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irrigen der Männerwelt gelten Nüssen. Was der Mannan Geistesschärfe und Lebenserfahrung voraus hat, dasersetzt die Frau durch Gevlüthstiefe und Gestaltungskraft.Ihr ist die Gabe der stillen, sinnigen Beobachtung, derscharfe und sichere Blick für das innere Seelenleben ver-liehen; darum sind ihre Charakterzeichnungen meist sofein, so überaus lebenswahr."
Er hatte mit einer gewissen Wärme gesprochen undglaubte nun, den Widerschein seines eigenen Feuers auchaus ihren Augen strahlen zu sehen; er ward jedoch sehrenttäuscht.
In unmuthig gereizter Stimmung rief sie aus:
„Gut, daß Sie endlich zum* Schlüsse kommen mitIhrer Lobrede! Mich bekehren Sie doch nicht. Ich lesegrundsätzlich nichts von Blaustrümpfen Verfaßtes. Feder-führende Frauen sind mir unausstehlich. Ich halte ihreThätigkeit zum mindesten für überflüssig, für höchst un-weiblich und der hergebrachten Sitte hohnsprechend."
DaS war Aerger, wirklicher, ungeheuchclter Aerger lOtto konnte über ihre wahre Anschauung unmöglich längeri« Zweifel bleiben. Er sah eS nun klar, daß er sich'n ihr getäuscht; der ganze Nimbus, womit seine Phan-tasie ihre Erscheinung umgeben, entwich. Er unterdrücktedie Bemerkung, sie halte es wohl edler Frauen würdiger,einen großen Theil der Zeit am Putztische zu verbringen,auf wilden Pferden umher zu galoppiren und Cigarettenzu rauchen, und beschränkte sich darauf, achselzuckend zuerwidern:
„Auch ich sehe das größte, unbestrittene Verdienstder Frau in ihrem selbstlosen beglückenden Walten imFamilienkreise. Doch kann ich nichts Unweibliches darinfinden, wenn dieselbe sich mit den ihr von der Naturverliehenen Fähigkeiten an der allgemeinen Culturarbeitbetheiligt; die Unvermählte namentlich, deren Dasein sonstvielfach müßig und inhaltslos bleibt, erobert sich dadurcheinen schönen Beruf, in dem sie segenbringend wirkenkann. Für überflüssig halte ich die literarische Thätig-keit der Frau nicht, da die Welt nicht so überreich antüchtigen Kräften ist, daß man die weibliche Mitarbeiter-schaft auf dem Gebiete der schönen Künste und Wissen-schaften nicht freudig begrüßen dürfte."
Frau von Elz fand es unnöthig, etwas zu ent-gegnen; ihre Aufmerksamkeit schien vollständig von demkunstgerechten Drehen einer Cigarette in Anspruch ge-nommen.
Doktor Hesse, welcher sich lange eifrig mit Lilyvon Arendal unterhalten, die letzten Aussührungeu Saar-stein's aber gehört hatte, sagte jetzt lachend:
„Mein Freund plaidirt warm zu Gunsten einerAngelegenheit, die von Rechts wegen von ihm angegriffenund von den Damen vertheidigt werde» müßte. Washalten Sie, mein gnädiges Fräulein, von der Thätigkeitder Frau auf literarischem Gebiet?"
Eine leichte Nöthe flog über die feinen Züge Lily's.
„Ich muß bekennen, daß ich über dieses Themanoch gar nicht nachgedacht habe, obgleich die Frauenfrageja in unserer Zeit viel besprochen wird", lautete ihreausweichende Antwort.
„Da haben Sie die Kleine allerdings zu viel gefragt.Lily's Interesse geht nicht über die Grenzen der Kinder-stube, der Küche und augenblicklich nicht einmal überihre Handarbeit hinaus."
Die junge Dame errötheie ans's neue.
„Ich muß so fleißig an meiner Stickerei arbeite»,weil dieselbe zum Geburtstage meines Vaters fertig seinsoll", erklärte sie lächelnd.
