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„Ich wünsche, ich könnte Sie bestimmen, der Sacheihren Lauf zu lassen", sagte ich zu ihm.
„Und diesem Menschen erlauben, mit ihr zu leben",erwiderte er. „Keine Macht der Erde soll mich dazuzwingen." Er reichte mir die Hand und verließ das Haus.
Kaum war er einige Augenblicke fort, da bemerkteich, daß unter den Korrekturbogen des „Lancet" Seiteacht fehlte. Auf diesem Blatte hatte ich genau beschrie-ben, wie man die todbringende Säure anwenden könne.Betroffen schaute ich um mich — das Blatt mochte zuBoden gefallen sein — ich fand es nicht — im nächstenAugenblicke entfloh meinen Lippen ein Ausruf desSchreckens. Ein kleines Fläschchen, gefüllt mit demGifte selbst, das neben dem Manuskripte gestanden war— fehlte ebenfalls. Nun wußte ich, was geschehen war.Carroll hatte das Wort „Gift" auf der Etikette derFlasche gelesen und diese selbst jedenfalls eingesteckt, eheich das Laboratorium betreten hatte.
Im gewöhnlichen Sinne des Wortes bin ich keinDoktor, obwohl ich die Arzneikunde und Chirurgie stu-dirt habe — jedoch kenne ich nur zu wohl die fürchter-lichen Eigenschaften des Trankes, mit dem sich der un-glückliche Mann versehen hatte. Meine nächste Pflichtwar, ihm sogleich zu folgen. Ich setzte meinen Hut aufund ging fort — es war Mitternacht vorüber. Sobaldich Carroll finden würde, wollte ich ihn zwingen, mirdie Flasche mit der Säure zurückzugeben; aber ich warnur wenige Schritte gegangen, als mir einfiel, daß ichja seine Adresse gar nicht wußte. Er hatte jedoch da-von gesprochen, Kapitän Mainwaring besuchen zu wollen.Mainwaring wohnte im Hotel Savoy. Ich beschloß, dort-hin zu gehen, wich nach dem Kapilän zu erkundigen undnötigenfalls meinen Weg in das Zimmer, in welchemdie Beiden miteinander sprächen, zu erzwingen.
Ich miethete gleich den ersten Wagen, dem ich be-gegnete, und ließ mich zum Hotel Savoy führen. Alsich dort ankam, war es beinahe ein Uhr. Der Nacht-portier allein war noch auf. Auf meine Frage antworteteer, daß er sofort auf Kapitän. Mainwaring's Zimmergehen werde, um zu sehen, ob Mister Carroll noch beiihm sei. Ich wartete unten — nach einigen Minutenkam der Mann zurück uud sagte mir, daß Carroll jeden-falls fort sei, da in den Zimmern des Kapitäns keinLicht mehr brenne und er daraus schließe, daß dieser sichzweifelsohne zur Ruhe begeben habe.
Ich verließ das Hotel. Vor dem Morgen konnteich nichts mehr thun. Nachhause zurückgekehrt, dachte ichstundenlang über Carroll's unselige Geschichte nach. MeineUnruhe wurde immer stärker, bis ich endlich gegen Morgenin meinem Stuhle einschlief. Während meines Schlafeswurde ich von Träumen beunruhigt, in welchen ich denverhängnißvollen Trank sah, den ich selbst bereitet, undder nun seine tötliche Wirkung auf mehr denn ein Opferausübte. Als ich plötzlich und in Schweiß gebadet er-wachte, schien die Wintersonne in mein Zimmer.
Ich ging in mein Schlafkabinet, wechselte meineKleider und beauftragte Silva, mein Frühstück zu be-reiten. Während ich mich anzog, kam ich zu einem Ent-schluß. Ich wollte schnell meine Tasse Kaffee trinken unddann sogleich Kapitän Mainwaring aufsuchen. Möglicher-weise kannte er die Adresse Carroll's. Auf alle Fällekonnte ich aus seinem Benehmen schließen, welche Wirkungdie Mittheilung des jungen Mannes auf ihn gemacht hatte.
Das Frühstück war aufgetragen, und ich trat soeben
in mein Wohnzimmer, als ein lautes Klopfen an derAußenthüre sich vernehmen ließ. Silva öffnete, und imnächsten Moment trat Carroll, bleich wie der Tod undmit einem Gesichtsausdruck, der mir das Wort auf denLippen ersterben ließ, bet mir ein.
