Ausgabe 
(20.9.1894) 38
 
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Ein Wort über die alten Sprachen und denEinfluß der klassischen Studien in politischerund religiöser Beziehung.*)

H,. H. In den letzten Jahren ist über das Schul-wesen und besonders über die Gymnasien so viel gesprochenund geschrieben worden, daß man daran allerdings aufeinige Zeit genug haben könnte. Allein da die Zeit derBewegung mehr nur die Mangel des Bestehenden vorAugen gehabt und fast überall in der wesentlichen Um-gestaltung das Heil zu erkennen glaubte, so dürfte esder Zeit deS ruhigen Ueberlegrns vorbehalten sein, dieGegenstände von neuem zu betrachten und zn unter-suchen, ob nicht vielleicht mancher Theil des Bestehendenzuletzt doch besser und brauchbarer ist, als man zuvorgemeint hat.

Es ist indessen nicht unsere Absicht, über das Schul-wesen im Allgemeinen oder die Gymnasialbildung in ihremganzen Umfange zu sprechen, sondern wir wollen uns nurim Bereiche der letzteren über einige Punkte verbreiten,die nach unserem Dafürhalten immer zu wenig beachtetwerden und eben dadurch zu manchem Vorwurf gegendie Gymnasien Anlaß geben. Man tadelt daran in derneuesten Zeit mehr als je, daß die alten todten Sprachenin zu großem Umfange gelehrt werden, dieses Studiumsei in unseren Tagen überhaupt unpraktisch und diedarauf verwandte Zeit eine verlorene; die Gymnasienliefern deßwegen, sagt man, nur solche Leute, welcheutopisch für gewisse Ideale schwärmen, aber dem Lebengänzlich entfremdet seien. Man hat bei dieser Behauptungjene Zeit im Auge, wo die alten Sprachen (besondersLatein) den größten Theil des Gymnasialunterrichtesausmachten, alle anderen Lehrgegenstände stiefmütterlichbehandelt und jene Sprachen selbst mehr nur nach ihrenWortformen und grammatischen Regeln gelernt wurden,ohne daß man dabei großen Werth auf das Erfassender Schriftsteller gelegt hätte. Doch diese Zeit liegtlängst hinter uns. Im Vergleich zu ihr ist in den letztenDezennien eine bedeutende Verbesserung eingetreten. Denneinerseits hat der Unterricht in der Muttersprache, in Ma-thematik, in den Naturwissenschaften, in Geschichte undGeographie einen Umfang gewonnen, welcher sowohl demabsoluten Werthe dieser Lehrgegenstände die verdienteAnerkennung verschafft, als auch den Anforderungen derZeit entspricht; anderseits hat der Unterricht in den alt-klassischen Sprachen fast allenthalben eine bessere Methodeder Behandlung angenommen. Während früher allzuvielGewicht auf das Erlernen der bloßen Wortformen undsyntaktischen Regeln gelegt wurde, wird jetzt die Formder Sprache zwar nicht vernachlässigt und die strengeEinübung der lateinischen und griechischen Grammatikimmerfort als das beste Mittel formaler Geistesbildungangesehen; allein das bloße Wort und seine Form giltnicht mehr für das Einzige oder die Hauptsache in demUnterrichte dieser Sprachen, sondern mehr nur als dasMittel zum Zweck.

Dieser besteht vorzugsweise darin, in enger Ver-bindung mit der formalen Durchbildung des Geistes denreichen Inhalt der Werke des klassischen Alterthums, die

*) Aus dem Nachlasse des ch Gymnasialdirectors Dr.Stelzer zu Sigmaringen . Die Abhandlung, obwohl schon imJahre 1852 versaht, dürste auch in unseren Tagen noch zeit-gemäß sein.

