606 -
Schicksal. Der Kaiser befand sich in Fontainebleau ,Marie-Louise mit ihren Schwagern in Rambouillet , dievielgeprüfte, geschiedene Kaiserin Ioscfine vorerst in Na-varra und dann in Malmaison, wohin sich auch diemnthige Königin Hortense von Holland begeben hatte, dieeinzige der Familie, welche für die Vertheidigung vonParis gestimmt hatte. In Paris selbst war unterdegenin den Tnilerien ein Bonrbon eingezogen und hatte ausden Länden der Verbündeten die Krone seiner Vater em-pfangen. Die schöne Gräfin du Capla hatte gehörig da-für intriguirt, obwohl sie noch vor Kurzem viel am HofeNapoleons gesehen worden war. Lebte man doch in denTagen eines Talleyrand und hatte doch Napoleon dieseGesellschaft selbst großgezogen! Archer dem wiedererstan-denen König von Frankreich residirte Alexander I. inParis und nahm sich aller schönen Frauen, übrigens auchin ritterlichster Weise der Familie Napoleons , den er nochimmer seinen großen Freund nannte, an. Nach demKaiser von Rußland war Friedrich Wilhelm III. mitseinen Söhnen Friedrich Wilhelm und Wilhelm einge-troffen. Der Kaiser von Oesterreich hatte sich von Paris aus zu seiner Tochter nach Rambouillet begeben, um siezu trösten, was bei der Haltung Marie-Louisens wohlüberflüssig war.
Während nun alle Napoleoniden nur bestrebt waren,für sich an Rang und Apanagen zu retten, was es nochzu retten gab. benahmen sich die Geschwister Bcanbarnaisallein würdig. Der Vicckönig von Italien , mit einerTochter des Königs von Bayern vermählt, war über-haupt eilt ritterlicher Charakter, aber auch die in der Ge-schichte vielfach verkannte Königin Hortensc verdient inlenen Tageii alles Lob. Zuerst eilt sie nach Navarra , umihre Mutter zu trösten, dann nach Rambouillet , umMarie-Louisen bcizustehen, welche sie natürlich sehr schlechtempfängt, dann begleitet sie Josefinen nach Malmaison,ist aber lange nicht dazu zu bewegen, nach Paris zu kom-men, obivohl ihr Alexander lagen läßt, er sehe sich ge-nöthigt, nun die Königin selbst aufzusuchen, da sie nichteinmal etwas für ihre Kinder zu erreichen bestrebt sei.
Hortense besaß, obwohl sie ihren Gemahl, Ludwig,König von Holland , den einzigen Napoleoniden. der stetsgroß und edel handelte, nicht liebte, viele ähnliche Cha-raktereigenschaften wie dieser. Sie trug sich damals mitder Idee, nach Martinique auszuwandern, denn sie selbsthalte nie an den Bestand der napoleoiiischen Herrlichkeitgeglaubt.
Vorzüglich den Bemühungen Alexanders I. war esgelungen, für ihren Gemahl das Lerzogthum St. Leumit einer Apanage von 400,000 Francs zu erhalten.Wiederholt ließ der Czar die Königin bitten, nach Paris zu kommen; das schwedische Infanterie-Regiment, welchesm ihrem Palast Quartier genommen, hatte ihn anf seineAnordnung hin geräumt.
Endlich traf sie mit ihren beiden Söhnen ein. So-gleich eilte Alexander zu ihr, nnd als er die schöne Frauallein, ohne Hofstaat und Dienerschaft fand, weinte derBeherrscher aller Renßen, denn sein Gemüth war allzeit
die schöne Gräfin du Cayla eingefunden. Es ehrt denKaiser wirklich, daß er dieser Dame nur einen erstauntenBlick zuwarf, aber kein Wort mit ihr sprach. Dafür be-gann der ebenfalls anwesende Bruder Hortcnscns ein Ge-spräch mit der Intrigantin und sagte ihr schließlich rechtderb seine Ansicht.
Einige Tage darauf sprach der König von Preußenden Wunsch aus, mit seinen beiden Söhnen bei derKaiserin Iüsesine in Malmaison zu düstren. Sogleich er-folgte eine Einladung, und Alexander I. wurde auch ge-beten, was er gerne annahm, denn Hortense hatte sichsogleich wieder zu ihrer Mutter begeben.
Da der Kaiser von Rußland mit seinen beiden jüngerenBrudern etwas frühe erschienen war, hatte man die Kin-der Hortensens, mit ihrer Gouvernante in den Salontreten lassen. Hortense litt es nie, daß man ihre Söhnebei ihren Titeln nannte, sie meinte, die Vornamen ge-nügten schon. Die kleinen Prinzen machten daher großeAugen, als sie der Czar mit „Kaiserliche Hoheit" und«Mouseigu.'nr' amprach.
