Ausgabe 
(8.12.1896) 101
Seite
782
 
Einzelbild herunterladen

782

Das Schlau genauge.

Von Paul Gilchrist.

Deutsch von E. Hanrieder.

(Fortsetzung.)

Welches ist der Grund Ihres Besuches?" fragteich nach einer Pause.

Es ist nothwendig, daß ich mich gegen Jemandenausspreche, und Sie sind ein alter Freund der Familie.Sie find auch ein guter Mensch und haben schon Man-chem aus der Verlegenheit geholfen. Lord Attrill würdegewiß auf Ihre Worte hören. Gilchrist, Sie müssenmir einen Gefallen erweisen. Gehen Sie morgen frühzu ihm, und vertreten Sie noch einmal meine Sache."

Sie sind krank, Carroll", sagte ich,wie kann ichin der elften Stunde noch dazwischentreten? Die Hoch-zeit wird am Donnerstag stattfinden. Glaub n Sie, daßauf meine Verwendung hin Lord Attrill seiner Tochtererlauben würde, dem Kapitän ihr Wort zu brechen?"

Er könnte es, wenn man ihm die Wahrheit sagte",antwortete Carroll.Lady Pamela liebt mrch, den Ka-pitän liebt sie nicht."

Sie haben nicht das Recht, dergleichen zu sagen."

Ich habe das Recht, denn es ist wahr. HubenSie nicht ihr Gesicht beirachtet, als sie mich sah?"

Ich blieb stumm. Allerdings hatte ich die verän-derte Farbe ihres Antlitzes beobachtet und die Traurigkeit,welche jene herrlichen Augen umwölkte. Nach einer Pausesprach ich:

Ich muß ein deutliches Wort mit Ihnen reden",begann ich.Sie handeln nicht, wie es einem Mannegeziemt. Es ist wahr, daß Lady Pamela einmal Ihnengeneigt war ihre Familie war nicht damit ein-verstanden das Mädchen war sehr jung, und manglaubte, daß sie ihr eigenes Herz noch nicht kenne. Da-mals hat sie viel gelitten, aber jetzt hat sie es überstan-den. Ein Mann, der nach allen Seiten hin ihrer würdigist, hat sich ihr genähert, und wenn Sie nur halbwegsso viel Muth hätten, als Sie besitzen sollten, würdenSie Lady Pamela übermorgen glücklich heirathcn lassen."

Ich bin ganz unzugänglich für alles, was Siemir sagen mögen. Mein Entschluß ist gefaßt. Entwederwird die Verlobung zwischen Lady Pamela und KapitänMainwaring aufgehoben oder ich begehe Selbstmord."

Thorheit!" erwiderte ich aufspringend.Ich schämemich, Ihnen zuzuhören. Sie geben vor, Lady Pamelazu lieben, und wollen doch einen so schrecklichen Schattenauf ihr Leben werfen."

Nein", antwortete er,wenn sie Kapitän Matn-waring heirathet, so wird sie nie mein unseliges Geschickerfahren. Ich habe ihrer Familie wissen lassen, daß ichzu meinem Rcgimente zurückkehre. Wenn ich meinenZweck, wegen dessen ich Sie heute Abends noch aufsuchte,nicht zu erreichen vermag, kann sie in diesem Glaubenbleiben. Sie wird denken, wenn sie überhaupt an michdenkt, daß ich weit weg von England lebe und leide.Ich werde meine Vorkehrungen treffen, damit sie daSSchlimmste nicht erfährt. Nun, wollen Sie mir helfenoder nicht?"

Es ist mir unmöglich, Ihnen auf die Weise, wieSie mir soeben angedeutet haben, zu helfen. Es ist um-sonst. Wären Sie ruhiger, so würden Sie mir bei-stimmen. Sie würden begreifen, daß nichts, was ichjetzt noch sagen oder thun kann, die Sache ändern wird.

Wenn Sie beabsichtigten, dazwischen zu treten, warumließen Sie es bis zur letzten Stunde anstehen?"

Weil ich mit meinem Regimente nicht in England war. Die Nachricht von der Verlobung erreichte michvor drei Wochen in Afrika . Ich kam um Urlaub einund benützte gleich das erste nach England gehende Schiff.Heute Nachmittag kam ich in London an. Nun, ich willSie nicht länger aufhalten. Es thut mir leid, daß Sienicht im Stande sind, mir zu helfen. Wenn Sie mitLord Attrill gesprochen hätten, wäre es mir besser ge-gangen. So wie es ist, muß ich meinen eigenen Wegverfolgen."

Sie sind also fest entschlossen, Kapitän Main-waring zu sprechen?"

Ich bin es. Ich habe Pamela meine Absicht indem bewußten Briefe mitgetheilt. Mainwaring muß voll-ständig unterrichtet werden, ehe er sich verheirathet. Be»

Röntgcu-Ktrahlkn.

MM

SMS

i"'

-SS

Vor er heute Nacht einschläft, soll er die ganze Geschichteunserer Verlobung wissen."

Und Sie glauben, daß dies ihn bestimmen wird,auf Lady Pamela zu verzichten?"

Höchst wahrscheinlich. Auf jeden Fall werde ichihm klaren Wein einschenken."

Wenn er aber auf seiner Verlobung besteht?"

Dann werde ich die Hochzeitglocken nicht mehrläuten hören. Uebrigcns, Gilchrist, wie sagten Sie,daß dies Ihr Gift gebraucht werden müsse?"

Das geht Sie nichts an", antwortete ich.Jeweniger Sie in Ihrer gegenwärtigen Gemüthsverfassungan Gift denken, desto besser."

Ohne ein Wort zu sagen, stand er auf. Er warein schlankgebauter Mann von nerviger Gestalt, seineLippen waren fest zusammengepreßt. Selten hatte ichein entschlosseneres Gesicht gesehen.