Ausgabe 
(18.12.1896) 104
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805
 
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gegenüber äußerte, das, was dieser sage, leuchte ihm einund sei schriftmäßig, in die Prophetenworte der Erdtaber könne er sich nicht finden.

Als Sailer abgereist war, überkam es die Zurück-gebliebenen doch wie Reue. Sailer war mit trüberMiene von ihnen geschieden. Sie glaubten, er sei be-leidigt. BooS weinte, und auch die Prophetin begannzu schluchzen. Auf einmal sprach sie:Seid getrost, eswiderfährt ihm auf dem Wege noch Gnade, Gott thutein Wunder an ihm. Der Herr wird seinem Herzen er-scheinen." In der That schickte Sailer einige Stundennach seiner Abreise einen Zettel an Feneberg, auf demin lateinischer Sprache die Worte standen:Liebste Bruder,Gott gab mir eine unaussprechliche Ruhe des Gemüthes.Ich zweifle nicht, daß der Herr im sanften Säuseln ge-kommen oder schon da ist. Ich glaube, daß Johannesmit Wasser, Christus aber mit dem Geiste taufe. Betet,Brüder, daß wir nicht in Versuchung fallen. Das klebrigewollen wir Gott überlassen. Lebet wohl!"

Dieses Schreiben war in den Augen des Boos undseiner Anhänger von großer Bedeutung. Sie hieltenSailer nun für einen Erweckten, für einen der Ihren.Er hat sie nicht entschieden verurtheilt, indeß ihnen war-nend zugerufen:Betet, daß wir nicht in Versuchungfallen."

Da nun auch Feneberg mit seinen beiden Kaplänenvon jenen Tagen an sich Boos und seiner Sacheenger anschlössen, so hießen diese Adveuttage im Kreiseder Eingeweihten nur mehrdie Pfingsttage vonSeeg ". Und ähnlich wie Feneberg in diesen Kreisenden biblischen NamenNathanael" trug, erhielten auchseine Kapläne nach ihrer Erweckung solche Namen. Der«ine, Xaver Bayer, wurdeMarkus" und der andere,Andreas Siller,Silas" geheißen. Bald nach dieserBegebenheit im Pfarrhof zu Seeg hielt Boos in Wiggens-bach eine sehr aufregende Predigt. Die Gemeinde spal-tete sich in Parteien, und Boos, seines Lebens nicht mehrsicher, flüchtete auf einem alten Schimmel zu Fenebergnach Seeg . Die kirchliche Behörde sah sich veranlaßt,die neue religiöse Bewegung zu untersuchen. Bis hereinin das gegenwärtige Jahrhundert aber konnte sie dauern,weil ihre Führer oft aus weiter Ferne die Erweckten undEingeweihten zum Ausharren ermunterten.

WaS ist nun aus allen jenen geworden, welche einstdiePfingsttage" in Seeg miterlebten? Sailer erhielt3 Jahre nach dem erzählten Begebntß eine Professurauf der Universität Jngolstadt ; Boos hat sich über ihnspäter öfter beklagt, daß er so vielGelehrtes" an sichhabe und seine Sache für Schwärmerei halte. DerLetztgenannte wanderte Ende des vorigen Jahrhun-derts nach Oesterreich aus, wo er als Pfarrer inGallneukirchen bei Linz lebte. Von hier aus kam ernach Sahn bei Ncuwied am Rhein und starb dortim Jahre 1825. Kurz vor seinem Tode hatte er ge-hört, daß 400 seiner Anhänger in Gallneukirchen ausder Kirche ausgeschlossen wurden.Bei diesen 400 möchteich sein", schrieb er darüber. Der Pfarrer Feneberg starb1812 in Vöhringen . Christoph Schmid stand an demSterbebette des von seiner Gemeinde tief betrauertenund von seinen Freunden herzlich geliebten Mannes.Einer der Kapläne aus der Seeger Zeit, Andreas Siller,ist ihm fünf Jahre früher in die Ewigkeit voraus-geeilt. Er war Pfarrer in Krumbach , wo er mit Segenwirkte. Der andere Kaplan, Xaver Bayer, hat als

Pfarrer in Pfronten wiederholt ein rühmliches Zeugnißseiner Treue gegen den König abgelegt und wüthig denaufrührerischen Bauern ihre Sünde vorgehalten.

