Ausgabe 
(15.12.1896) 103
Seite
793
 
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1896 .

Augsburger postzritung".

Dinstag, den 15. Dezember

Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg .

Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabberr in Augsburg lBorbesitzer vr. Max Huttler ).

Ihr erster Roman.

Novelle von Antonie Haupt .

(Fortsetzung.)

IV.

Station Thäte! Alles aussteigen!"

Otto, wir sind am Ziele! Hörst Du nicht? Nun,so kehre doch endlich in die Wirklichkeit zurück!" DoktorHesse begleitete die letzten Worte mit einem ziemlichenergischen Schlag auf die Schulter des Freundes.

Freiherr von Saarstein klappte mit tiefem Athem-zuge das Buch zu, das er nun schon zum drittenmalelas, schaute im Etsenbahncoups umher und sagte nochhalb wie im Traume:

Du hast Recht, Georg, diese eigenartige Dichtungversetzt mich förmlich in eine andere Welt. Aber ichmüßte nicht selbst Schriftsteller sein, um mich dem Reizedes Einblicks, der mir in die Gemüthswelt dieser edlenFrauenseele offen steht, entziehen zu können. Ich fühlees, die junge Dichterin hat ihr eigenes Ich lo ganz undgar mit der Heldin ihres Romans verwebt, daß ihretiefsten Empfindungen, ja ihr ganzes Wesen und Seinaufgeschlossen vor mir liegt. Alle ihre Gedanken findenWiderhall in meiner Seel-, als ob es die meinen wären.Ich verstehe sie vollkommen, ja ich glaube sie zu kennen,wie mich selbst. Die Wahrheit und Treue, womit daswunderbare Wesen in dem Helden ihrer Schöpfung meinenCharakter schildert freilich tdealisirt, doch mit denkleinsten Eigenthümlichkeiten macht mich vollendsfassungslos. Es ist, als ob ich mein eigenes Bild ineinem Zauberspiegel sähe. Unmöglich, daß sie mich nuraus meinen Schriften kennt, in die ich allerdings eingroßes Stück meiner Lebensgeschichte hineingewebt habe;wir müssen uns häufig begegnet sein. Doch wer ist sie?Wo und wann standen wir uns nahe?"

Während dieser Rede hatte Saarstein seine Reise-effekten zusammengesucht und war dem Freunde ins Freiegefolgt. Dieser hatte nur mit halbem Ohr seinen Wortengelauscht und entgegnete ziemlich zerstreut:

Nun, die romantische Geschichte wird sich doch end-lich einmal aufklären. Wohin sollen wir hier denn eigent-lich unsere Schritte lenken?"

Ohne Zögern nach der Roßtrappe. Dort finde ichden erhofften Brief, das ahne ich, das sagt wir die eigen-thümliche, nicht zu bezwingende Sehnsucht, womit ich nachjenem mir unbekannten Ort verlange", lautete die Antwort.

Georg schüttelte lächelnd den Kopf.

Wenn Du mit Ahnungen Dich abzugeben beginnst,so wird der letzte Rest von Vernunft Dich bald ganzverlassen haben."

Durch die unliebsamen Erfahrungen am Renneken-berg doppelt vorsichtig geworden, sah man sich auf demBahnhof nach einem Führer um. Bald war einer ge-funden in der vertrauenerweckenden Person des rühmlichstbekanntenalten Hartmann". Unter der Leitung destreuherzigen Alten traten unsere Freunde jetzt in dashochromantische Bodethal.

Wer vermag die wunderbare Schönheit zu schildern,welche sich ihren Blicken dort enthüllte! Die weiche,goldene Septembersonne lagerte mit zauberischem Lichteauf dem buntgefärbten Laube, das zwischen den groteskenwilden Felsgebtlden freundlich hervorlugte, beleuchtete dieabenteuerlichen Formen der auf allen Seiten dräuend zumHimmel starrenden, gewaltigen schwarzen Steinmassenund stahl sich zitternd hinab in die tiefste Thalsohle. woder schäumende Bach zwischen mächtigen schwarzen Fels-blöcken dahinbrauste. Das Thal in seiner majestätischdüstern Schönheit stimmt auch bei der sonnigsten Be-leuchtung die Menschenseele zum Ernst. Es weht etwasGcheimnißvollcs, Uebermenschlichcs um diese wunderbarenFelsenklüfte mit ihrem feierlichen, regungslosen Schweigen.Kein Wunder, daß die Phantasie des Volkes den Fürstender Finsterniß in diesem Schattenreiche herrschen läßt.Man findet hier eineTeufelskanzel", einTeufels-waschbecken". eineTeuselsbrücke", ja, den leibhaftigenBösen selbst, versteinert in unendlicher Größe.

Unter der Anführung des biederen Thalenserswandten unsere Reisenden sich bald der sogenanntenSchurre", einem Zickzackwege, zu, welcher sie nach einerhalben Stunde auf die Höhe der gewaltigen Roßtrapp-kltppen brachte. Die wechselnde Aussicht nach dem im-posanten düstern Felsenthale mit der wildschäumendenBode, sowie nach der weiten, sonnigen, duftblauen Ebenemit ihren vielen Städten war entzückend. Doch Otto,der begeisterte Naturfreund, bemerkte heute nur wenigvon der ihn umgebenden Pracht. Seit dem Tage, anwelchem er die ersten Seiten des RomansAuf derHöhe" gelesen, stand nur ein Bild, das Bild einer idealenFrauengestalt voll Anmuth und Würde, vor seinem geistigenAuge. Er kannte nur mehr einen Wunsch, der liebens-würdigen Dichterin, welche seine Einbildungskraft mitallen Vorzügen edler Weiblichkeit schmückte, welche ihm