Wort hervorzubringen.Glücklicherweise schien Thomas auch gar keine Antwortzu erwarten, denn er plauderte unbefangen weiter:
„Ist Richard nicht hier? Was denkt er wohl vonder fixen Idee meines guten, alten Vaters? Hat er denneuen Eindringling schon gesehen?"
Keine Antwort erfolgte. Die junge Frau war biszum Tode erschrocken, doch Rosa rettete sie bald ausdieser peinlichen Verlegenheit.
„Es thut mir sehr leid", sagte sie, den jungenHerrn schelmisch lächelnd anschanend, „aber Sie müssendie gefürchtete Begegnung schon eher erdulden, wie Siegedacht haben. Ich bin Nosalie von Bornfcld. FrauDr. Manners war im ersten Augenblicke zu sehr über-rascht, um mich vorzustellen."
„Sie?" fragte er ungläubig.
„Ja, ich bin die Gefürchtete", sagte sie neckisch.„Bitte, Frau Manners", wandte sie sich jetzt an Hilda,die sich von dieser Ueberraschung noch kaum erholenkonnte, „lassen Sie mich schon jetzt heimkehren; ich trinkemorgen bei Ihnen Kaffee; nach so langer Abwesenheitsind gute Freunde am liebsten ungestört beisammen",und ehe Jemand es hindern konnte, stand sie auf undging eilends davon.
Hilda Manners lehnte sich zitternd in einen Sessel;sie wußte nicht, ob sie lachen oder weinen sollte; ThomasLambrecht schaute mit unverhohlenem Erstaunen derschlanken, davoneilenden Gestalt nach.
„Du hättest mir es vorher sagen sollen, Hilda",sagte er endlich. Er war im Hause des jungen Arztesso sehr befreundet, daß er auch die Gattin mit „Hilda"und „Du" anredete, waren doch diese beiden ihm so lieb,wie seine eigenen Geschwister.
„Es thut mir wirklich leid, Thomas", klagte sieleise, „aber ich war zu sehr überrascht und erschrocken,Euch beide beisammen zu finden, daß ich die Vorstellungvergab, und nachher konnte ich es nicht mehr."
„Ich kann meinen Vater nicht begreifen", wandteThomas verstimmt ein.
„Warum nicht? Wenn ich ganz offen sein soll,Thomas, so muß ich Dir sagen, daß Rosa eine liebens-würdige junge Dame ist, die dem Hause wie ein HellerSonnenstrahl wird."
„Sie ist noch ein Kind", beharrte finster der jungeMann. „Mein Vater hätte sie in der alten Heimathlassen sollen, anstatt sie kommen zu lassen, um mit Leutenzusammen zu leben, die sie noch niemals gesehen Hat."
„So viel ich weiß, hatte das arme Fräulein keineHeimath, denn sie lebte bei Verwandten, die es nichtverstanden, sie glücklich zu machen."
„Nun, sie wird nicht allzu lang bei uns bleiben."
„Warum nicht? Glaubst Du, daß Dein Vaterihrer so bald überdrüssig wird."
„Ich glaube, sie wird bald heirathen, denn ihreganze Erscheinung ist sehr anziehend."
„Ah!" — sagte sie gedehnt, und ein schelmischesLächeln umspielte ihre Lippen, „dann will ich Dir einenguten Rath geben, Thomas. Bringe viele junge, un-verheirathete Leute Deiner Bekanntschaft ins Haus, undwenn Du Dir ernstliche Mühe gibst, wird Rosa sich baldgenug verloben. Die Verlobungszeit ist hier zu Landegewöhnlich sehr kurz, und schon nach wenigen Monatenkannst Du Dein Haus von dem lästigen Eindringlingbefreien."
Der alte Herr Lambrecht war über die Heimkehrseines Sohnes hocherfreut, aber keiner der beiden Herrensprach von der jungen Dame, mit der sich ihre Gedankendoch so sehr beschäftigten. Endlich, kurz vor dem Abend-essen, sagte der Vater ohne jegliche Vorbereitung:
„Sie ist ein liebes, gutes Mädchen — unsere Rosameine ich — und ich hoffe nicht, daß sie Dir hier hin-derlich im Wege sein wird. Ich habe sie vorbereitet,daß Du Dir aus der Gesellschaft junger Damen sehrwenig machst, sie will sich darnach richten und so vielwie möglich Deine Gegenwart meiden. Seitdem ich michvom Geschäft zurückgezogen habe, bleibt mir viel freieZeit übrig, die ich der armen Waise widmen kann. Duzürnst doch nicht, Thomas, daß ich mir die letzten Jahremeines Lebens zu erheitern suche?"
„Gewiß nicht, Vater; ich hoffe nur, daß Du inDeinen Erwartungen nicht getäuscht wirst."
„Sei nicht unfreundlich gegen sie, wenigstens nichtwenn Du es vermeiden kannst", flehte der alte Herrweiter. „Es ist ein liebes Kind und wird Deinen Weggewiß nicht kreuzen."
Das „liebe Kind" erschien zum Abendessen. Siesaß an der Seite des alten Herrn, und Thomas konntesich nicht verhehlen, daß sie in dem leichten weißen Spttzen-kleide mit den blaßblauen Schleifen einen sehr Vortheil-haften Eindruck auf ihn machte. Aber er war in seinemVorurthcil gegen junge Damen zu sehr eingenommen,um nach beendeter Mahlzeit sich dem Vater anzuschließen,der mit seiner Rosa noch einen kurzen Gang durch denGarten machen wollte. Als er dann später einen lieb-lichen Gesang hörte und mit Vergnügen der melodischenStimme lauschte, fragte er auch nicht nach dem Namender Sängerin, aber er zürnte dem Vater nicht mehr überdie neue Hausgenossin.
Nach kaum zwei Monaten fühlte sich Rosa in ihremneuen Heim sehr glücklich und zufrieden. Sie wurdeallen Freunden und Bekannten des Hauses als „Nichte"vorgestellt, und man wetteiferte, der lieblichen FremdenAufmerksamkeiten aller Art zu zollen. Ueber die ersteBedingung des Notars Hollmann, hier die Leitung desHauses zu übernehmen, lachte sie mit dem alten Herrnrecht herzlich, denn dieselbe lag in treuen, bewährtenHänden, und sie hatte keine weitere Pflichten zu erfüllen,