Ausgabe 
(18.12.1896) 104
Seite
802
 
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Hm", meinte Saarstein,zu schämen brauchtenSie sich der Urheberschaft dieses geistvoll geschriebenenTagebuches nicht. Ich mußte, um nach der Eigen-thümerin zu forschen, nachgedrungen in dem Buche blät-tern und gestehe, daß ich von dem Inhalt desselben der-art gefesselt wurde, daß ich leider indiskret genug war,fast das Ganze zu lesen. Meine Verehrung für Siekönnte nur noch erhöht werden, wenn Sie sich als Ver-fasserin des Buches bekennten."

So gern ich auch Ihre Verehrung in erhöhtemMaße für mich in Anspruch nähme, muß ich doch derWahrheit gemäß meine Versicherung wiederholen, daß ichniemals Annalen geschrieben habe", erklärte die schöneFrau, und ihre Lippen kräuselten sich ein wenig ironisch.Ich erfreue mich eines so guten Gedächtnisses, daß mirdie wenigen denkwürdigen, des NiederschreibenS werthenLebensereignisse auch ohne Tagebuch treu in der Er-innerung bleiben, und über die kleinlichen Wechselfälledes Alltagslebens, oder über jeden thörichten Gedanken,der meinen Kopf kreuzte, gewissenhaft Chronik zu führen,daS halte ich, gelinde gesagt, für Zeitverschwendung.Hier haben Sie meine Ansicht über Tagebücher."

Die kleine Heuchlerin, wie sie sich verstellen kann!"dachte Otto, indem er sie lächelnd und leise kopfschüttelndbetrachtete.Ich halte eS für überflüssig, Ihnen denWerth und den Nutzen einer regelrechten Aufzeichnungder Lcbenseretgnisse und Seelenvorgänge beweisen zuwollen", äußerte er heiter.Wie denken Sie hierüber,mein gnädiges Fräulein?" Mit diesen Worten suchteer die in kühler Zurückhaltung verschanzte Blondine freund-lich ins Gespräch zu ziehen.

Mein Urtheil stimmt im Wesentlichen mit dem vonFrau von Elz überein", erwiderte diese und sah endlichvon ihrer Hausarbeit in die Höhe.Wie unweise esnamentlich ist, Gedanken, welche man keiner andernMenschenseele verrathen möchte, einem Buche anzuver-trauen, das verloren und von einem indiskreten Herrngelesen werden kann, beweibt Ihr Fund."

Eine peinliche Pause entstand nach diesen in herbemTone gesprochenen Worten. Otto fühlte sich gekränkt.

Lassen wir das Thema fallen", sagte er kalt undwandte sich ab, um sich dann in liebenswürdigster Weiseausschließlich mit Frau von Elz zu unterhalten.

Merkwürdig, die junge Wittwe, welche trotz dervielen Beweise freundlicher Theilnahme, die sie ihm ge-geben, ihm bis heute sehr gleichgiltig war, fesselte ihnjetzt ungemein. Ihr ganzes Wesen kam ihm durchgeistigter,ihre Erscheinung reizender vor als ehedem; ja, er be-g ff nicht, wie er bisher so blind für ihre Vorzüge hattesein können.

Sie schienen, als wir kamen, in tiefes Nachsinnenüber Ihre Lektüre versunken", bemerkte er im Laufe derUnterhaltung.Darf ich fragen, mit welchem Schrift-steller Sie sich beschäftigten?"

Sie reichte ihm lächelnd das Buch. Mit einigemBefremden sah Otto, daß es das neueste Werk eineszeitgenössischen naturalistischen Autors war, das wohl nurmit Mühe unter der Censur durchgeschlüpft war.

Wie gefällt Ihnen mein Lieblingsschriftsteller?"fragte sie lachend.

