Ausgabe 
(4.12.1896) 100
Seite
769
 
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M 1W.

Ireilag, den 4. Dezember

1896.

Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in AuaSburg.

Druck und Verlag des Literariichen Instituts von Haas L Grabberr in Augsburg (Borbesitzer vr. Max Huttler ).

Ihv rvstev Roman.

Novelle von Antonie Haupt .

-- (Nachdruck »erboten.)

I.

Auf einer der tannenumraufchten Höhen, die zumHofstaate jenes gewaltigen Harzbeherrschers, deS granit-gekrönten Blocksberges, gehören, erhebt sich mitten intiefster Waldeinsamkeit eine gastliche Halle. WelcherGermanensprosse, dessen steiler Pfad hier vorüberführt,wird die unmuthige Verlockung zurückweisen, wird dieholde Rast und Erquickung verschmähen, welche dasGast-haus zur steinernen Renne" ihm zusichert! So langeder Deutsche den Erbsegen seiner Ahnen, die angestammteLiebe zum Walde, bewahrt, wird ein Ruhesitz, wie ihndie Höhe derSteinernen Nenne" bietet, ihn unwider-stehlich fesseln. Hoch streben hier die Pfeiler der mäch-tigen Tannen zum Himmel empor, und darüber wölbtsich in weiten Bogen daS schattige, sonnendurchleuchteteGezweige. Zur Seite aber braust wildschäumend derWaldstrom über phantastische, schwarze Steingebilde indie Tiefe hinab. Die abenteuerlichen Felsgestalten glänzenim Wasserduft, und diamantengleich funkeln die Wasser-stäubchen in den magisch einfallenden Strahlen der Sonne.

Und das klingt und singt so lieblich,

Und so lieblich rauschen dreinWasserfall und Tanncnbäume,

saug Heine.

Es ist ein schöner, milder Septembertag. In derschatteukühlen, harzdurftigen Halle, welche in der Volk-stracht des Sommers Menschen aller Nationen zür kurzenRast vereinigt, finden wir heute nur zwei junge Männer.Beide, hoch und schlank, sind urkräftige Vertreter deSgermanischen Stammes, und doch ist ihr AeußereS sehrverschieden. Der im Vollgenuß der Ruhe dort lehnendeetwa Dreißigjährige Zeigt getreu den historischen Typusder alten Sachsen. Flachsblond ist sein plüschartig ge-schorenes Haupthaar, röthlich der kurze Bart, von auffallen-der Bläue sein scharfblickendes Auge; um die Zartheitund Frische seiner Farben dürfte ihn eine junge Damebeneiden; er ist eine nordische Erscheinung, wie sie unsin Hannover häufig begegnet. Sein, um wenige Jahreälterer Reisegefährte dagegen, der hochaufgerichtet an derBalustrade steht und das große, graue Auge träumerischsinnend auf dem Waldgebirge ruhen läßt, ist eine jenerreckenhaften stolzen Gestalten, wie man sie im Rhein -lande unter den Nachkommen der Franken nicht selten

findet. Dunkelblonde Locken umschatten seine hohe Stirn,und lang wallt ihm der dunkelblonde Vollbart auf dieBrust. Aus seinem Antlitz, dessen eigenthümlich dunkleFärbung eher auf einen längeren Aufenthalt in denTropen schließen läßt, als auf die Wirkung der rheini-schen Sonne, spricht Muth und Selbstbewußtsein, aberauch etwas von edler Schwärmerei, von unbegrenzterHerzensgüte. Tiefer Ernst liegt augenblicklich auf seinenZügen, denn eine erhabene Landschaft stimmt jederzeitdas menschliche Gemüth zur Andacht.

Wenn ich", so richtete er das Wort an seinenFreund,im dämmerigen Tannenforste jenem Rauschender Krone lausche, welches wie ein Hauch aus überirdischerWelt den Wald so geisterhaft durchweht, so begreife ich,daß unsere Vorfahrendas heiligste Geheimniß des ahnen-den Geistes" mit dem Eindrucke der ticfgrünen WaldeS -nacht verwoben, wie Tacitus uns berichtet. Ist eS nicht,als stünden wir hier zwischen den mächtigen Säulen einesNiesendomS, wo der Weltenschöpfer selbst das Geheimnißseiner Nähe predigt? Der deutsche Wald allein hat diesetiefe, feierliche, ehrfurchterweckende Kirchenstille; undgerade hier umfängt mich voll und ganz das süßeHeimaihsgefühl, das bei meiner Rückkehr mich so mächtigüberkam."

Der Andere nickte sinnend.Ja, daS empfinde ichmit Dir. Es ist wunderbar", fügte er lächelnd hin-zu,wie Du, der rastlose Weltumsegler, Nordpolfahrer,Afrikaforscher, der mit den Kalmücken Brüderschaft trankund mit den Eskimos Freundschaft schloß, deutschen Sinn,deutsches Gemüth und selbst deutsches AeußereS bewahrthast. Wahrhaftig, Otto, eS fehlt nur der Streithelm mitdem gewaltigen Flügelpaar auf Deinen Locken, dasBärenfell malerisch um Deine mächtigen Schultern ge-chlungrn, und der Cheruskerfürst, der Held des Teuto-burger Waldes, scheint neu erstanden. Schade, wirklichschade, daß man Dich nicht Hermann nannte; der Namewürde Dich, den Freiherr« von Saarstein, Ritterguts-besitzer auf Schloß Saarstein, zum Inbegriff aller ger-manischen Vollkommenheit stempeln."

Ich trage den Namen, den seit Jahrhunderten derälteste Sohn unserer Familie führte, ebenso wie ich daSMajorat mit sämmtlichen Rechten und Pflichten über-nehmen mußte", versetzte der Freiherr lächelnd.

Höre, Otto, ich begreife nicht, wie Du, der solange ungebunden nach Lust und Neigung in fremdenErdtheilen umherschweifte, Dir mit den Lasten und Mühen