Ausgabe 
(18.12.1896) 104
Seite
801
 
Einzelbild herunterladen

« 104 .

Ireitag» den 18 . Dezember

1896 .

Für die Redacti , verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg . ^ ^ .

Druck und Verlag des Literarischen ZnnitutS von Haag L Grabherrin Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttler ).

Ihv evstev Roman.

Novelle von Antonio Haupt.

(Fortsetzung.)

Wie in aller Welt kommen Sie denn in diesesGebirge?"

Die schwarzen Augen funkelten übermüthig.

Nun, per Eisenbahn, via Frankfurt, Gießen, Kassel ."

Ah, das konnte ich mir ungefähr denken. Obgleichman mich belehrte, daß auch reizende kleine Feen diesemTummelplätze der Hexen und Kobolde zustrebten, so hatteich Sie doch nicht im Verdacht, eine nächtliche Luftfahrtauf dem Besen oder der Heugabel hierher unternommenzu haben. Freilich", fügte er hiezu,daß Sie einemächtige Zauberin sind, sehe ich immer mehr ein." SeinAuge tauchte so ausdrucksvoll in das ihre, daß sie dieWimpern senken mußte.

Aber Sie, wie kommen Sie denn hierher?" fragtesie, offenbar nur um etwas zu sagen, das sie ihrer kleinenVerlegenheit entheben sollte.

Per Eisenbahn, via Frankfurt, Gießen, Cassel ",persiflirte Oito ernsthaft; und mit leiser Schelmerei inBlick und Stimme fuhr er fort:Ich nehme an, gnä-dige Frau, daß Ihre Frage thatsächlich nur der Richtungmeiner Reiseroute gilt. Bei unserem letzten Zusammen-treffen an dem Ufer der Saar sprach ich ja schon dieAbsicht aus, in den Harz zu reisen, um mir hier mit«einem hannoverschen Freunde ein Stelldichein zu geben."

Thaten Sie das? Ich entsinne mich wirklichnicht", warf sie gleichgiltig hin in einem Tone, mit demaber das tiefe Noth, das ihr Antlitz jäh überzog, in selt-samem Widersprüche stand. Otto tauschte einen raschen,eigenthümlichen Blick mit dem inzwischen herbeigekom-menen Philologen, dann sagte er:Meines FreundesGeorg Hesse erinnern Sie sich vielleicht, gnädige Frau?"

Ob ich mich seiner erinnere? Der Herr Doktorwar ja mein Kavalier auf der Hochzeit Ihres Bruders."Sie bot auch Georg die feine Hand zur Begrüßung.Dir, Lily, sind die Herren ja ebenfalls bekannt."

Die mitLily" angeredete junge Dame, welche bisdahin nur durch ein leichtes Neigen des Kopfes den stum-men Gruß der Angekommenen erwidert hatte, sagte jetztfreundlich-kühl:

O gewiß, ich entsinne mich der beiden Herren."

Wie immer, Schneekönigin Zoll für Zoll", flüsterteOtto lächelnd seinem Freunde zu.

Nachdem die Herren, durch eine anmuthige Handbe-

wegung der schönen Frau dazu eingeladen, Platz genom-men hatten, bemerkte der Freiherr verbindlich:

«Ich segne den Zufall, der uns hier so unverhofftdie reizendste Gesellschaft bescheert hat, die wir unsträumen konnten. Sie, meine Damen, scheinen sich gleichuns hier häuslich niedergelassen zu haben?"

Ja und nein; wenigstens nicht ganz in IhremSinne", gab Frau von Elz zur Antwort.Wir wohnen,nachdem wir den ganzen Harz durchstreift haben, seiteinigen Tagen dort unten im HotelZehnpfund". Fräu-lein von Arendal ist nämlich Kurgast in Thale . Ihrallzu besorgter Vater glaubte, daß die zarten Nervenseines Töchterchens einer Stärkung bedürften; ich schlugihm Thale , von dessen Heilkraft ich viel gehört, als Kur-ort vor und erbot mich, die junge Dame auf der Reiseunter meinen mütterlichen Schutz zu nehmen. Hiermithaben Sie auch meine, Ihnen schuldig gebliebene, regel-rechte Antwort auf Ihre Frage nach dem Grunde unseresHierseins", plauderte sie lachend weiter.Was nun denmütterlichen Schutz anbetrifft, so wäre Lily unter dem-selben fast um's Leben gekommen. Als wir auf meinAnstiften dem alten Brocken eine Visite abstatteten, ver-irrten wir uns und geriethcn in ein Labyrinth vonKlippen und Urwald o, es schaudert mich noch, wennich an die Abenteuer denke!" Sie bedeckte das Gesichtmit beiden Händen.

Otto sandte einen freudig leuchtenden, vielsagendenBlick zu dem Freunde, der von diesem lächelnd und ver-ständnißinnig erwidert wurde.

Und bei dieser Irrfahrt, gnädige Frau, verlorenSie Ihr Tagebuch, welches ich so überaus glücklich war,zu finden." Saarstein sprach die Worte in einem Tone,dessen leises Beben tiefinnere Bewegung der Freude verrieth.

Blitzschnell fuhr daS graziöse Köpfchen in die Höhe,und blitzschnell glitt ein Strahl der dunklen Augen ver-stohlen forschend über den in athemloser Spannung ihrGegenübersitzenden. Mit lustigem Lachen schüttelte siedann die schwarzen Locken zurück.

Köstlich, köstlich!" jubelte sie.Mein Tagebuchsoll ich verloren, mein Tagebuch wollen Sie gefundenhaben! Es ist dies einfach unmöglich, weil ich nie imLeben Memoiren niedergeschrieben habe. Wirklich, HerrBaron, nie im Leben!" Sie legte betheuernd die Handauf's Herz.Ich glaubte", fuhr sie ernsthaft fort,Siekennten weinen Charakter besser, als daß Sie mir Der-artiges zutrauten."