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(Schluß.)
Als Pußtaerinnerung möchte ich noch etwas ausdem Leben der Dame des Hauses in Kürze anführen.Vor Jahrzehnten waren einzelne Comitate durch Räuber-banden unsicher gemacht, und so mußte sie sich einmal inAbwesenheit ihres Gemahls und in Ermanglung jedesandern männlichen Schutzes dazu bequemen, ein ge Räuberzu bewirthen und sogar noch mit dem Anführer zu tanzen.Hierauf zogen dieselben friedlich von bannen.
Ein paar Jahre meines ungarischen Aufenthaltesbrachte ich in einer Stadt zu, welche der kleinen ungarischenTiefebene angehört, und hatte von hier, wie auch spätervon Pest aus, schöne Landaufenthalte. In den mir be-kannten ungarischen Städten, namentlich in Stuhlweißen-burg und Pest, wurde — namentlich in Geschäften —viel deutsch gesprochen. Natürlich würde man sich da unddort ohne die ungarische Sprache schwer zurechtfinden,namentlich in den echten Magyarenstädten, wie z. B.Dcbreczin, Szegedin rc.
Bei Gelegenheit eines Landaufenthaltes kam ich auchin die schöne, wcinreiche Gegend von Erlau und konnteeinen Theil der herrlichen Karpathen, nämlich das Matra-Gebirge erblicken.
Bei sonntäglichen Kirchenbesuchen sah ich dort auchalte Ungarn , welche Mäntel aus Thierfellen trugen; diegefetteten Haare hingen ihnen in langen Strähnenherunter. Die Kleidung der Ungarn im Allgemeinen istda und dort, in Wort und Bild schon geschildert worden.Man kann sich somit eine Vorstellung machen von derPracht der Magnaten, deren manch einer bei festlichenGelegenheiten sogar noch am Sporn einen Diamantentragen soll, ebenso wie man sich die malerische Tracht desVolkes vergegenwärtigen kann. Die Ungarinnen auf derPußta trugen beim Kirchengange, selbst um die Weihnachts-zeit, kurze, helle Röcke; doch ich erinnere mich, daß esdamals auch milde Winter waren.
In kleineren ungarischen Städten gibt es sehr vieleZigeuner, so daß ihnen gleich ganze Gassen und Vierteleingeräumt sind. Wenn man ausgeht, sieht man sichoft von einem Schwärm hübscher, aber zerlumpter Kinderumringt, welche betteln. Am besten thut man dann,wenn man den zudringlichen Begleitern Kupfermünzenzuwirft und sich dann während ihrer lustigen Balgereirasch aus dem Staube macht. Die Zigeunermusik hatihren besonderen Reiz; ich hörte sie immer mit Ver-gnügen. Nicht selten werden die Zigeuner beauftragt,da und dort ein Ständchen zu bringen; sie lassen sichauch nicht leicht eine Gelegenheit entgehen, Geld zu ver-dienen; am 1. Mai z. B. erscheinen sie schon am frühestenMorgen und ziehen von Haus zu Haus. Eine schöneSitte ist es, daß sie am hl. Weihnachtsabende vor allenchristlichen Häusern ein einfaches, aber sinniges Weihnachts-lied vortragen. Aber nicht nur beim Volke spielt dieZigeunermusik eine Rolle, auch in. den höchsten Kreisenwird sie beigezogen, wenn es sich um festliche Gelegen-heiten, Hausbällc und dergleichen handelt. In manchenungarischen Städten spielen die Zigeuner täglich auf demBahnhöfe, während die Passagiere zu Mittag speisen;einzelne berühmte imuckav haben auch schon größere Reisenuntcrnommem und sich vor den höchsten Herrschaften hörenlassen.
Die meisten Zigeuner, welche ich sah, waren armund zerlumpt, doch kamen aus ihren Wanderungen auch
solche, welche reichlich mit silbernen Münzen geschmücktwaren. Aber auch mit diesen läßt man sich nicht gerneein, da sie sich als zudringliche Wahrsager erweisen undimmer gut bezahlt sein wollen.
Da das Leben in kleineren Städten nicht viel Be-merkenswerthes bietet, mögen der Hauptstadt Ungarns noch einige Erinnerungszeilen geweiht sein.
Imposant ist hier der Anblick der Donau , welchemajestätisch zwischen den vereinigten Städten Pest nndOfen dahinfließt. Die Verbindung ist durch hübscheBrücken hergestellt, worunter mir besonders die Ketten-brücke in Erinnerung geblieben ist.
An den Quais herrscht reges Leben, namentlich gegenAbend, wenn der von W'en kommende Dampfer erwartetwird und die Ofener Berge in schöner Beleuchtung denlandschaftlichen Reiz erhöhen. Die hochgelegene Burgist die Residenz des Königs, welcher alljährlich dort Auf-enthalt nimmt. Die jetzige Krönungsstadt ist Ofen; derHügel, auf welchem der König bei Gelegenheit der Krön-ungsfeierlichkeitcn steht, um seinen Schwur zu leisten,wird aus der Erde von sämmtlichen ungarischen Comitatenaufgeworfen.
Ofen liegt sehr malerisch und ist nach dieser Rich-tung hin dem flach gelegenen Pest vorzuziehen, auch hatdiese altehrwürdige Stadt, welche schon als römische Coloniestark befestigt war, heiße Quellen. Während das rebcn-bedeckte Hügelgebiet der Umgebung von Ofen mit Dörferndicht besäet ist, reicht die Pußta bis in die unmittelbareNähe von Pest. Der Blocksberg gehört zu den nächstenund beliebtesten Ausflügen im Ofener Gebiete; an denOsterfeiertagen ist dort immer für Volksbelustigungengesorgt. Doch hat auch des Pester Stadtwäldchen seineReize und wird von Jung und Alt gerne besucht. Esist dort allem Möglichen Rechnung getragen, was dieSchaulust anregt und die Behaglichkeit fördert; zur Winters-zeit ist da auch für den Eislauf-Sport gesorgt. Einweiterer beliebter Ausflug ist die nahe gelegene, reizendeMargarethen-Jnsel, welche unter anderen Annehmlichkeitenauch Badegelegenheit bietet.
Sowohl Pest als Ofen haben herrliche Kirchen undgroßartige öffentliche Gebäude. In Ofen wohnte icheinmal dem sonntäglichen Gottesdienste in der schönenRauchfangkehrer-Kirche an. Dieselbe hat ihren Namendaher, weil die Kosten zu ihrem Bau größtentheils vonder Zunft der Kaminkehrer aufgebracht wurden. An derAusschmückung der Sophien-Kirche in Pest wurde zur Zeitmeines dortigen Aufenthaltes noch gearbeitet. Mit Vor-liebe besuchte ich die Scrvitenkirche, da dort auch indeutscher Sprache gepredigt wurde. Hier machte ich aucheine erhebende Aufcrstehungsfeier mit. Während bei unsdie feierliche Procession in der Kirche stattfindet, bewegtesie sich in Pest von einem Gottcshause zum andern mitmilitärischer Begleitung. Da bei der Rückkehr Dunkel-heit eingebrochen war, machten die vielen, im Lichterglanzerstrahlenden Fenster einen weihevollen Eindruck. Ankleineren Orten läßt bei dieser kirchlichen Feierlichkeit dieZigeunermusik ihren ganzen Osterjubel ausklingen. —Cäcilien-Musik ist's freilich nicht, aber jedenfalls auchgut gemeint.