751
und die greise Königin dürfte wohl unbestritten als diereichste jetzt lebende Persönlichkeit bezeichnet werden.
Auch durch Schriftstellerei hat die Monarchin nochein kleines „Nebenher" verdient. Sie führt nämlich eingenaues Tagebuch und hat daraus schon ab und zu Aus-züge publizirt, für welche der Verleger gewöhnlich rechthohe Honorare zu zahlen hatte. Für ihr letztes derartigesWerkchen, welches in einfach schöner Sprache, aber in
- . .
Kchloß am Kee.
monoton sich hinschleppenden Wiederholungen das Alltags-leben in dem schottischen Schlosse Balmoral schildert, mußteder Verleger 5000 Pfund (100,000 Mark) zahlen. Aberda das nette Büchelchen trotz seines schönen Einbandesdem verehrlichen Publikum für zehn und eine halbe Markdoch zu theuer war, setzte es der Buchhändler auf 7*/z,dann auf 4 Mark herab, und jetzt ist es sogar für 1Mark 90 Pf. zu haben — ein Beweis dafür, daß Ver-
leger auch mit königlichen Autoren Pech haben können.— Innerhalb der eigenen Familie führt die Herrscherinein so strammes Regiment, daß sie von Söhnen und> Töchtern, Enkeln und Schwiegersöhnen selbst in den un-bedeutendsten Angelegenheiten um ihre Willensmeinunggefragt zu werden verlangt. Wer das kann und es z. B.über sich gewinnt, bei Mama zu fragen, ob er diese oderjene Einladung annehmen dürfe, der ist ihr lieb Kind.
Ihrer besonderen Gunst erfreutesich der Vater der jungen Zarin,der letztverstorbene GroßherzogLudwig IV. von Hessen. Erbrachte alljährlich mehrere Monatebei der gestrengenSchwiegermamazu, und als er, des Wittwen-standes müde, der kurz vorhergeschiedenen Frau vonKolemtnedie „linke" Hand gereicht, da wares einzig der Wille der Königinvon England , welcher den kaumgeschlossenen Ehebund wieder zer-riß. Böse Zungen wollten damalsdie häufigen finanziellen Schwie-rigkeiten des Großherzogs mitdessen großer Liebe zur Schwieger-mama in Verbindung bringen.Wäre der eheliche Bund mit Frauvon Kolemine nicht gar zu un-ebenbürtig gewesen, die Königinhätte die Lösung desselben gewißnicht betrieben. Denn Liebendezu beschützen und Ehen zu stiftenist eine ihrer Lieblingsbeschäftig-ungen, und man kann nicht anderssagen, als daß sie Glück damithat. Es steht wohl einzig in derGeschichte da, daß eine könig-liche Großmama so viele regie-rende oder voraussichtlich dochzur Regierung gelangende Kinderund Enkel hat: die KaiserinFriedrich und der Herzog Alfredvon Coburg-Gotha sind ihre Kin-der, der deutsche Kaiser, dicZartn,das großherzogltchePaar vonHes-sen, die Erbprinzesstn von Mei-ningen, die Kronprinzessin vonGriechenland und die Gemahlindes rumänischen Thronfolgersihre Enkelkinder.
Die Königin zeigt sich ihremVolke nur höchst selten, und auchdie sogenannte hoffähige Gesell-schaft ist mit dem Glücke persön-licher Begegnung nur sparsambedacht; denn Concerte, Theater-vorstellungen, Bälle und andere Festlichkeiten sind am eng-lischen Hofe völlig unbekannte Dinge, und der Abhaltungvon Empfängen oder Hoffesten (Ora^vinArooms) ist wäh-rend des ganzen Jahres alles in allem nur eine Wochegewidmet, für welche Zeit die Königin von Schloß Wtnd-sor, ihrem vornehmltchsten Aufenthaltsorte, nach demBuckinghaw-Palaste kommt, jenem ungeheuer großen Ge-bäude, das im Westen Londons , am Ende von St James'