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sanfte Wellenlinien, tiefe Schluchten und wuldbedeckteKuppen zur Schau. In leisem Duft zeigten sich die inunermeßlicher Ferne den Horizont begrenzenden Gebirgs-züge und, von ihrem Rahmen umschlossen, viele hundertStädte und Dörfer. Ueber den wetten Schauplatz goßdie Sonne ihren letzten purpurnen Lichtglanz; Höhenund Thäler schienen wie in flüssiges Rothgold getaucht.In andächtigem Schweigen standen die Männer, bis dieTageskönigin gluthstrahlend zur Rüste gegangen war.Dann erst traten sie in das gastliche Haus.
II.
Trotz der vorgerückten Jahreszeit summte und schwirrtees im.Brockenhause von Gästen, wie in einem Bienen'korbe. Die Schulferien waren ja eröffnet; zudem hatteeine Karawane von Engländern sich heute den Blocksbergals Reiseziel erkoren. Der große Saal, welchen unsereFreunde betraten, bildete einen sehr behaglichen Gegen-satz zu dem etwas zugigen Aufenthaltsort im Freien.In einem riesigen Ofen flackerten lustige Flammen, diein dem ganzen Raume wohlthuende Wärme verbreiteten.Heitere Menschengruppen hatten sich an allen Tischen zu-sammengefunden. Etliche suchten ihre gesunkenen Lebens-geister durch eine Glühbowle wieder aufzufrischen. An-dere nahmen bereits ein frühes Abendbrod ein, währendein Theil sich dem Genusse eines späten Nachmittags-kaffees hingab. Die Ankömmlinge ließen sich an demersten freien Tische nieder, um vorläufig dem Beispieleder Mokkatrinker zu folgen.
„Fürwahr, ich freue mich darauf, die Ctrce kennenzu lernen, welche den ehrlichen Köhler durch ihre liebens-würdige Erscheinung und meinen vernünftigen Freundgar durch das bloße geschriebene Wort in einen Zustandtotaler Bezauberung versetzt hat", gestand Georg, währendsein Auge spähend über die Gesellschaft hinglitt. AuchOtto hielt mit dem Ausdruck gespannter Erwartung sorg-fältige Umschau im Saale.
Da zeigten sich fröhliche, lärmende Studenten allerArt, unglaublich gelehrte, stubenblasse Professorengesichter,ergötzlich pedantisch aussehende Schulmonarchen mit undohne Familie. Dort dehnten hoffnungsvolle Söhne Al-bions mit mehr Ungebundenheit als Anmuth ihre hünen-haften Gliedmaßen; hier hatten stramme Offiziere inCivil sich inS Skatspiel vertieft; daneben kannegießertenBerliner Jünglinge beim Domino und gaben mit lauterStimme so viele politische Ansichten kund, als sie Köpfezählten, während in harmloser Ungenirtheit spießbürger-liche Familien mit Kind und Kegel sich häuslich einge-richtet hatten. An Damen war kein Mangel; dochschienen die Gesuchten nicht unter den hier Anwesendenzu sein, die alle mit männlicher Begleitung gekommenwaren.
„Ich fürchte, unsere Circe sagte dem Brocken schonValet, und wir haben nicht einmal das Nachschauen",bemerkte der Hannoveraner, um gleich darauf in freu-digem Ton hinzuzufügen: „Ah, da sind die Damen!"
Ein Engländer, dessen herkulischer Rücken ein gutStück Aussicht verdeckte, hatte sich erhoben, und durchdie entstandene Lichtung gewahrte man wirklich in einerentfernten Fensternische zwei etwas auffallend gekleideteDamen.
„Schade, daß sie uns den Rücken kehren", flüsterteGeorg. „Die mit dem genialen dunklen Lockenkopfescheint zu zeichnen, und die mit den kindlich herabhän-
genden blonden Flechten schaut andächtig zu. Es müssenreizende Backfische sein. Wenn Du Dich dem schwarzenLockenköpfchen näherst .... Alle guten Geister, was istdas?" unterbrach er sich entsetzt. „Die vermeintlichenBackfische sind mindestens vierzig Jahre alt."
