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sehr", behauptete Hesse lächelnd, „aber mit dem bestenWillen konnte ich bei Fräulein von Arendal nichts vontückischem Gründers wahrnehmen. Viel lieber möchte ichdie junge Dame mit Champagner in Eis vergleichen.Unter der kalten Oberfläche birgt sich nur mühsam dieinnere Gluth. Es gibt für wich nichts Reizvolleres, alsder Gegensatz solcher äußern Kälte und inneren Feuers,dessen Flamme man durch die krystallne Hülle lodern sieht."
(Schluß folgt.)
Die „Psillgsttage zu Secg".
^ <Mchdruck verboten.)
In den heurigen Adventtagen wurden es 100 Jahre,daß im Pfarrhof des Dorfes Seeg i. A., jetzt eine Stationauf der Linie Füssen—Oberdorf, merkwürdige Dingegeschahen.
Dieser Pfarrhof war nämlich damals längere Zeitder Mittelpunkt einer eigenthümlichen, mystisch-religiösenBewegung, welche vom Gebiete des Fürstabts von Kempten ausging und über die Gegenden diesseits und jenseitsder Jller und der Wertach sich immer weiter verbreitete.
Der katholische Priester Martin Boos , ein naherVerwandter des Pfarrers von Seeg , machte durch seinePredigten großes Aussehen. Er drang bei seinen Zu-hörern auf lebendiges Christenthum, schalt sie Juden-christen, die in äußerlicher Werkheiligkeit sich Plagen undzu keinem Frieden gelangen werden, bis der heilige Geistsie nicht taufe mit Feuer und zum wahren Leben erwecke.
Ueber den Erfolg seiner Thätigkeit auf der Kanzel,im Beichtstuhl und beim Privatumgang schreibt Boosselbst: „Im Jahre 1795 und 96 bekamen diese müh-seligen und beladenen Seelen einen überaus klaren undhellen, tiefen Blick in das Geheimniß, Christus füruns und in uns." Später schreibt er: „Sie glaubtennämlich lebendig, als sähen sie es, daß ihnen Gottum Jesu Blut und Tod willen ihre Sünden ver-geben, und daß Christus vom Vater auch ihnen gemachtsei zur Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung.Und zum Zeichen, daß sie nicht fehl gegriffen und ge-glaubt hätten, wurden sie auf der Stelle mit dem heiligenGeiste getauft, sie bekamen in ihrem Inwendigen neuenFrieden, das brennende Sündengefühl war verschwunden,der heilige Geist gab ihrem Geiste Zeugniß, daß sie Kin-der Gottes seien." Solche Leute nannte Boos „Bekehrte "oder „Erweckte", während sie unter sich Bruder undSchwestern sich hießen und fest zusammenhielten. DerGegensatz, in den diese Christen bald zu den andernLeuten traten, erregte vielfach Eifersucht, Spott undStreit, während die in den Kreisen der Erweckten vorkommenden Träume, Gesichte und Erscheinungen ihnenden Schein des Mystischen und Geheimnißvollen gaben.
Der Pfarrer von Seeg, Joh . Mich. Feneberg, dessenKaplan Boos früher war, hörte von der neuen Bewegung,und sein frommes und inniges Gemüth wurde mächtigdavon gepackt. Seine ganze geistige Veranlagung wiedessen bisherigen oft recht trüben äußeren Lebensverhältnissehatten seinem religiösen Leben überhaupt eine mehr nachinnen gehende Richtung gewiesen. Er war als Pro-fessor zu Dillingen mancherlei Anfeindungen ausgesetztgewesen; darum trat er im Jahre 1793 die PfarreiSeeg an. Bald nach seinem Antritt brach er auf demHeimritt von einer Filiale den Fuß, der ihm durch eine
schmerzhafte Operation abgenommen wurde. Er trugaber sein Unglück mit bewnndernswerther Geduld undunterschrieb seitdem die Briefe an seine Freunde mit denNamen: Einsüßer oder Stelzenmichel. Einer von seinenKaplänen, der liebe Christoph Schmid, schreibt über Fene-berg, daß er ein „verehrungswürdiger, frommer, wohl-wollender, menschenfreundlicher, kenntnißreicher Mann"gewesen sei. Professor Sailer, der nachmalige Bischof,aber gab ihm den schönen Namen „Nathanael", weil inihm kein Falsch und Arg war.
Feneberg ehrte Sailers edlen Charakter und hoheBildung; es lag ihm deßwegen viel daran, das Urtheildieses Gelehrten über die Erweckungen des Boos kennenzu lernen. Erst dann getraute er sich der neuenBewegung näher zu treten. Auch Boos wünschte, denfrommen und hochgeachteten Sailer, seinen ehemaligenLehrer, für seine Sache zu gewinnen.
Professor Sailer lebte nach seiner Entlassung vonder Dillinger Universität in Ebersberg bei einem Freunde.Er beschäftigte sich dort viel mit den Schriften der deut-schen Mystiker wie Tanker, Suso u. A. Bisweilen be-suchte er seine Freunde da und dort, um sich mit ihnen„in oninsra, caritatis", wie er sagte, in vertrauten Ge-sprächen auszutauschen.
Bet einem solchen Besuch seines Freundes Fenebergam 18. Dezember im Jahre 1796 sollte er nun auchmit der von Boos angefachten, neuen Bewegung zumersten Male in Berührung kommen.
BooS erschien in Begleitung einiger Erweckter gegenAbend bei Sailer im Pfarrhofe zu Seeg . Er war da-mals Kaplan in Wiggeusbach. Unter den Erweckten, dieer mitbrachte, war ein Bauernmädchen auS Wertach , diefrüher in Ungarn gedient hatte. Sie hieß Therese Erdtund wird von Boos gerühmt als eine „die voll Einfaltund heiligen Geistes" war. Diese Therese sollte nunan Sailer zur Prophetin werden. Sie hatte ihn kaumerblickt, da rief sie mit erhobener Stimme aus: „Du bistnoch ein Pharisäer und Schriftgclehrter, Du hast zwardie Wassertaufe Johannis, aber noch nicht die Geistes-und Feuertaufe Jesu empfangen. Du hast zwar ausdem Gnadenbächlein schon viel getrunken, aber in dasMeer der Gnaden bist Du noch nicht gekommen. Undwenn Du dazu kommen willst, mußt Du klein werden,wie ein Kind."
Alle waren erstaunt über diese Rede, am meistender Angeredete. Das Mädchen bemerkte Sailers Ver-legenheit, der kein Wort sagte, und fügte wie zur Ent-schuldigung bei, Boos habe ihr zwar auf dem Herwegeverboten, so zu reden, aber sie müsse so reden, weil esihr Gott so eingegeben habe. Uebrigcns war ihreAnrede nichts anderes als ein Nachklang der Lehre undPredigt ihres Seelenführers Boos.
Feneberg wurde an jenem Abend so angegriffen,daß er sich frühzeitig zur Ruhe begab. Auch Sailer,dem die Vorwürfe einer Magd, die eigentlich ihm zurPrüfung vorgeführt war, wehe thaten, entzog sich stilledem Kreise der Erweckten und ging zu Bette. AndernTages reiste er sehr frühe ab. Man wollte ihn zumBleiben nöthigen, allein er eilte fort. Beim Abschiedrief ihm Therese Erdt wiederum im Geiste der Advent-zeit zu: „Er kam zu den Seiuigen, und die Deinigennahmen ihn nicht auf; die ihn aber aufnahmen, denengab er Macht, Kinder Gottes zu werden." Sailer sagtedarauf nur: „gut, gut", nachdem er kurz vorher sich Boos