Sobald sich der Diener entfernt hatte, kam er zumir heran.
„Ich kann es nicht glauben", sagte er, „ich fühlenicht den geringsten Schmerz, aber ich weiß, daß ich einrutnirter Mann bin: Kapitän Mainwaring ist todt."
Ich sprang auf.
„Was wollen Sie damit sagen?" fragte ich.
„Ich konstatire eine Thatsache. Ich sah ihn ver-wichene Nacht und erzählte ihm die ganze Geschichte meinesVerlöbnisses mit Pamela Crosslhwaithe. Anfänglich warer zornig, dann beruhigte er sich; sagte, er wolle einigeStunden darüber nachdenken, und bal mich, um acht Uhrwieder ins Hotel zu kommen. Ich ging hin und fandalles in ungeheurer Bestürzung — der Kapitän war todtim Bette gefunden worden. Man hatte einen Arzt ge-rufen, welcher meinte, daß da nicht alles in Ordnungsei. Die Gesichter des Hotelpersonals sagten mir, daßman mich im Verdacht habe. Ich bedeutete dem Ober-kellner, daß ich Sie besuchen werde, und komme jetzt ge-radeswegs vom Hotel. Was ist nun zu machen?"
„Das ist ja entsetzlichI" erwiederte ich, „es mußirgend ein Irrthum obwalten."
(Schluß folgt.)
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Zu unseren Bildern.
Kapuztnergeneral k. Bernhard Christen.
Im Frühjahr heurigen Jahres wählten die Hochw. ?. ?.Kapuziner auf dem Generalkapitel k, Bernhard Christen, derschon 12 Jahre sehr segensreich als General des Kapuziner-ordens gewirkt hatte, auf weitere 6 Jahre zum General desOrdens, und Papst L o XIII. bat diese Wahl bestätigt. ?. Christenist geboren am 24. Juli 1837 in Andermatt am St. Gotthard in der Schweiz als ältester Sohn der Besitzer eines kleinenBauernanwesens, die noch am Leben sind. 1855 trat er in dasKapuzinerkwster auf dem Wesemlin bei Luzeru und legte am8. Oktober 1856 die ewigen Gelübde ab. Am 29. Juli 1810 warder zum Priester geweiht und wirkte 3 Jahre als Seelsorger aufdem Wesemlin. 1863 bis 1865 war er Lektor in Zug. 1865bis 1874 Novizenmeister auf dem Wesemlin. Dann wurde erzum Guardian in Solotburn ernannt, 1879 wurde er Provinzialder schweizerischen Ordensprovinz. 1883 erfolgte seine Be-rufung als Oberer des Klosters in Lugano , von welcher Stelleweg er 1884 zum Generalkapitel nach Rom abgeordnet undam 9. Mai zum General des Ordens erkoren wurde. PapstLeo XHI. setzte motu xroprio die Dauer dieser Amtsthätigkeitauf 12 Jahre fest. Diese Daten umschließen ein an schönenThaten reiches Amtsleben im Kapuzincrorden. Das fühlt jeder-mann, der diese Daten nur liest. Es ist kaum möglich, all dieschönen Thaten gebührend hervorzuheben, wodurch ?. Bern-hard Christen seine Liebe zur hl. Kirche und zu seinem seraphischenOrden bekundet und sein Vaterland ehrt. Erwähnen wirFolgendes : ?. Bernhard Christen hat als Kapuzinergeneralbereits die 44 Provinzen und 6 Generalkommissariate (d. h. 6Distrikte, von welchen jeder mehrere Klöster umfängt, die abernoch nicht eigentliche geordnete Provinzen bilden, sondern je voneinem Kommissar der Generaldefinition verwaltet werden) inEuropa und Amerika besucht und die Hauptsttze der Misstons-stationen in Asien und Afrika mit seiner Gegenwart erfreut.Als er das Ordensgencralat antrat, bestanden 42 Provinzenund 2 Kommissariate; auch die Missionsstationen haben sichseitdem vermehrt. Seine Amtsführung hat das von seinem Vor-gänger kaum ins Leben gerufene und auf ganz schwachen Füßengestandene „Orientalische Miiflonsinstitut" mit seinen Häusernin Smyrna und Phtlippopolis erhalten und sichergestellt. Was?. Bernhard Christen als General zur inneren Erfrischung und