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zornig. Herr Lambrecht wandte sich lächelnd um; eswar ihm lieb, daß die Beiden überhaupt miteinandersprachen, selbst in der größten Meinungsverschiedenheit.Nur Thomas blieb ganz ruhig, lächelnd sah er auf dasjunge Mädchen herab, das mit den zornig geröthetenWangen ganz bestrickend schöu aussah.
„Ich weiß wohl, warum Sie alle Damen so hartbeurtheilen", fuhr sie dann erregt fort, „aber das ent-schuldigt Sie nicht. Ich würde an Linda River's Stelleebenso gehandelt haben, wie sie es gethan hat."
Thomas starrte die Sprecherin entsetzt an. Zumersten Male, seitdem er mit ihr sprach, verlor seineStimme den leichten, scherzenden Ton, und er fragteernst und ruhig:
„Was bedeuten Ihre Worte, Fräulein Rosalie?Wer in aller Welt hat Ihnen von diesen alten Geschichtenerzählt?"
„Madame Darby, unter deren Schutz ich hierherreiste. Linda Ntver ist ihre Lieblingsnichte."
„Und diese würdige Dame hat mich bei Ihnen an-geklagt ?" — Rosalie schwieg verlegen.
„Sie hat mir den Grund gesagt, weshalb Lindadie Verlobung gelöst hat", sagte sie dann.
„Ich möchte den Grund gern von Ihren Lippenhören; es würde mir ungemein lieb sein."
Er hatte wieder den leichten, spottenden Ton an-genommen.
„Nun, wollen Sie ihn mir nicht sagen?" fragte erdann, als Rosa noch immer schwieg.
„Wie können Sie nur darnach fragen?"
„Ich möchte ihn gern wissen; er wird mir jeden-falls neu sein."
„Es ist grausam, über solche Sachen zu spotten.Linda River fürchtete sich vor Ihrer Heftigkeit und IhremJähzorn, und so sehr sie Sie auch liebte, wollte sie lieberdie Verbindung lösen, als die Gattin eines Manneswerden, der seine Gefühle so wenig zu beherrschen versteht."
Der junge Mann hatte sich auf eine Rasenbankniedergelassen und lachte bei dieser Eröffnung belustigt.
„Sie sind wirklich herzlos, über das Unglück An-derer zu lachen", rief Rosa unwillig. „Es geht derarmen Familie wirklich recht schlecht, der Vater fallirtebald darauf, und Linda ist um Ihretwillen noch immerunverheirathet." '
Thomas blickte überrascht auf.
„Warum hat Madame Darby Ihnen diese Geschichteerzählt?" fragte er dann, plötzlich wieder ernsthaft werdend.
„Ich möchte es Ihnen lieber nicht sagen."
„Aber ich muß es wissen, und — ich weiß, Siesagen mir auch die volle Wahrheit."
„Nun, wenn Sie es wünschen — sie wollte michwarnen und mich vorbereiten, daß ich von Ihnen keineFreundlichkeit erwarten dürfte, und-"
„Nur Wetter. Die Hauptsache kommt noch."
„Ja, Madame Darby meinte, wenn Sie Ihr hef-tiges Temperament etwas beherrscht hätten, so sollte ichIhnen sagen, daß Linda — noch Ihrer wartet. Ichweiß nicht, ob ich Unrecht thue, Ihnen dieses so offenzu sagen, aber Madame Darby gab mir zu verstehen,wenn irgend möglich, Sie mit Linda wieder zu vereinigen."
Alles Lächeln war aus dem schönen, männlichen Ant-litz des reichen Jünglings verschwunden, dann sagte er:
„Sie sind jetzt eine ziemlich lange Zeit bei uns ge-wesen, Fräulein Rosa, haben Sie mich kennen gelernt?"
„Ich bin feit drei Monaten bei Ihnen und habeSie fast täglich gesehen."
„Ich weiß es, Sie Haffen mich, aber selbst einemFeinde gegenüber würden Sie gerecht sein. Sagen Siemir offen, können Sie mich eines unwahren Worteszeihen, oder glauben Sie, was ich sage?"
„Ja, Sie sagen jedem Menschen die volle Wahrheit,selbst wenn diese verletzend und bitter ist."
„Wollen Sie dann auch glauben, was ich Ihnenjetzt sage?"
„Ja — ich glaube Ihnen stets."
„Ich will gegen Madame Darby kein Wort sagen;sie befand sich jedenfalls im Irrthum. Aber Sie sollenmeine kurze Liebesgeschichte hören — sie ist nicht lang.Es war vor drei Jahren; ich reiste in Gcschäftssachenfür meinen Vater nach Natal. Damals hielt ich nochalle Damen für Engel, besonders Linda River, die inmeinen Augen ein Muster aller Tugenden und Voll-kommenheiten war. Ich verlobte mich mit ihr und wareine kurze Zeit der glücklichste aller Menschen. Wiekonnte ich ahnen, daß ich treulos hintergangen wurde?"
„Irrten Sie sich nicht?"
„Urtheilen Sie selbst", und er erzählte ihr die Ge-schichte, die er vor drei Monaten seinem Freunde, demDr. Mariners, so treulich geschildert hatte.
Es entstand eine lange Pause. Endlich sagte Rosalie:
„Ich verstehe Linda nicht; warum hat sie ihrenersten Geliebten nicht geheirathet?"
„Er verzichtete auf die Ehre, als er hörte, wie siegegen mich gehandelt hatte."
„Warum erzählte sie denn die Geschichte von IhrerHeftigkeit?"
„Nun, das ist sehr einfach. Linda hatte Zeit ihresLebens in Natal gelebt, sie war dort sehr bekannt; ichhingegen war ein Fremder und werde wahrscheinlich nie-mals wieder dorthin kommen; so war es besser, die Schuldfiel auf mich. Ich rteth ihr selbst, zu sagen, daß sie,nicht ich die Verlobung gelöst habe, sie könne einen Grundangeben, den sie wolle, ich würde nicht widersprechen."
„Aber, wie durfte sie sagen, Sie seien jähzornig?"
„Nun, vielleicht wußte sie keinen andern Ausweg.Das Geschäft ihres Vaters stand schlecht; es war einezahlreiche Familie, und sie hatten kein Geld. Zweifelloswar ihre ganze Familie über ihren Schritt sehr empört,und sie mußte mir schon eine große Schuld beimeffen,um sich selbst rein zu waschen."
„Fühlen Sie Mitleid mit ihr?"
„Ja, denn ich liebte sie, und sie zerstörte mit eigenerHand ihr Lebensglück."
„Ebenso das Ihrige."
„Nun, das möchte ich doch bezweifeln. Ich findehinreichende und zusagende Arbeit in meinem Geschäfte,habe meinen lieben, alten Vater und — sehr viele Freunde.Ich kann also wohl mit meinem Loose zufrieden sein."
„Aber Sie haben das Vertrauen zu vielen Men-schen verloren", beharrte Rosalie. „Sie verachten alleDamen, und somit hat doch Fräulein River Ihr Lebenvergiftet."
„Ich kenne eine oder auch zwei Damen, die ichhochachte, Frau Dr. Manners zum Beispiel. Nun, Fräu-lein Rosa, wollen Sie jetzt noch Madame Darby'sWunsch erfüllen und versuchen, mich mit Linda Riverauszusöhnen?"
„Nein!" versetzte das junge Mädchen entschieden,