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„ich will ihren Namen sogar nicht wieder hören", danneilte sie dem Hause zu, Thomas auf der Rasenbankallein lassend.
„Das gute Kind", flüsterte der Jüngling, „sie meintjetzt jedes Wort, wie sie es sagt, aber wie lange wirdihr freies offenes Wesen anhalten? Gewiß nicht lange.Mein Vater — so lieb er sie auch hat - wird sie demersten besten, reichen Mann verheirathen, und dann wirdsie sich nicht über ihre eigene Häuslichkeit emporschwingen.Bah! Was geht's denn mich an? Sie kann unmöglichimmer jung und hübsch, ein Mädchen von zwanzig Jahrenbleiben. Und dann ist es besser, sie heirathet, damitsie vor dem traurigen Loos einer alten Jungfer be-wahrt bleibe." (Fortsetzung folgt.)
Am englischen Hose.
Es muß gewiß als eine auffallende Erscheinung be-zeichnet werden, daß bei dem englischen Volke weder dieStürme der französischen Revolution, noch die politischenBewegungen der Jahre 1830 und 1848 die monarchischeIdee auch nur im Mindesten zu erschüttern vermochten.Im Gegentheil sind die Engländer besonders während dernun fast 60jährigen Regierung der Königin Viktoria nochmonarchischer geworden, als sie es zuvor schon waren,und es läßt sich das weder durch glücklich geführte Kriege,noch durch ungewöhnliche Erfolge der Diplomatie erklären.Bei alledem ist die Freiheit der Rede und der Presse indem Jnselreiche aller Fesseln ledig, und in keinem andernLande werden selbst die hervorragendsten Persönlichkeiteneiner schärferen öffentlichen Kritik unterzogen. Obgleichdiese kritische Sonde manchmal bis hinauf in die könig-liche Familie zu verspüren war, ist die Anhänglichkeit desenglischen Volkes an sein Herrscherhaus vornehmlich wäh-rend des letzten Halbjahrhunderts nur gewachsen, undwenn auch die Königin Viktoria ihre Schwächen hat wiejedes andere Menschenkind, so gerieth sie doch währendder langen Zeit ihrer Regierung kaum in eine einzigeernste Differenz mit dem Parlamente.
Aber das letztere ist es gerade, worin ihre Stärkebesteht: der hoch entwickelte konstitutionelle Sinn derKönigin hat den englischen Thron mehr denn je befestigt,und ihre stete Bereitwilligkeit, dem souveränen Willen desVolkes unverzüglich und unter allen Umständen sich zufügen, hat ihr die Achtung und Anhänglichkeit aller Parteienund Bevölkerungskreise gesichert. Mag auch ihre persön-liche Neigung und Ueberzeugung manchmal eine anderesein, sie säumt dennoch keinen Augenblick, den Parlaments-wahlen sofort zu entsprechen und diejenige der beidengroßen politischen Parteien an das Staatsruder zu be-rufen, für welche der Volkswille sich ausgesprochen. Selbstden alten Gladstone, der ihr persönlich unangenehm war,hat sie sich wiederholt als Premier gefallen lassen undsich darüber weggesetzt, daß er weder zu schmeicheln ver-stand, noch irgendwelche Rücksichten auf kleine weiblicheSchwächen nahm. Sogar daS verzieh ihm die etiketten-strenge Königin, daß der „große alte Mann" bei derAudienz manchmal im Gehrock, statt in der goldgesticktenUniform, erschien und nicht einmal immer ganz frischeWäsche angelegt hatte.
Dieser Kardinaltugend echt constitutionellen Sinnesgegenüber vermögen die mancherlei Vorwürfe nichts aus-zurichten, welche mit mehr oder weniger Berechtigung
gegen die greise Monarchin erhoben werden. So verübeltman es ihr z. B., daß sie seit dem Tode ihres Gemahls,des Prinzen Albert von Coburg-Gotha, in allzu strengerZurückgezogenheit lebt. Trotzdem sich die Gruft über diesemallerdings trefflichen Manne schon vor 34 Jahren ge-schlossen, hat die Königin das schwarze Trauergewandund den Witwenschleier artch heute noch nicht abgelegt,und nur die verschiedenartigen Spitzen, die Diamantenund andern Edelsteine bringen sammt den bei öffentlichenAnlässen angelegten Orden etwas Abwechslung in diedüstere Einförmigkeit ihrer äußeren Erscheinung. Wollteman sich auch noch gefallen lassen, daß die ehemaligenPrivatzimmer des Prinz-Gemahls in Windsor heute nochgenau so aussehen, wie er sie verlassen, so ist es dochentschieden zu weit getrieben, daß die Stiefel des Ver-storbenen noch täglich geputzt werden — ohne große Müheallerdings I Als ein Erbstück ihres verewigten Gatten hatdie Königin u. A. auch dessen Diener John Brown inso hohen Ehren gehalten, daß selbst der berühmte Staats-mann Beaconsfield um seine Gunst buhlte und Prinzenund Prinzessinnen den Mächtigen Einfluß fürchteten, welchender heimtückische Kammerdiener auf seine königliche Ge-bieterin ausübte. Alles athmete erleichtert auf, als derviel beneidete und noch mehr gehaßte Mensch im Jahre1893 seiner Leidenschaft für den Whisky erlag.
Mit der übertriebenen und oft laut getadelten Zu-rückgezogenheit der Königin hängt ein anderer Vorwurfgegen sie zusammen, den nur ihre einstigen Erben nichterheben — es ist die allzugroße Knauserei der hohenFrau. Als sie am 20. Juni 1837 als Erbin ihres kinder-losen Oheims, König Wilhelms IV., den Thron bestieg,benahm sich das Parlament bei Feststellung der Civillisteder 18jährigen Königin insofern sehr vorsichtig, als esgenau bestimmte, wozu das viele Geld verwendet werdensolle. So wurden bewilligt:
Für den Haushalt
„ Gehalte der Hofbeamten
„ die Privatbörse 60,000 „ „
„ beliebige Ausgaben 8,400 „ „
Es macht das zusammen 385,000 Pfd. St.
oder 7'700,000 Mark (über 9*/g Mill. Fr.), gewiß einnettes Sümmchen, mit dem sich auskommen läßt. DieKönigin brachte dieses Kunststückchen denn auch fertig,aber sie behielt alljährlich noch viel und seit Beginnihres langjährigen Wittwenstandes sogar sehr vielübrig. Das auch ist es, was ihr die Engländer zumVorwurf machen, indem sie gleichzeitig mit Recht be-haupten, die Ucberschüsse in den einzelnen Rubriken müßtendem Parlamente zur Verfügung gestellt werden, was aller-dings nie geschah. Kann man sich auch nicht wundern,daß die Haushaltsausgaben der einfacher als mancheBürgersfrau lebenden Königin weit hinter dem Ansatzdes Parlaments zurückbleiben, so verschnupft es doch ernst-lich, daß auch der für Almosen ausgeworfene Betrag niesäuberlich aufgebraucht wird und so überall nette Bröck-chen übrig bleiben. Rechnet man dazu noch die anderenEinnahmequellen der hohen Dame — so z. B. 1 MillionMark jährlich aus dem Herzogthum Cromwell — dannwird man begreifen, daß sie es bei ihrem langen Lebenzu etwas bringen mußte. Und in der That liefern ihrdie Zinsen ihrer riesigen Kapitalien, sowie ihre Privat-Besitzungen in Großbritannien und Amerika so ungeheureJahreseinkünfte, wie sie selbst ein Rothschild nicht hat,
172,500 Pfd. St.131,260 „ „