Und was ist aus der Hauptperson der Secger Er-eignisse geworden, aus der prophetischen Magd ThcreseErdt? Ihre Zukunft war keine glückliche. Nach man-cherlei Fahrten durchs NieS und das Bayerische schloßsie eine Gewissensehe mit einem, dessen Stand schon eineEhe nicht ermöglichte.Wir sind Kinder Gottes", sagtesie einst zu einem Geistlichen, der sie auf die Gefahrenihres schwärmerischen Geistes hingewiesen hat.

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Ans -er Zeit drr VerLü deteu.

Von Friedrich Koch-Brcuberg.

- lNcLd-uck verboting

Das war ein verändertes Paris im Frühling desJahres 1813! Um Neujahr hatte Napoleon gewünscht,daß die in der Hauptstadt anwesenden Mitglieder seinerFamilie rauschende Feste in ihren Palästen veranstaltensollten, damit dem Volke das Erbleichen seines Sternesnicht zu sehr zum Bewußtsein gelange. Ein Wunsch desKaisers bildete im Winter 1813 trotz des kurz vorher inRußland erlebten Mißerfolges für Paris, für Frankreich noch immer einer: Befehl, und man tanzte und anrü-stete sich.

Dann aber, nach der Kriegserklärung, war es raschabwärts gegangen.

Am 24. Januar verließ Napoleon die Tuilerien, umsich zur Armee zu begeben. In den Palästen, in welchenman eben noch Quadrillen getanzt, zu denen die schöneKonigin von Holland die Costüme und die Musik erfun-den, zupfte man nun eifrig Charpie und erwartete mitHoffnung oder mit Bangen die Nachrichten vorn Kriegs-schauplatz. Es gibt heutzutage noch viele, welche daglauben, der Marsch nach Paris sei den Verbündeten sorecht leicht geworden. Das ist aber eine ebenso falscheAnnahme als jene, nach welcher die Strenge des russischenWinters die Armee Napoleons vernichtet habe. NichtEis und Schnee, sondern die vorher erduldete Glnthhitzein den öden Steppen bildete den Hauptgrund des Miß-erfolges. Obwohl Napoleon alles that, um die Verbün-deten aufzuhalten, so gebot er doch über eine zu geringeMacht, und am 28. März 1814 war der Feind nur mehrfünf Meilen von Paris entfernt.

Die Kosaken kommen!

Dieser Schrcckensruf dnrchhallte die Hauptstadt. Wetwas besaß, verbarg es oder vermauerte es. Die Her-zogin von Bassano lies; alle ihre Juwelen und ihr Silberrn eine Kammer bringen, und die Thüre wurde zugemauert.Aber, o Schrecken hinter der gut verkleideten Wandertönten stündlich karrte Glockenschläge! Man hatte einige.Tage lang gehende Pendrrlen in das Versteck gebracht undvergessen, sie vorher ablausen zu lassen.

Ehe die Verbündeten Paris betraten, war die KaiserinMaric-Lorrise nach Blois geflohen. Sie hatte darauf ver-zichtet, die Hauptstadt zu vertheidigen. Die Rolle, welchesie in jenen Tagen und überhaupt ihr Leben lang spielte,läßt kalt, nur sich gelinde auszudrücken. Später ließ siesich sammt allen Krondiamanten fangen man sagte,absichtlich, denn der sonst so lustige König von Westfalensoll sie handgreiflich zu der sehr verspäteten Fahrt vonBlois nach dem Süden haben zwingen wollen.

Ungehindert und unter dem Jnbclrnf der Adeligendes Fanbourg St.-Germain zogen die Verbündeten inParis ein. Die gcfürchteten Koiaken besetzten die Thore.Keine Seele getraute sich mehr den Namen Napoleon lautanszusprechen. Alles lief mit riesigen weißen Kokardenin den Straßen herum, selbst jene, welche vor zwanzigJahren kein Roth, das republikanisch und blutig genugerschienen wäre, hatten anftreibcn können. Ueberharrptje mehr man sich in die Geschichte verliert, einen destogrößeren Abscheu bekommt man vor der Menge.

Die Familie Napoleons , deren Throne und Kronenbedenklich wankten, erwartete überall umher zerstreut ihr