Ausgabe 
(8.12.1896) 101
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nur umgeht, ohne mit ihm in Briefwechsel gestanden zuhaben."

Wie wäre das auch möglich, da der Mensch sichnicht einmal rühmen darf, sich selbst zu kennen!" gabder Freiherr zur Antwort.Wenn Du jedoch, wie ichannehmen muß, Deine Ansprüche auf Kenntniß modifi-zirst auf das unserem beschränkten Vermögen überhauptgegebene Verständniß für die Charaktere Anderer, so mußich Dir entgegnen, daß ich das innerste Seelenleben einerDame der sogenannten höheren Stände, welche in denFesseln der Convenienz groß geworden ist, viel genauerkenne, wenn ich ihre zwanglosen schriftlichen Herzens-ergießungen gelesen habe, als wenn ich jahrelang in denSalons meine Ansichten mit ihr austauschte. Ein ein-faches, ungebiloetes Landmädchen dagegen würde ich nienach seinen Briefen, sondern nur nach seinem ungekün-stelten persönlichen Auftreten richtig beurtheilen können.Doch was rede ich hierüber! MeineErwartungen sind augenblicklich zusehr gespannt, als daß ich großeLust zu Abhandlungen empfände...

Ach, hier kommt schon der Bote vomOlymp. Wie steht's mit der Audienz,

Herr Gesandter?"

Die Damen bedauern, den HerrnBaron heute Abend nicht mehr em-pfangen zu können", lautete die ent-muthigende Antwort.

Schade!" Eine kleine Wolkeflog über Otto's Stirn.Doch ichkonnte mir es denken. Vertröstenwir uns also auf morgen."

Mittlerweile wurde es dunkel.Manzündete die Lichter an. Flinke Kellnerschoben die Tische zusammen unddeckten eine lange Tafel zur ge-meinsamen Abendmahlzeit.

Wenn Du Deinen Schmerz überdie Zurückweisung in materiellen Ge-nüssen betäuben willst, so bietet sichjetzt die Gelegenheit dazu", äußerteGeorg.Was mich betrifft, so ver-spüre ich eine heftige Begierde nacheßbaren Substanzen."

Nun, so zögern wir nicht länger,uns der Tafelrunde anzuschließen",sagte der Freiherr und schritt so-gleich voraus.

Schicksalstücke l Kaum saßen sie, als die unter'nehmungslustigen,vierzigjährigen Backfische", wie DoktorHesse sie getauft hatte, an dessen Seite Play nahmen.Sie dokumentirten sich sogleich als reisende Malerinnen,oder besser als malende Reisende, da sie, wie das schwarz-lockige Fräulein Eleonore Stern mit großer Zungen-geläufigkeit offenbarte, die Kunst nur zum Vergnügenund Zeitvertreib ausübten. Sie kannten beinahe alleLänder Europas und waren nur auf den Brocken gekom-men, um die Sonne, den Wind und die Wolken in ihren ^malerischen Wirkungen zu beobachten. ^

Da der Philologe, gutwüthig wie er war, nicht !umhin konnte, einiges Interesse zu heucheln, so hatte ^Fräulein Eleonore die Grausamkeit, ihr reichhaltiges >Skizzenbuch vor ihm auszubreiten, dessen farbenprächtige §Studien" er einigermaßen verblüfft anstarrte. '

Sehen Sie die Wolkenbildung, ist sie nicht groß-artig, effektvoll?" rief Fräulein Eleonore begeistert, indemsie auf ein Aquarell-Chaos deutete, das Georg eher füralles Andere als Wolken gehalten hätte. Er murmelteetwas, von dem man:In der That außerordent-liche Wärme des Colorits l" verstand.

Otto, welcher es liebte, die Bekanntschaft absonder-lich gearteter Menschenkinder zu machen, hatte mit großemVergnügen seine Aufmerksamkeit getheilt zwischen den ihmgegenübersitzenden, ganz in griechischen Partikeln undlateinischen Hexametern festgerittenen Mentoren und denblasirten jungen Gentlemen zu seiner Rechten. Er suchteseinen britischen Nachbar in ein neutrales Gespräch zuverflechten, indem er die großartige Aussicht vom Gipfeldes Brockens rühmte. Die Kauwerkzeuge des Engländershielten in ihrer Beschäftigung inne.

Aussicht", wiederholte er geringschätzend.GlaubenSie denn, daß ich meine Zeit damitvergeude, um das kleine, lang-weilige Rundbild von dieser Berges-höhe zu betrachten? Keiner vonuns ist heraufgekommen, um Aus-sicht zu genießen. Wir alle machtendie Tour zu unserem Vergnügen,oder besser, um auf dem weltbe-kannten Blocksberg gewesen zu sein.Wähnen Sie vielleicht, ein Jägerklettert hier herauf, um die Land-schaft zu beschauen?"

Im Gegentheil, mein Herr, erklettert zu seinem Vergnügen", ant-wortete der Freiherr sarkastisch.

O Thäler weit, o Höhen!" gabplötzlich eine Schaar von Elementar-lehrern und Lehrerinnen eine Ge-sangesleistung von sehr fragwürdigemDreiklang zum Besten, die jede Unter-haltung übertäubte. Die Disharmoniedes LiedeS stimmte selbst die bravenmusikunverständigen Jagdhunde,unter den Tischen tief schwermüthig,so daß sie im Chor mit lautem Ge-heul einen Sängerkrieg eröffneten.

Die Schaar der Barden war je-doch nicht leicht zu besiegen. Aufdas erste Lied ließen sie unverzagtfolgen:Wer hat dich, du schönerWald aufgebaut so hoch da droben"; als dann aber auchnoch:Ich weiß nicht, was soll es bedeuten", ihrensangeslustigen Kehlen entströmte, hielten unsere Freundenicht mehr länger Stand, sondern flüchteten auf ihrZimmer. Hier wußte Georg nichts Besseres zu thun,als sich auf sein Lager auszustrecken und sich ins Landder Träume zu begeben. Als er nach geraumer Weileschläfrig wieder emporblinzelte, gewahrte er beim Scheinder Kerze seinen Freund eifrigst mit Lesen beschäftigt.

Höre, Otto, Du bist doch der indiskreteste Mensch,der mir je im Leben vorkam!" ereiferte er sich bei diesemAnblick.Sitzt der Pirat mit seinem Fang da und liestAufzeichnungen, die nicht für ihn geschrieben sind, ver-tieft sich in die zarten Herzensergüsse einer jungen Dame,welche sie nur ihrem Tagebuche, ihrem intimsten Freunde,anvertraute."

Set still, Georg. Ich bin mir vollkommen meines

Kapuzinergencral I'. Drrnhard Christen