Ausgabe 
(15.12.1896) 103
Seite
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geistig so rohe stand, auch persönlich nahe zu treten.Zu seinem tiefsten Leidwesen aber hatte er mit demRoman zugleich einen Brief des Verlegers empfangen,worin dieser sein Bedauern darüber aussprach, ihm dieAdresse der Schriftstellerin nicht verrathen zu dürfen.

Nach kurzem Ueberlegen fand Saarstein einen Um-weg zu ihr. Er schrieb anIlse Treuenfels", erzählteihr von dem Fund des Tagebuches, bekannte freimüthigseine Indiskretion, schilderte den mächtigen Eindruck, denihr geschriebenes Wort auf seine Seele gemacht, gestand,wie er dann unablässig nach ihr geforscht. Wie er end-lich ihren RomanAuf der Höhe" kennen gelernt, dersein Herz bewegt habe, wie nie etwas im Leben. Wienun all' sein Wünschen in dem Verlangen gipfele, ihrAuge in Auge gegenüberzustehen, ihr, die seine Gedanken,seine Phantasie, sein Herz so ganz gefangen nehme. AmSchlüsse beschwor er sie, ihm zu schreiben, ihm die Mög-lichkeit zu geben, ihr seine Bewunderung persönlich aus-zusprechen.

Diesen Brief sandte er als geschlossene Einlage anden Verleger und bat ihn, denselben an die richtigeAdresse zu befördern. Als seinen eigenen Aufenthalts-ort in nächster Zeit gab er die Roßtrappe bei Thale an.Die Verfolgung hatte er aufgegeben, da er die vergeb-liche Mühe eines noch längeren Forschens und Umher-spähens erkannt hatte; mit der ganzen Ungeduld seinesHerzens aber hoffte er nun auf ein schriftliches Lebens-zeichen von ihr. Da stand er auf dem schönsten, roman-tischsten Punkte des ganzen Harzgebirges, doch sein Augeblieb blind für die großartige Umgebung; die ungestümeSehnsucht nach einem Zeichen von ihr ließ ihm keineFreude an dem ruhigen Genuß der Landschaft, trieb ihnrastlos vorwärts. Mit beflügelten Schritten eilte er denAndern voraus zum nahen Gasthause.

Kein Brief für Freihcrrn von Saarstein angekom-men?" war seine erste Frage.

Saarstein, Saarstein!" murmelte der dienstthuendeKellner, indem er eine Anzahl Briefe aus einem ver-schlossenen Fache nahm und durchmusterte.Doch, hierist einer."

Die Aufschrift des Briefes war wirklich von derHand des Verlegers. Hastig zerriß Otto die Umhüllung,und stehe da, die bekannte zierliche und doch so energischeHandschrift der Verfasserin des Tagebuches kam zumVorschein. Fast athemlos vor Freude verlangte Saar-stein sofort sein Zimmer und eilte hinauf. Mit demGefühle überströmenden Glückes begann er zu lesen, dochder freudige Ausdruck seiner Züge machte bald dem derEnttäuschung und Niedergeschlagenheit Platz. Der Brieflautete:

ES gereicht mir beinahe zum Trost, daß geradeSie und nicht ein unberufener Fremder mein unseligesTagebuch fanöen. Doch ein ausschließliches Gefühldie Beschämung hat mich noch viel mächtiger ergriffen.Sie werden verstehen, wie der Gedanke, daß Ihnen meininnerstes Seelenleben, das sorgsam gehütete Geheimnißmeines Herzens, rückhaltlos enthüllt ist, es dringend ge-bietet, meinen wahren Namen, mich selbst vor Ihnen zuverbergen. Wie vermöchte ich es auch, Ihnen ruhiggegenüberzutreten und die Enttäuschung bei meinem An-blick in Ihren Augen zu lesen l Sie glauben, mich zukennen, mich zu lieben! Welch' ein Wahn!