Ihr Lieblingsschriftsteller?" Er sah erstaunt zuihr empor.Ah, Sie scherzen natürlich, meine Gnädige!Ich verstehe vollkommen, daß auch Sie die Werke desberühmten Mannes kennen lernen wollten, dessen Eleganz

des Stils, dessen Anmuth der Sprache unwiderstehlichist. Doch eben darum ist er doppelt gefährlich. Ich binder Ueberzeugung, daß er schon großes Unheil gestiftethat, denn seine Machwerke werden ja auch von unreifenGemüthern mit Heißhunger verschlungen; wohin soll esführen, wenn sich diese Folgerungen aus der Moralziehen, die er predigt?"

Was wollen Sie?" entgegnete sie lächelnd.SemBestreben geht überall dahin, die Wirklichkeit zu erfassenund zu schildern. Er hält uns in seinen Werken Spiegelvor, welche die Dinge klar, unverhüllt und unbcschönigtzeigen, wie sie sind. Diese getreue, realistische Wieder-gabe des großen Lebens- und Jnteressenkampfes ist mirlieber, als die deutschen Thrünenromane mit ihrem sil-bernen Mondschein und ihren schmachtenden Burgfräulein."

Fast sollte man glauben, Sie hätten unsere herr-liche deutsche Literatur, den poetischen Ausdruck desFühlens und Denkens unserer Nation gar nicht kennengelernt", sagte der Freiherr lächelnd.Aber ich durch-schaue Sie. Einen kleinen Kampf wollen Sie eröffnen.Ich soll mich warm sprechen zum Lobe unserer deutschenGeisteskoryphäcn, die von Ihnen besser gekannt und ge-würdigt werden, als von mir, damit Sie über meineungeschickte Art der Vertheidigung lachen können. DenGefallen thue ich Ihnen nicht! Lassen Sie mich Ihnenlieber erzählen" sein Auge senkte sich bei diesen Wortentief und innig in das ihrewelchen Genuß ich geradejetzt in der Schöpfung einer deutschen Schriftstellerin fand.Wie die Gedanken und Anschauungen von Ilse Treuen-fels Tag und Nacht im Innersten meiner Seele wieder«klingen."

Sie mußte Anderes zu hören erwartet haben, dennihre Mienen verdüsterten sich, und in gelangweiltem Tonewarf sie hin:

Sie begeisterten sich für daS beschränkte Machwerkeiner Frau? Ilse Treuenfels ist mir zwar gänzlich un-bekannt, aber Frauen haben überhaupt nicht die Fähig-keit, gut zu schreiben. Der Mann allein ist dazu berechtigt, denn er nur kann sich die erforderliche Kenntnisaneignen, nur ihm steht die Welt offen ohne Grenze; -darf in die tiefsten Abgründe menschlichen Elend hinabsteigen, er darf die Nachtseiten des Lebens, kurz, allrVerhältnisse aus eigener Anschauung kennen lernen."

Otto schaute sie betroffen an.

Sie sind schlechter Laune, meine Gnädige, undwollen durchaus einen kleinen Kampf hervorrufen. Oderreizt es Sie vielleicht nur, aus meinem Munde bestätigtzu hören, daß eine ideal angehauchte Schöpfung von IlseTreuenfels mit ihrem tiefen Gedankenreichthum unendlichviel veredelnder auf den Leser wirken, unendlich mehrGutes stiften kann, als sämmtliche Werke Ihres natura-listischen französischen Autors, der freilich alle Schlupf-winkel des Lasters und der Verkommenheit auS eigenerAnschauung zu kennen scheint und sie mit grauenhafterDrastik schildert. Trösten Sie sich, das Vorurtheil gegenschriftstellerische Berufsthätigkeit der Frau, worunter Siefreilich nicht wenig leiden mögen, wacht allmälig einergerechteren Anschauung Platz. Durch bervorragende Dich-terinnen, von einer Sappho, einer Noswitha, bis zueiner Staöl, einer George Sand , einer Fullerton, Droste-Hülshoff, einer Bracke! und Herbert, ist längst unwider-leglich bekundet, daß die Frau ein Recht auf schrift-stellerische Wirksamkeit hat, ja, daß die Werke ihrer Federals naturgemäße Ergänzung zu den literarischen Schöpf-