Thaten und Gedanken der Griechen und Römer, wie siein der ästhetisch-schönen und dem Inhalt angemessenenForm ihrer Literatur niedergelegt sind, unmittelbar ausden Quellen selbst zu erkennen. Wir sagen: aus denQuellen selbst; denn es ist eine bekannte Sache, daßauch die besten Uebcrsehungen weit hinter dem Originalezurückbleiben, seine Lebcnsfrische entbehren und es nichtersetzen können, da nur die Sprache selbst der getreueAusdruck des geistigen Lebens eines Volkes ist. Wirmüssen uns daher die Quellen offen erhalten und zurAnregung des forschenden und nach Wissenschaft streben»den Geistes sie immer wieder von neuem durchforschen,um ihren Inhalt durch eigene Geistesthätigkeit heraus-zufinden und gleichsam zu erobern. So ist die Gram-matik und Literatur der lateinischen und griechischenSprache das beste Mittel/) den Geist im logischenDenken und Begreifen unablässig zn üben, seine Kraftzu entwickeln und zu stählen, mit einem Worte: ihn znbilden, abgesehen von dem Stoffe, den die Schriften derAlten zur Nahrung des jugendlichen Geistes und Ge-müthes in reicher Fülle darbieten.

Wenn ma:> nun nach dem Utilitätsprinzip in feineralltäglichen Form nur dasjenige praktisch nennt, wasalsbald im Leben mit materiellem Gewinn") angewandtwerden kann, was zunächst als Mittel zum Erwerbe undLebensunterhalte dient, so ist das Studium der altenSprachen allerdings für die überwiegende Mehrzahl derjungen Leute sehr unpraktisch. Wenn man dagegen das-jenige praktisch nennt, was überhaupt mit vorrhcilhaftemErfolge angewandt werden kann und somit die Erreichungeines bestimmten Zweckes möglich macht oder befördert,so ist das Studium der klassischen Sprachen in hohemGrade praktisch. Der praktische Werth dieses Studiumsliegt aber nicht nur in der Geistesbildung an sich, son-dern auch darin, daß jene Sprachen der Schlüssel sindzum gründlichen Erlernen und wahren Verständniß derneueren (romanischen und germanischen) Sprachen undihrer Literatur; indem sowohl diese Sprachen selbst inRücksicht auf ihre Formen, als auch die in ihren Schrift-werken niedergelegte Kunst und Wissenschaft ursprünglichund großenteils auf die Werke der griechischen und la-

*) Ein Urtheil Schcllings sei hier angeführt, welcher sagt:In der That nichts, selbst nicht der Unterricht in den mathe-matischen Wissenschaften, der zwar an ein nothwendiges, stufen-weises Fortschreiten, aber nicht ebenso zugleich an freie Bewegunggewöhnt, kann jene strenge Dünket, und salsäe Einbildungfrühzeitig niederhaltende Zucht deS Geistes, jene Gewöhnung anStetigkeit und gleichmäßiges Fortschreiten ersetzen, welche eingründlicher Unterricht in den alten C prachen gewährt." (Jahrb.f. Ph. u. Päd. v. Klotz u. Dietsch, 52. 94.)

Professor Dietsch (Grimma ) sagt in den Jahrb. f. Ph.u. Päd. 52,97:Die Jugend ist von dem Zeitgeiste angesteckt;sie will früh selbstständig sein, früh genießen, früh etwas gelten;deßhalb hält sie jede heilsame Zucht für eine Sklaverei, der siesich womöglich entledigen müsse, und will nur dasjenige lernen»was sie in der Praxis nach ihrer Meinung gebrauchen kann.Beim Studium des Alterthums sieht sie keinen materiellen Nutzenvoraus, und es fordert tüchtig Anstrengung; was Wunder, wennsie sich gegen dasselbe sträubt, zumal ihr in den Ohren dasGeschrei der VolkSagitatoren tönt, welche die Jugend in ganzmoderner Weise erzogen und gebildet wissen wollen, weil siedieselbe so besser zn ihren Zwecken brauchen können. Aber ge-rade darum weg mit jener Affenliebe, welche der Jugend nurdas zu lernen znmnthet, wozu sie Lust hat! Nur durch dieUebung und Erfüllung schwerer Pflichten, nur durch einespannende Uebung der Geisteskräfte, nur unter einer strengenZucht kann ein gesundes, kräftig wollendes und vormthellSjreiprüfendes Geschlecht entstehen."