Aus meinen Schriften haben Sie sich eine idealePhantasiegestalt gebildet und glauben an die Gluth Ihrer

Empfindung wie an die Wahrheit der selbstgeschaffenenTraumgestalt. Wenn ich Ihnen begegnete, so fändenSie, das weiß ich gewiß, eine vollständig Andere, als dasgeträumte, Ihnen so vertraute Wesen. Sie würden mirvielleicht ein wenig Mitleid weihen und sich dann mitGleichgiltigkeit, möglicherweise sogar mit Abneigung vonmir wenden. Das ertrüge ich nicht! Lassen Sie michferne bleiben, lassen Sie mir den Sonnenstrahl meinesLebens, das beglückende Bewußtsein, daß wenigstens meinunsichtbares Ich, meine Seele, von Ihnen geliebt werde.Uns Frauen macht die Liebe ja unser höchstes Glückaus, umschließt unser ganzes Dasein, während sie EuchMännern nur eine Episode ist. Warum soll ich esleugnen, Sie wissen es ja, daß ich Sie liebe denhochherzigen, edlen Mann, nicht nur den so mächtigfesselnden Schriftsteller daß ich Sie liebe und ver-ehre mit der ganzen Schwärmerei eines jungen Herzens.Nichts in der Welt jedoch hätte Ihnen meine Liebe ver-rathen, wenn nicht das Verhängniß Ihnen einen Ein-blick in mein Herz eröffnet hätte. Meinen wahren Namennenne ich Ihnen nie; denn ich möchte lieber sterben, alsder Gegenstand Ihres Mitleids sein. Forschen Sie nichtnach mir, es wäre vergebens. Leben Sie wohl. Mögeder Himmel Sie glücklich machen! Meine heißestenSegenswünsche und Gebete werden Ihnen das Geleitegeben, so lange ich athme.

Ilse Treuenfels."

Nachdem Otto den Brief erst in namenloser Span-nung verschlungen, dann wieder und wieder nachdenklichund kopfschüttelnd gelesen, flog ein Lächeln über seine Züge.

Glaubt sie wirklich, daß ich mich thatlos zufrieden-gebe, daß ich mich mit einer anonymen Liebe begnüge?"flüsterte er.Nein, o nein, ich müßte kein rechter Mannsein, wenn der Widerstand sie mir nicht noch begehrens-werther erscheinen ließe, mich nicht anspornte, alle Hinder-nisse, die mich von ihr trennen, siegreich zu überwinden.Es liegt ein unendlicher Zauber für mich in dem Ge-danken, sie dennoch zu finden, sie für mich zu gewinnen.Eigenthümlich .... auch ihr Brief deutet an, daß siemich persönlich nicht nur als Schriftsteller kennt,deutet an, daß ich ihr beim Begegnen Gleichgiltigkeit ge-zeigt habe. Ja, ja, es ist efn peinlicher Punkt in derFrauenltebe; Liebe beherrscht das ganze Leben des Weibes,Liebe ist ihr Ziel, ihr Glück; und dennoch muß die Frau,will sie nicht der Sitte Hohn sprechen, will sie nicht fürunweiblich gelten, dem geliebten Manne sorgfältig ihreNeigung verbergen, es sei denn, daß die Liebe zufälliggegenseitig ist und er ihr zuerst seine Gefühle gesteht.Armes Kind! Nun, da ich einen Blick in Dein Herzgethan, werde ich die Welt durchforschen, um Dich zufinden. Mit namenloser Sehnsucht zieht es mich zu Dir;ich habe Dich verstanden, wie Du von niemand in derWelt besser verstanden werden könntest."

Der Eingebung des Augenblickes folgend, setzte ersich flugs an den Tisch und schrieb:

Selten habe ich das Eingreifen einer höhern Macht,die unsere Geschicke lenkt, so dankbar empfunden, als inder wundersamen Fügung, die mir Ihr Tagebuch in dieHand spielte, die mir Ihr ganzes schönes Herz enthüllte.Und Sie könnten so grausam sein, sich noch länger vormir zu verbergen? Sie wollten mir das höchste Glück,das Glück, Sie kennen zu lernen, versagen? O, ichweiß, ein überfeines Gefühl edler Weiblichkeit leitet Siehierin; ich errathe, was in Ihrer Seele vorgeht, ich