Die Schwarze halte ihr Sktzzenbuch zugeklappt, undbeide Damen schritten nun, den Kneifer auf der Nase,mit unternehmungslustiger Miene durch den Saal.
„Hat der Köhler aber einen kannibalischen Geschmack!"brummte der Pädagoge.
„Es ist eigenthümlich", sagte Otto ziemlich klein-laut; „wir Männer verzeihen dem Weibe alle anderenFehler eher als Häßlichkeit."
„Und beanspruchen höchst ungerecht und anmaßendvon der schönen Seele auch einen schönen Körper", fügteDoktor Hesse lachend hinzu.
Wenigstens verlange ich von der wirklich vorhan-denen schönen Seele, daß sie ihren Stempel auch demhäßlichen Antlitz aufpräge", versetzte Saarstein. „Injedes Menschen Gesicht steht seine Geschichte, sagt, glaubeich, Mirza-Schaffy, und ein Körnchen Wahrheit liegt indem Spruche. In diesem scharf markirten, mit tiefen,unangenehmen Runzeln lätowirttn Gesicht lese ich abernichts von innerer Schöne, und die in reichster Fülle umden Mund abgelagerten Falten reden von allem Anderneher als von Liebenswürdigkeit. Ich kann mich unmög-lich entschließen, der Dame das Tagebuch, worin siemeiner so ehrenvoll erwähnt, selbst zu überreichen, son-dern werde es auf Umwegen zu ihr befördern. Zunächstmüssen wir uns vorsichtig erkundigen, ob sie in der Thatdasselbe vermißt. Auf ein Wort, Herr Wirth", wandteer sich in leisem Tone an den eben Eintretenden. „Kamenheute etwa zwei Damen hier an, welche klagten, daß siesich verirrt, daß sie verschiedene Dinge verloren . . . ."
„Gewiß, gewiß, mein Herr, ganz wie Sie sagen.Zwei sehr distinguirt aussehende Damen trafen vor einerStunde hier ein, gaben an, daß sie in die Klippen amNennckenberg gerathen und dort einen Theil ihrer Effektenverloren hätten. Waren Sie vielleicht so glücklich, etwasdavon zu finden?"
„Ich hoffe so", entgegnete der Freiherr diplomatisch.„Sind die Damen hier im Saale?" fügle er etwaszögernd und unsicher hinzu.
„Leider, nein. Sie schienen sehr erschöpft und zogensich sogleich auf ihr Zimmer zurück."
„So haben Sie die Güte, mich melden zu lassen.Hier ist meine Karte. Benachrichtigen Sie, bitte, dieDamen, daß ich ein wcrthvolles Manuskript gefundenhabe, und daß es wir eine große Ehre sein würde, ihnenweine Aufwartung machen zu dürfen", sagte Otto inauffallend verändertem, freudigem Ton.
Als der Wirth mit einer tiefen Verbeugung gegangenwar, rief Otto aus:
„Gottlob! Die Täuschung wäre doch gar zu nieder-trächtig gewesen. Wenn der Mensch sich in dem schrift-lichen Ausdruck seiner Gedanken auch oft ganz anderszeigt, als er im Leben erscheint, so wäre es doch kaummöglich, daß eine Dame, welche in ihren Aufzeichnungenso hohen Geist, so reiches Gemüth bekundet, ein derartigabschreckendes Aeußere zur Schau trüge."
„Je nun", warf Georg ein, „man darf nicht wähnen,einen Menschen zu kennen, dessen schriftlichen Gedanken-ausdruck man gelesen hat, ohne je mit ihm verkehrt zuhaben; ebensowenig freilich kennt man den, mit dem man