Bald darauf erschien Friedrich Wilhelm III. mit seinenSöhnen, welche schon den Krieg mitgemacht hatten, undwährend sich die Fürstlichkeiten begrüßten, zog sich dieGouvernante in eine Ecke zurück.
„Wer ist das?" fragte der kleine Louis-Napoleon .
„Das ist der König von Preußen."
„Ist das auch mein Onkel?" meinte der kleine Prinz.
„Nein", erwiderte die Gouvernante. „Sie haben denKönig mit „Sire" anzureden."
„Aber wärmn ist er nicht mein Onkel? Alle Könige,welche bisher hier waren, nannte ich Onkel."
Die Gouvernante erklärte dem Kinde, daß die beidenanwesenden Herrscher die Besieger Frankreichs seien.
„Also sind sie Feinde. Warum haben sie mich danngeküßt?' rief Napoleon in.
„Weil es generöse Feinde sind, und weil sie IhrenEltern und Onkeln helfen", suchte die geängstigte Gouver-nante dem Gespräche eine andere Wendung zu geben.
„Also darf ich sie lieben?"
„Nicht allein das, sondern Sie müssen ihnen dankbarsein, besonders dem Kaiser von Rußland ."
.Nochmals wurden die Kinder geküßt, dann von derGouvernante weggeführt.
Kaiser Wilhelm I. , damals noch im Jünglingsaltersich befindend, wird sich nicht sehr für den kleinen, vor-witzigen Knaben intcrcssirt haben. Es ist das nicht dieGewohnheit junger Leute. Ob er sich später wohl er-innerte. daß er Napoleon III. , den er nach Scdan zuletztgesprochen, in Malmaison znm ersten Male gesehen hatte?
Napoleon war übrigens, was so oft bestritten wurde,ein Mensch von weicher Gemüthsanlage. Ein Zug derDankbarkeit fehlte ihm nie, den er auch als Kaiser gegenPersonen, die ihm in den Tagen des Unglücks freundlichbegegnet waren, stets an den Tag legte:
Dem Czar dankte er jedoch schon als Knabe. AmTage nach diesem Diner erscheint Alexander >. wieder inMalmaison. Da springt der kleine Napoleon in denSalon und drückt dem Kaiser etwas in die Hand.
Hortense verweist dem Kinde strenge dieses Benehmen,! nnd der Kleine sagt daraus weinend:
„Ach, das ist der Ring, den mir Onkel Engen ge-schenkt hat! Da uns der Kaiser Gutes thut, habe ichihm danken wollen."
Alexander I. küßte den Knaben und befestigte denRing an feiner Uhrkette. Was doch das Leben oft aus einemunschuldigen Kinde macht! Dieser Knabe — später durcheinen Staatsstreich selbst Kaiser geworden — bekriegteRußland und Deutschland und wanderte, vom Letzterenbesiegt und gefangen, noch einmal ins Exil.
Die Pariser aber feierten im Frühjahr 1814 die Ver-bündeten. Hatte man zuerst voll Entsetzen ausgerufen:„Die Kosaken kommen!" — man benahm sich sehr baldviel weniger furchtsam, und was die Französinnen der da-maligen Zeit betrifft, kann man behaupten, daß sie denVerbündeten buchstäblich um den Hals fielen. Jede vor-nehme Dame in Paris wollte einen Offizier der Verbün-deten im Quartier haben, und die bösen Zungen erhieltendamals unendlichen Stoff. Beim Einzüge Ludwigs xvm.weigerte sich ein französisches Regiment „vivo 1s roi!" zurufen. Die Frau Gräfin L fuhr in ihrem Wagen vordies Regiment, befestigte ihr weißes Taschentuch an ihremSonnenschirm als Lilicnfahne und sagte: „Soldaten!Wer Hoch der König ruft, bekommt von mir Wein."Keine Stimme antwortete aus dem Regiment.
Doch die Gräfin ließ nicht nach.
„Wer Hoch der König ruft, bekommt einen Kuß!"
Unglaublich ungalant waren die Soldaten des Reg!»ments, denn die Gräfin mar als hübsch bekannt. Unge-knßt mußte sie von der Front fahren, und der Pariser Volkswitz steigerte ihre Angebote ins Unerhörte. Lud-wig XVIII. äußerte sich später selbst: „Die Damen habensich damals sehr unwürdig betragen."
In Paris muß eben immer etwas in Mode sein.Die ungebetenen Napoleoniden waren gestürzt, für dieBourboten mochte man nicht schwärmen, und so schwärmteman für die Verbündeten, wie man heutzutage für dieRussen schwärmt.