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als die Blumen in den Vasen zu arrangiren oder dieFruchtschalen mit köstlichem Obst zu füllen.
„Ich wußte ja nicht, ob es Dir hier gefallen würde,oder ob wir miteinander leben könnten", sagte der alteHerr sich gleichsam entschuldigend, „und so dachteich, Dir eine Stellung in meinem Hause zu bieten, bisich wußte, wie wir zusammen fertig würden. Wäre esnicht gegangen, so hätte ich nach einigen Monaten meinHaus geschlossen und mich auf Reisen begeben. Dirhätte ich alsdann das Salatr für ein Jahr und die Rück-reise nach der -Heimath bezahlt und somit nicht das Ge-fühl gehabt, Dich zu schädigen."
Rosa lachte herzlich; sie verstand ihren'alten! Onkelgut und liebte ihn aufrichtig.
„Ich hoffe nicht, daßDu daran denkst, Deine
Häuslichkeit aufzu-geben", sagte sie heiter.
„Du bist das Lichtmeiner Augen und derSonnenstrahl meinesHauses", versetzte deralteHerr mit väterlichemStolze. „Aber ich werdeDich doch nicht langebei mir behalten, fürchteich; es werden bald ge-nug Viele kommen, umDich von mir zu for-dern und aus meinemHause fortzuholen."
„Nun, ich lasse michaber nicht fortholen",scherzte Rosa.
.Es war einer schonheute hier. Herr Gran-oille, ein Geschäfts-freund von mir, derin der vorigen Wochezur Jagd bei uns war,hielt um Deine Handan; er ist der erste,der mich bat, er wirdaber nicht der letzte sein."
Rosalie stand schwei-gend da. Es trat einanderes Bild vor ihreSeele, ein Bild längstverschwundener Zeiten,das ihrem GedächtnißSie gedachte jenes
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Ein Ungeheuer. Nach dem Gemälde von L. C.hevio.
bis jetzt gänzlich entfallen war.Sommer Festes im Forsthauseund der Prophczeihung der alten Zigeunerin. Ein Theilderselben hatte sich schon erfüllt. Sie hatte das Hausihrer Tante verlassen, „ehe der Vollmond am Himmelstand", und gewiß, sie weilte auch jetzt in „einem besserenLande". — Sie würde nicht den ersten Mann heirathen,der um ihre Hand bat, auch nicht den zweiten unddritten; bis jetzt hatten sich die Worte der Alten erfüllt— aber dann — — „wenn die Rosen am Weihnachts-feste blühen, wird der Stern Ihrer Liebe aufgehen, undSie werden glücklich werden" — so hatte sie gesagt.An all' diese Worte dachte Rosalie, doch Herr Lambrechtdeutete ihr Schweigen anders und fuhr heiter fort:
„Herr Granville ist ein wohlhabender und auch
ein ehrenwerther Mann, aber ich ahnte nicht, daß DuDich zu ihm hingezogen fühltest. Wenn Du ihn aberliebst-"
„O nein, nein", unterbrach Rosa schnell, denn sieerschrak heftig, daß ihr Sckweigen mißdeutet wurde, „ichsah ihn ja kaum drei Tage, und ich liebe ihn nicht."
Der alte Herr nickte befriedigt. Er versprach, nochheute eine absagende Antwort zu schreiben und ihm jedeHoffnung auf ihre Hand zu nehmen.
„Aber ich werde Dich doch nicht lange behalten",beharrte der alte Herr, „denn selbst Thomas, der sichdoch niemals um Liebesangelegenheiten kümmert, sagtemir noch heute, daß wenigstens ein halbes Dutzendseiner Freunde sich um die Ehre stritten, mein Neffe zu
werden."
„Thomas sollte sichgar nicht um meineSachen bekümmern",rief Rosa empört.„Wenn er über meineZukunft bestimmenkönnte, so müßte ichgewiß Herrn Granvilleheirathen, damit so baldwie möglich das Hausvon meiner Gegenwartbefreit wird."
„Urtheilst Du nichtzu streng über Thomas?fragte der Vater vor-wurfsvoll.
„Durchaus nicht",versetzte die junge Damelebhaft. „Wenn er nuneinmalalleFrauenhaßt,nun, so ist's gut, aberdann soll er sich auchnicht um sie kümmern.Neulich auf demGarten-fest bei Dr. Mannersbemühte er sich eifrigum die Gunst einerschönen, jungen Dame;sobald dieselbe die Ge-sellschaft aber verlassenhatte, verlachte er siemit seinen Freunden."
Ungesehen hatte Tho-mas sich der Sprecheringenähert und ihre Worte gehört. Zu ihrer Ueberraschungblieb er vollkommen ruhig und sagte gelassen:
„Wenn ich für meine Fehler getadelt werde, so willich es dulden, aber nicht ungerecktcr Weise geschmähtwerden. Die Dame, die Sie als „jung und schön" be-zeichnen, ist fast vierzig Jahre alt und hat sich längerals zwanzig Jahre hindurch vergeblich bemüht, harmlosejunge Herren in die Netze ihrer Koketterie zu ziehen.Ein Jeder kennt sie hier ganz genau und weiß, daßnichts so wahr und echt ist bei ihr, als die Schminkeauf ihren Wangen. Wenn Sie die Dame besser gekannthätten, so würden Sie dieselbe nicht in Schutz genommenhaben."
Rosalie war über diese Worte empört; sie ballteungeduldig die kleine Hand, und ihre Augen flammten