Ausgabe 
(15.12.1896) 103
Seite
795
 
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verstehe Sie ja wie mich selber. Doch es ist unnatür-lich, daß wir uns niemals Auge in Auge gegenüberstehensollen, wir, die das Geschick so wunderbar zu einanderhinführt. Seit ich die ersten Zeilen Ihrer Aufzeich-nungen las, haben Ihre Worte mir unaufhörlich durchdie Seele nachgeklungen. Seit ich in der Betrachtungder holden Schöpfung Ihres Geistes einen Genuß fand,der mein ganzes Wesen mit Entzücken durchdrang, warenSie die Königin meiner Träume, das Ziel meinesSehnens. Es macht mich wahrhaft unglücklich, ein Wesen,das mir so ähnlich ist, mir geistig so nahe steht, das ich !

muß. die mich entzücken, während die vollendetste äußereSchönheit allein keinen Reiz auf mich auszuüben ver-möchte.

Mit dem heißen Wunsche, Ihnen bald wehr seinzu dürfen, als heute, wo Ihr Wille mich in ferneSchrankn bannt, bin ich Ihr Freund

Otto v. Saarstein."

Er verschloß den Brief, richtete einige Zeilen anden Verleger und steckte Alles zusammen in ein größeresCouvert.

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V.

Auf dem Weihnachtsmarkt.

mit heißer Liebe und inniger Verehrung an mein Herzziehen möchte, ohne körperliche Form zu wissen. DieLiebe muß, wie Jean Paul sagt, etwas Körperlicheshaben, einen Zweig, auf den sie herunterfliegt. SendenSie mir wenigstens diesen Zweig Ihre Photographie.Fürchten Sie nicht, daß Ihr Bild anders sei, als das,welches meine Phantasie mir ausmalte. Harmonie zwi-schen Wesen und Erscheinung muß bestehen, eine anderevielleicht, als ich träumte, aber immerhin eine mich freund-lich berührende. Ich weiß ja, daß die Schönheit IhrerSeele auch durch die unscheinbarste Hülle Strahlen werfen

Am folgenden Morgen ward in allerFrühe ein Ausflug nach dem unfernenBlankenburg unternommen. Als unsereFreunde im Laufe des Nachmittagswieder nach dem Gasthause zur Roß-trappe zurückkamen, woselbst sie längerenAufenthalt nehmen wollten, gewahrtensie in der nahen Veranda zwei jungeDamen häuslich angesiedelt. Die zunächstSitzende, eine kleine, zierliche Blondinemit feinen, etwas bleichen Zügen, schienemsig mit einer Handarbeit beschäftigt.Otto's Auge, welches einen Momentüberrascht auf ihr geruht, flog über siehinweg, um mit dem Ausdruck frohenStaunens auf der reizen den Frauen-gestalt zu haften, die unbeschreiblichunmuthig in einem Schaukelstuhle lagund mit großen, dunklen Augen in dieFerne starrte, während ein Buch, indem sie gelesen hatte, in ihrem Schooßeruhte. Dunkel war das kurze Gelocke,welches so graziös über ihre schöneStirn fiel, zierlich das feine Stutz-näschen, wie eine frische erschlosseneGranatblüthe leuchtete der kleine, rotheMund.

Beim Erscheinen Saarstein's zucktesie leicht zusammen; als beider Blickesich begegneten, flog eine dunkle Nötheüber das pikante Gestchtchen, und ausihren lebensprühenden Augen flammteein Blitz, der den Freiherrn mit plötz-lichem Licht eigenthümlich bis in'sInnerste traf. Er eilte auf sie zu.

Täuscht wich eine Fata Morgana,oder sind Sie's wirklich, Frau v. Elz ?"^rief er aus.

^Ich bin's." Sie bot ihm die Handfund lachte, wobei zwei Reihen blendend-" " -". ,:.Lweißer Zähnchen zum Vorschein kamen.PhantastischcLuftgebilde verirren sich nicht in das nüchterne,ernst-gravitätische Harzgebirge."

Er zog ihre Hand an seine Lippen.

(Fortsetzung folgt.)

Das Schlange Ȋuge.

(Schluß.)

Während ich den Brief las, stand Gopinath mit ver-schränkten Armen einige Schritte von mir entfernt. Ich sahihn an und sogleich fiel mir eine große Veränderung in seiner