Otto aber wußte, daß die schöne Fran mit ihrerBehauptung nicht ganz bei der Wahrheit geblieben war,daß Fräulein von Arendal Sinn für Wissenschaften mitgediegener Bildung vereinigte, wenn sie auch mehr Freudedaran zeigte, einem interessanten Gespräche zu lauschen,als selbst zu sprechen. Nachdem der poetische Glorien-schein von Frau von Elz gewichen war und Saarsteinin ihr nur mehr die oberflächliche, gefallsüchtige Frausah, hatte er alle Lust an der ferneren Unterhaltung mitihr verloren. Er versank in Schweigen und beneideteordentlich seinen Freund um die leisen, freundlichenWorte, die verständnißvollen Blicke, welche dieser mitLily tauschte. War es die zarte Nöthe auf deren Wan-gen, war es der neue Ausdruck, der ihre vormals soernst geschlossenen Lippen so wehmüthig süß umzuckte? —Nie war sie ihm so hübsch vorgekommen, wie heute. Erkonnte ungestört sein Auge auf ihr ruhen lassen, da ihrglänzender Blick nicht ein einziges Mal zu ihm hinüberflog.
Frau von Elz , durch seine plötzliche Einsilbigkeit undZerstreutheit offenbar verstimmt, mahnte bald zum Auf-bruch. Die Herren gaben den nach Hause Eilenden daSGeleite bis zum Bodethal und schieden hier mit der Ver-sicherung, den Damen baldigst ihre Aufwartung untenim Hotel machen zu wollen.
„Unbegreiflich, wie ich auch nur einen Augenblickwähnen konnte, die gedankenlose, kleine Kokette sei dieVerfasserin jenes Tagebuches l" rief Saarsteiu, sobald ersich mit dem Freunde allein sah.
„Je nun", versetzte dieser, „alle äußeren Umständevereinigten sich, um uns Derartiges glauben zu machen;ihr unleugbares, tiefes Interesse für Dich, die geradezufrappirende Thatsache ihrer Irrfahrt auf den Brocken,ihre Aehnlichkeit mit der von dem Köhler geschildertenSchönen, ihre Befangenheit beim Wiedersehen und somanches Andere ließ mich kaum an ihrer Identität mitIlse TreuenfelS zweifeln, bis ihr AuSfall auf schrift-stellcrnde Frauen mich plötzlich eines Andern belehrte.Ich begreife es recht wohl, wie eine eitle, aber geistes-träge Frau, anstatt sich in ihrem Geschlechte geehrt zufühlen, wenn eine ihrer Schwestern sich über das Alltäg-liche erhebt, nur ihre eigene Armuth um so bitterer em-pfindet und sich mit den Waffen der sogenannten Sittean ihr rächt. Da zeigt Fräulein von Arendal doch edlereGesinnungen. Die junge Dame mit ihrer bescheidenenZurückhaltung, mit ihrer ruhigen Würde und ihrem klaren,gediegenen Urtheil hat meine Achtung in hohem Gradeerrungen."
Der Freiherr nickte sinnend.
„Ich sagte Dir ja, daß ihr Wesen auch mich einsteigenthümlich fesselte. Nachdem sie mich aber scheinbarohne allen Grund so kränkte, bekundete ich mein Verlctzt-sein wahrscheinlich durch große Nichtbeachtung, und sie —nun Du wirst zugeben, daß ihr Benehmen mir gegen-über nichts an Kälte Zu wünschen übrig läßt. Ichmochte sie mit dem glatten, stets zum Gefrieren bereitenEismeer vergleichen. Die Worte, welche ich an sie richte,sind gleichsam die Nuderschläge, deren Bewegungen mitzauberhafter Schnelle das GruudeiS der Tiefe an dieOberfläche befördern und diese plötzlich zu einer hartenRinde erstarren lassen."
„Der grönländischer Vergleich imvouirt mir zwar