719
Das Fahrrad in der bayerischen Armee.
(Mit Illustrationen.)
Die Frage, ob Radfahrerabtheilungen im Kriege mitVortheil Verwendung finden können, wird in den Armeenheute heftiger umstritten wie je. Die einen wollen ganzeCorps bis zu 10000 Mann und darüber auf Fahrrädernfortbewegen und sehen hierin das Problem berittenerInfanterie gelöst, die andern, allen militärischen Neuer-ungen, wie der Verwendung des Luftballons, der Brief-tauben, der Kriegshunde und so weiter, feindlich gegen-überstehend, bewahren ihre schroff ablehnende Haltungauch jener Frage gegenüber und erklären alle derartigenVersuche für ebenso kostspielig und aussichtslos, wie etwadie der Franzosen mit ihren berüchtigten Mitrailleusenvor dem großen Kriege.
Es ist anzunehmen, daß die Wahrheit in der Mitteliegt, und es bleibt daher das Verdienst vorausblickenderhöherer Truppenführer, daß der Entscheidung der Fragenach der Möglichkeit und den Grenzen der Verwendbarkeitradfahrender Infanterie-Abtheilungen durch praktische, demErnstfälle angepaßte Versuchenäher getreten wurde.
In der französischen wie inder österreichischen Armee wur-den in den letzten Jahren der-artige Versuche angestellt. Inder deutschen Armee war eszuerst Graf Waldersee, derkommandirende General desIX. preußischen Armeecorps,welcher während der Manöverdes vergangenen Jahres eineRadfahrer-Truppe, mit Ge-wehren ausgerüstet, bildeteund ihr eine bestimmte Auf-gabe zuwies.
Alle diese Versuche kranktenjedoch an dem einen Umstände,daß die Abtheilungen für denbestimmten Zweck jeweils erstkurz vorher aus Einzelfahrerngebildet und hierbei die Qua-lität und Art der Räder, so-wie die Fahrfertigkeit und Ausdauer der Fahrer undderen Kenntniß in der Behandlung der Maschinen fastgänzlich außer Acht gelassen wurde.
Die Uebungen des im verflossenen Sommer durchden kommandirenden General des königlich bayerischenI. Armeecorps, Prinzen Arnulf von Bayern , versuchs-weise gebildeten Radfahrerdetachements, von welchen einesunserer Bilder eine Fahrübung, das andere die Abwehreines durch einige Reiter marktrten überraschenden Kavallerie-Angriffs veranschaulicht, waren auf eine sicherere Bastsgestellt.
Zur Entscheidung der Frage nach der Beschaffenheiteines kriegsbrauchbaren Militärrades, und ob Pneumatik-oder Polsterreifen, fand im Mai vergangenen Jahres beiMünchen eine Tag und Nacht fortgesetzte Probefahrt mitRädern verschiedener Systeme statt, bei welcher eine Streckevon — hin und zurück — 20 Kilometern fünfzigmalhintereinander gefahren wurde, so daß di: Räder imganzen 1000 Kilometer liefen — eine Entfernung, welcheder Stromlänge des Rheines vom Bodensee bis zur Nordseegleichkommt. Als Fahrer standen 36 ausgesuchte Mtlitär-
Erzdischof vr. Johannes Christian Uoos j-.
radfahrer zur Verfügung, welche mit Ablösung fuhren;die Fahrtcontrolle geschah durch 9 Offiziere. Die Fahrtselbst dauerte — nur durch den Wechsel der Fahrer unddas Nachsehen der Maschinen unterbrochen — 81 Stunden,das ist 3 Tage und 9 Stunden, und geschah auf aus-gesucht schlechtem Wege und von Anfang bis Ende beiströmendem Regen.
Der Ausbildung in der Kenntniß der Maschinenund der Behandlung derselben vor, während und nachder Fahrt diente im November vorigen Jahres ein Cur-sus, zu dem 12 Offiziere und 24 Unteroffiziere — alledes Radfahrens vollkommen kundig — kommandirt waren.Diese, für die Folge als Lehrer bestimmt, sollten die imCursus erworbenen Kenntnisse in die Armee hinaustragen.Die Uebungen bestanden im Unterrichten im Saale undin bei Tag und Nacht unternommenen Ausfahrten, beidenen die zu Hause erlernte Zerlegung und Wieder-instandsetzung der Maschine im Gelände praktisch ange-wendet wurde.
Erst nach diesen Vorbereitungen wurde im Sommerdieses Jahres versuchsweise einRadfahrerdetachement zurVer-wendung in taktischer Bezieh-ung gebildet. Das Detache-ment bestand aus 4 Offizieren,54 aus dem ganzen I. bayer.Armeecorps besonders ausge-wählten Unteroffizieren undMannschaften, 1 Militärarztund 1 Lazarethgehilfen —sämmtlich des Radfahrens voll-kommen kundig. Die Führungwar dem Hauptmann undBatteriechef Burckart des bahr.3. Feld-Artillerie-Regimentsübertragen, welcher auch dievorerwähnte Probefahrt undden Lehrcursus zu leiten hatte.Bekleidung, Ausrüstung undBewaffnung der Mannschaftenbestanden in Schirmmütze, Li-tewka, Tuchhose mit Gama-schen, Schnürschuhen, Mantel,Feldflasche, Brodbeutel, Tornisterbeutel, Leibriemen mitSeitengewehr und Meldetasche, Karabiner und 40 Platz-patronen.
Die ersten Uebungen des Detachements bestanden inFahrten auf Straßen und Wegen in Colonnen zu zweienund einem, ferner in Fahrten auf Wiesen- und Haide-boden in Linie (Abbildung 1). Die fernern Uebungenbezweckten, die Fahrer gewandt zu machen in der Fort-bewegung abseits der Straßen, also auf Fußwegen, Feld-rainen, Waldpfaden, Eisenbahndämmen und dergleichen.Ein Gegenstand besonderer Ausbildung war die Abwehrvon Kavalleriepatrouillcn durch einzelne Radfahrer, dieAbwehr größerer Kavallerieangriffe durch das ganze De-tachement (Abbildung 2).
Nach diesen Vorübungen wurden taktische Aufgabengelöst, bei denen meist die gegnerischen Truppen undStellungen markirt waren. Solche Aufgaben waren Er-kundung eines Gelände-Abschnittes, einer feindlichen Stell-ung, eines feindlichen Anmarsches, Besetzung eines weitvorwärts gelegenen DefileeS, Deckung eines wichtigenBahnhofs oder Etsenbahnknotens gegen feindliche Kavallerie-