Ausgabe 
(4.1.1894) 1
 
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4. Januar 1894.

tti-. 1.

Die Theologie des Aristoteles .

Von jeher gilt Aristoteles alsFürst der Philo-sophen" und alsMeister der Philosophie", nichtals ob mit ihm und durch ihn alle spätere Entwicklungals überflüssig erschiene, die Philosophie ist ja schonihrem Wesen nach keine blast historisch-positive Wissen-schaft, sondern weil er das Grundprincip der organischenWeltanschauung in präziser exakter Fassung ausgesprochenund mit diesem Grundprincip ein- für allemal die Irr-thümer des Materialismus und Idealismus überwundenhat. Aristoteles ist es sodann, der die Früchte derattischen Philosophie zur Reife brachte und der späterenZeit überlieferte.Ohne Aristoteles , bemerkt Haffner*),wäre Sokrates spurlos in der Geschichte verschwundenund hätte Plato nur einen vorübergehenden Aufschwunghervorgerufen."

So hoch aber der Stagirite als Philosoph für seineund die ganze spätere Zeit steht, ist doch zugestandener-masten seine Theologie der schwächste Theil seinerPhilosophie 2). Zwar wird wohl allgemein zugegebenwerden, daß Aristoteles der erste ist, welcher wennauch in sehr mangelhafter Weise den Versuch machte,das Dasein Gottes metaphysisch zu begründen. Alleinin der näheren Bestimmung der Frage, obder Fürstder Philosophen" einen überall und stets festgehaltenenTheismus vorgetragen, ob er in Gott ein mit Intelligenzund freiem Willen begabtes Wesen erkannt habe, welches,wie es alles geschaffen, so auch alles erhalte, lenke undleite, gehen die Ansichten der Aristotelesforscher sofortauseinander. Und zwar ist dieser Zwiespalt der Ge-lehrten nicht erst von gestern oder heute, sondern erdauert seit den Zeiten des Stagiriten bis auf unsereTage, wo sich gerade über die aristotelische Theologie,bezw. über die aristotelische Lehre von dem Wirken Gottesunter namhaften Philosophen eine sehr lebhafte Kontro-verse entsponnen hat.

Auf der einen Seite treten im Anschluß an Binsein gediegenen Monographien Brentano ^), Kapp esund Nolfes°) energisch für die Behauptung ein, daßAristoteles im christlichen Sinne die Weltschöpsung ausNichts und die Vorsehung Gottes erkannt und gelehrthabe, und zwar so sicher, daß nach den Ausführungender genannten Autoren eine weitere Kontroverse überdiese Frage überhaupt ausgeschlossen sei.

Gegen diese scharf pronoucirte These, die im Hin-blick auf die Theologie der alten Philosophen und Ne-ligionssysteme (vgl. Schanz, Apologie I, 90 ff.) sofortüberraschen muß, erheben auf der anderen Seite Männervon Namen mit bestem Klang, wie Götz^), Kanf-

Grundlinien der Geschichte der Philosophie. Mainz 1381, S. 109.

°) Schneid, Aristoteles in der Scholastik, Eichstätt 1865S. 133.

Philosophie des Aristoteles, 2 Bde., Berlin 183542.

^) Die Psychologie des Aristoteles, Mainz 1867.

°) Die aristotelische Lehre über Begriff und Ursache derBonn 1887. (Diese Schrift wird von Elfer, S. 29,nicht aufgeführt.)

°) Die aristotelische Auffassung des Verhältnisses Gotteszur Welt und zum Menschen. Berlin 1892.

') Der aristotelische GotteSbegriff mit Beziehung auf diechristliche Gottesidee. Leipzig 1871.

mannb) und besonders Zeller^) energischen Wider-spruch und sprechen sich in Uebereinstimmung mit denmeisten Gelehrten der Gegenwart für das Nichtvor-handensein der Schöpfungs- und Vorsehnngslehre in deraristotelischen Theologie aus.

Diese Frage, deren Lösung für die Offenbarnngs-theologie von größtem Werthe ist, unterzieht Elfermit philosophischer Akribie und philosophischem Scharf-sinn in durchaus maßvoller und sachlich ruhiger Kritikeiner neuen Prüfung. Die einzelnen Stellen undAeußerungen des Stagiriten werden sorgfältig geprüftund die Aristoteleskommentare, sowohl die alten griech-ischen und mittelalterlichen (besonders Albertus Magnus ,St. Thomas, Skotus) als auch die neueren und neuesten,gewissenhaft berücksichtigt. Dadurch gelangt der Ver-fasser auf sicherem Wege zuerst zu dem allgemeinen Er-gebnisse, daß die Streitfrage durch Brentano, bezw.Nolfes noch keineswegs entschieden und derart abgeschlossensei, daß die andere Ansicht verstummen müßte. Denndie betreffenden Aeußerungen, auf welche sich dieselbenfür ihre Behauptung stützen, seien nicht allweg von solcherBeweiskraft, daß sie eine vollkommen sichere Ansicht er-möglichten. Die Resultate im Einzelnen aber sind fol-gende: Gott ist ein Wesen, das denkt und nur sichselbst denkt; ist die Möglichkeit eines Denkens äußer-göttlicher Objekte offen gelassen, so erscheint die Bornirnngdes göttlichen Denkens auf sich selbst doch als spezifischaristotelische Lehre. Nach der Consequenz des aristotel.Systems besitzt Gott keinen Willen, jedenfalls erscheintder Wille nicht als ein dem Denken coordinirter Faktor.Gott ist sodann xriiunm rnovens, das selbst nichtbewegt wird, und übt einen gewissen, unbestimmten Ein-fluß auf die Welt aus. Die göttliche Vorsehungist nicht theistisch, sonderneine kalte und todte, liebe-leere und engumschlossene" (S. 212). Die Schöpfungs-idee, die ein Unikum in der alten Philosophie wäre, hatAristoteles nicht gekannt, auch nicht die Schöpfung derSphär eng elfter. Die Frage nach der Präexistenzoder der Schöpfung des Menschengeistes ist miteinem non lic^ust zu beantworten.

Die aristotelische Gotteslehre weist also viele fühl-bare Lücken und Widersprüche auf. Indessen dürftewohl Niemand dies dem Stagiriten zur Unehre anrechnen.Denn die Gottcslehre gehört sicher zu den schwierigstenProblemen der Philosophie und Aristoteles war geradein der Begründung des Theismus wenn auch nicht ohneVorgänger, so doch in wesentlichen Dingen ohne Lehrerund sicheren Wegweiser.Der Stagirite hat in vielenund entscheidenden Punkten gefehlt" (S. 218), aber erwird stets mit Rechtder Fürst der Philosophie" ge-nannt werden und die Scholastik hat mit Recht an diesemManne festgehaltentrotz der Irrthümer, die sie selbstin ihm erkannte, trotz der Fehler, die man heutzutagein weit größerem Umfang in des Aristoteles Schriftenfinden will" (S. 225). Der Versuch, den Theismuswissenschaftlich zu erweisen, ist dem heidnischen Philo -

°) Die theologische Naturphilosophie des Aristoteles undihre Bedeutung für die Gegenwart. 2. Aufl. 1893.

o) Philosophie der Griechen. 3. Aufl. Streitschriftenmit Brentano s. bei Elser, S. 31, A. 1.

") Die Lehre des Aristoteles über das Wirken GottesMünster 1893.

") Vgl. Schanz, Apologie II, 190 ff.