Erscheinung auf. Als ich ihn zum letztenmale gesehen, warer mir als ein besonders schöner Vertreter seiner Raceerschienen — schlank und kräftig, mit wundervollen ge-schmeidigen Gliedern. Jetzt war sein Gesicht verzerrt,seine Augen hatten jenen Ausdruck der Angst, den ichschon öfters in den Augen eines leidenden Hundes be-obachtet hatte, seine Gestalt war gebeugt, und in Zwischen-räumen entfuhren seinen Lippen langgezogene Seufzer.
„Du bjst krank, Gopinath", sagte ich unvermitteltzu ihm.
„Sahib, ich leide", antwortete er. Bei diesen Wortendrückte er seine rechte Hand an seine Seite. „Ich leideTodesangst."
„Gib mir deine Hand I" Ich nahm sie in die meinige.Sein Puls ging schnell und unregelmäßig; seine Hautwar brennend heiß; er war augenscheinlich sehr krank,und ich glaubte, er sei einem orientalischen Fieber zumOpfer gefallen.
„Bei jedem Athemzuge leide ich unsägliche S hmerzen",sprach er stöhnend. Ich bot ihm einen Stuhl an, eraber setzte sich mit überschlagenen Beinen auf den Boden.
„Können Sie mir Erleichterung verschaffen?" fragteer. „Man sagt, Sie verstehen die Kunst zu heilen."
„Es wäre besser, wenn du einen Arzt zu Ratheziehen wolltest," sagte ich.
Er schloß die Augen und begann sich nach vor- undrückwärts zu beugen.
„Ich brauche keinen englischen Doktor, die unge-wohnte Kälte in diesem England verursacht mein Leiden.Ich muß in mein Vaterland zurückkehren. Ich sterbe,wenn ich noch länger hier bleibe."
Er fuhr mit der Hand wiederum nach seiner rechtenSeite. Bei dieser Bewegung durchkreuzte plötzlich einGedanke mein Gehirn. Sein tiefer Kummer, die voll-ständige Veränderung in seiner Erscheinung erweckten inmir eine wilde Hoffnung. Der Verdacht des Mordeswar noch nicht auf Gopinath gefallen. Gesetzt, er wüßtedarüber mehr als irgend ein anderer? Ich zweifeltenicht im Geringsten, daß die Person, die den Diamantengestohlen, auch den Mord begangen habe. Gesetzt, dieVersuchung, den Stein sich anzueignen, sei für Gopinathzu viel gewesen?
„Steh' auf", sagte ich plötzlich zu ihm. „Du hasthier Schmerzen?" Ich deutete auf seine rechte Seite.
„Qualen", erwiderte er. Ich sah, daß er sich kaumaufrecht halten konnte — sein Leiden wenigstens warkeine Verstellung.
„Ich werde herausbringen, was dir fehlt."
„Können Sie mir helfen?" fragte er. Ein schwacherHoffnungsschimmer blitzte in seinen Augen auf.
„Vielleicht. Bleibe einen Augenblick da stehen; ichwerde gleich wieder hier sein.
Ich verließ ihn und ging in mein Laboratorium.
Der Moment war gekommen, in welchem ich wirk-lich die Röntgen-Strahlen erproben konnte. War es mög-lich, daß sie vielleicht doch das Mittel sein konnten, einVerbrechen zu enthüllen und das Leben eines Un-schuldigen zu retten? — Crooke's Vacuumröhre wurdein die richtige Lage gebracht — ich sah, daß die Strahlengut arbeiteten — dann kehrte ich zu Gopinath zurück.
„Komm' mit mir."
Er folgte mir in mein Laboratorium ohne ein Wortzu sprechen. Ich bat ihn, sich zu entkleiden und stellteihn dann nach einigen vergeblichen Versuchen so auf, daß
die Strahlen seinen Körper durchdringen mußten. Ichdrehte das Licht in dem Zimmer ab — meine elektrischeBatterie arbeitete gut, die Strahlen entwickelten sich inder Röhre vortrefflich. Ich entfernte die Kapsel von derCamera, und nach einer Exposittonszeit von?—10 Minutenfühlte ich, daß ich eine sorgfältige Photographie ge-wonnen hatte.
„Es genügt," sagte ich zu Gopinath. Ich führteihn in die Bibliothek zurück. „Ich habe dich photo-graphirt, und die Aufnahme wird mir den Sitz deinerKrankheit zeigen. Sobald ich die Photographie ent-wickelt habe, werde ich zu dir zurückkommen."
Darauf kehrte ich in meine Dunkelkammer zurückund entwickelte schnell die Platte. Nachdem ich diesesgethan und wirklich das sah, was die geheimnißvollenX-Strahlen hervorgebracht hatten, konnte ich^ kaum einenlauten, freudigen Ruf unterdrücken. Das Skelett desBrahmanen war deutlich sichtbar, und genau an derStelle, an welcher Gopinath hauptsächlich über Schmerzenklagte, konnte man einen Fremdkörper von der ungefährenGröße des Schlangenauges unterscheiden. Ich hatte nichtden geringsten Zweifel, daß dies die goldene Fassung desDiamanten sei, da dieser selbst auf die X-Strahlen jeden-falls nicht reagirte. Es war dies nicht das erste Mal,daß der menschliche Körper zum Versteck eines gestohlenenGegenstandes gedient hatte.
Ich kehrte zu dem Kranken zurück, sagte ihm, daßich die Ursache seiner Krankheit herausbekommen und daßich ihm wahrscheinlich binnen kurzer Zeit Erleichterungverschaffen könne. Er hatte derartige Schmerzen, daß erkaum auf meine Worte achtete und augenscheinlich garkeinen Verdacht schöpfte.
Ich ging dann fort und kam nach kurzer Zeit mitLord Attrill und einem sehr geschickten Arzte, NamensSymes zurück. Ich zeigte den beiden Herren die Photo-graphie. Ihr Erstaunen war grenzenlos.
„Der Unglückliche leidet an Peritonitis", sagte derArzt, indem er die Photographie aufmerksam betrachtete.„Natürlich müssen wir erst den Gegenstand entfernen;aber ich glaube nicht, daß er es aushalten wird. Wennes nicht gleich geschieht, ist er unrettbar verloren."
„Die Hauptsache ist, ein Bekenntniß von ihm zuerzwingen", sagte Lord Attrill.
„Kommen Sie jetzt mit mir, meine Herren", bat ich.
Wir gingen in die Bibliothek, wo Gopinath amBoden lag und jämmerlich stöhnte.
„Du bist so krank", sagte ich zu dem Inder, „daßich dich ohne die Hülfe eines guten Arztes nicht zu heilenvermag. Dies ist Or. Symes. Er muß vor allem denDiamanten, welchen du verschluckt hast, entfernen."
Seine dunklen Augen glühten wie Feuer undhefteten sich auf mein Antlitz.
„Kann ich hoffen, wieder hergestellt zu werden?"
„Nur, wenn der Diamant entfernt wird, sonst nicht.Nun sage uns, auf welche Weise du den Kapitän Main-waring ermordet hast."
„Mit einem Safte, der nur meinem Volke bekanntist; ich werde das Geheimniß nicht entdecken. Ich brachtedas Gift von Indien mit herüber und wartete nur aufeine Gelegenheit. In der Nacht, wo ich MainwartngSahib mit dem jungen englischen Sahib sprechen sah,glaubte ich die Stunde gekommen. Der Xss
Xnirst war daS Auge eines unserer Götter, dessen Fluchauf mir lag, bis ich es zurückbrachte. Ich hatte mich mit