Ausgabe 
(22.12.1896) 105
Seite
814
 
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Steppenritt die müden Hände mit den Zügeln ruhenkönnen, auf dem der Reiter zur Noth sein einfachesMahl verzehren, auch eine Notiz schreiben kann, undauch die Sattellehne gemahnt an die hohe Stuhl-lehne des Arabers, von der der mexikanische Sattel nochein kurzes Ansatzstück zeigt.

Die Bauart des mexikanischen Sattels ist dieunseres Bocksattels der leichten Kavallerie, welche dasRückgrat des Thieres völlig frei läßt. Ein zwei Fingerbreiter Spalt bleibt in der Länge von zwei Handbreitenauf dem Rücken offen, so daß man bequem durchfassenkann, um sich zu überzeugen, daß der Sattel nichtdrückt. Man kann in die ärmlichsten Stuben kommen,einen Sattel und ein Heiligenbild findet man immer,wenn es auch weder Bett noch Herd in unserem Sinnedort gibt. Das Bett ist beim Volk eine Strohmatte,die aufgenommen und zusammengerollt wird.Steheauf, nimm dein Bett und wandle", das versteht manerst in jener sehr an primitive, palästinische Verhältnissegemahnenden Einfachheit.

Als Schmuckstück prangt der Vaquero-Sattel mitden zum Fliegenschutz herabhängenden Flankenlappenaus Ziegen- oder Lcoparden-Fell auf einem Hölzgestellmit Zaum, Gebiß und Lasso, und dies nebst dem ver-silberten Sombrero und dem Heiligenbildchen und Oel-lämpchen an der Wand ist die piöos äs rssistnuss, dasSchmuckstück, der Stolz der dunklen, kühlen Hütte, derärmlichen, bedürfnißlosen und deshalb glücklichen undzufriedenen Indios, der Nachkommen der Azteken , dieserMischrasse von spanisch-arabischem und indianischem Blute.

Die reiche Phantasie des mexikanischen Handwerkers,die oft den Künstler durchblicken läßt, hat aus diesemSattel, der bei den Aermeren ein recht unscheinbaresbraunes Hausrathsstück bildet, die wunderbarsten undgeschmackvollsten Gebilde zu schaffen gewußt. So zeigtdie Ziselirung des Sattelknopfes, meist versilbert, nichtnur tellerartige Verzierungen. Oft stellt er einen Löwen-kopf in Relief vor, oft einen Adler, der die Schlangetödtet, das Sinnbild der mexikanischen Republik: auf einervon Nopal bewachsenen Felseninsel hat sich der Adler,der den wandernden Toltcken als Führer zu ihrer neuenHeimath diente, der Sage nach, niedergelassen, wo eraie lauernde Schlange der Tyrannei erwürgte. Diesean die Wanderungen der vor-aztekischen Zeit gemahnendeSage gibt das Bild, das als mexikanisches Wappendie Sattelknöpfe und die Jorvegos (Manteldecken derIndios) ziert.

Ganz anders als das bei uns in Europa gebräuchlicheist das mexikanische Gebiß: es ist ein Kandarengebiß,wo statt der Stangen ein Ring mit einigen daran-hängenden Metalldrückern dem Pferd über die Zungegeschoben wird. Je mehr der platt auf der Zungeliegende kupferne rauhe Metallring durch den Zügelzugherabgedrückt wird, um so mehr drücken sich die daranhängenden kleinen Drücker in das Zungenfleisch, währendder Ring gegen Zunge und Unterkiefer drückt und sodem Pferde den Kopf hinabzwingt und es schließlichstillzustehen nöthigt.

Dies komplizirte Gebiß wiegt nicht so schwer, wieunsere Kandarenstangen. Das Pferd spielt mehr mitder Zunge daran und speichelt und schäumt leichter.Die Mexikaner glauben das Thier dadurch aufmerksamerund munterer zu halten.

Doch so sehr es auch durch solch ein schikanöses

Gebiß gepeinigt wird, dies übt lange nicht den Zwangaus, wie der leicht um den Hals gehängte Lasso: einkleiner Ruck an dieser Leine, die nicht stärker ist, alsunsere gewöhnliche Wäscheleine, und das Pferd steht imschnellsten Karriere, so daß es mit den vorgestrecktenVieren eine ganze Strecke vorwärts schnurrt und Pferdund Reiter von einer Staubwolke umgeben sind. DieseWirkung des Lasso ist die Folge der schlimmsten undgrausamsten Jugenderinnerung des Thieres beim erstenEinsangen in der Wildniß, die für das ganze Lebenvorhält. Als das Thier auf der Steppe von den Knechtendes Hazendado zum ersten Mal mit dem Lasso ein-gesungen wurde, um sein Brandmal aufgedrückt zu be-kommen, schauderte es bei dieser ersten Begegnung mitdem überlegenen Menschen zusammen; manches Thierbricht dabei einen Halswirbel, wenn der Zug des umden Sattelknopf des Reiters geschlungenen Lassos zubrüsk erfolgt. Doch das kommt selten vor. Die meistenlaufen, nachdem sie geknebelt, niedergeworfen und ge-braudmarkt worden sind, munter davon, stehen aberwie angewurzelt, sowie sie zum zweiten Mal Bekanntschaftmit dem Lasso machen.

So wie in Mexiko habe ich nirgends ein Reitpferdim vollen Jagm pariren sehen. Es geschieht nicht nurmit dem Kandarenzügel, sondern mit der um den Halsdes Thieres gehängten Lassoschlinge, mit diesem Zugejedenfalls immer am sichersten. Diese Schlinge liegtzugleich um den Kopf des Pferdes als Halfter. DieRancheros behaupten, daß sie mit dem bloßen Halfter,ohne Gebiß, das Pferd ebenso in der Gewalt haben,wie mit Gebiß.

Sieht man diese ländlichen Reitergestalten mit weitabstehenden, flügelartig sich bewegenden Ellbogen daherfliegen, so muß man den Mangel an Grazie und Eleganzbedauern. Sie reiten eben wie die wilden Indianer,bücken sich dabei zur Erde, heben den in den Sandgeworfenen Hut vom Boden auf, machen diese undähnliche Kunststücke wie dasStierwerfen" auch aufbloßem Pferde; das ist gewöhnlich der Schluß-Akt aufden Wettrennfesten, die auch das deutsche Kasino aufseinem Rennplatz vor der Hauptstadt Mexiko gibt. DasStierwerfen krönt die meisten größeren Wettrennen alsländliche Volksbelustigung. Dem aus dem Pferch ge-triebenen wilden Stier jagt eine Schaar Berittener nach.Man sucht den Schweif des Thieres zu erfassen, zwischenrechtem Knie und Sattel durchzuziehen und, den Schweifnicht locker lassend, damit voranzustürmcn, den Stier zuüberholen und ihn so kopfüber stürzen zu lassen. Dannwird er gebunden, er bekommt einen Gurt um den Bauchund wenn er wieder aufsteht, sitzt ein Reiter auf ihm,der alle Versuche, ihn abzuwerfen, vereitelt, bis mandas ganz blöde gewordene Thier freiläßt, worauf esdann, meist recht mattherzig, ohne Angriffe zu machen,in seinen Pferch zurücktrollt. Dieses beliebte Spiel istfreilich Sache des geborenen Hazendado. Ein Fremderlernt es selten.

(Schluß folgt.)

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Goldkörner.

Seh ich die Werke der Meister an,

So seh' ich das, was sie gethan:

Betracht' ich meine Siebensachen,

Seh' ich, was ich hätte sollen machen.

>iVl'

Goethe.