teintschen Literatur aufgebaut sind. Wir wollen nicht, umdieses zu begründen, wett ausholend davon sprechen, das;einst mit der Eroberung der sogenannten alten Welt durchdie Römer lateinische und griechische Sprache und griechisch-römische Bildung sich allmahlig über alle Provinzen desrömischen Reiches verbreitete und seit jener Zeit allerspäteren Cultur der civilisirten Welt zu Grunde liegt,daß ferner bei der Völkerwanderung die Bewohner desrömischen Reiches zwar den Waffen der wanderndenVölker unterlagen, aber durch ihre Sprache und Bildunggeistig über die Sieger herrschten, daß endlich mit derAusbreitung des Christenthums in allen Ländern zugleichlateinische und griechische Sprache Eingang gefunden, daßdas Latein i« ganzen Mittelalter und bis in die neueZeit herein die Sprache der Gelehrten und fast aus-schließlich die Schriftsprache war. Ich will nur das er-wähnen, daß durch das neue Aufleben der Studien desklassischen Alterthums in Italien, Frankreich, England ,in den Niederlanden, in Deutschland u. s. w. eine neueAera der Wissenschaft und Kunst anfing und bald daraufin eben diesen Ländern die Blüthezeit der eigenen Litera-tur eintrat, nachdem die klassischen Studien als Vor-schule den Weg dazu gebahnt hatten. Wir sind weitentfernt, behaupten zu wollen, das Aufblühen der Wissen-schaft und die Blüthezcit der neueren Sprachen sei alleinden klassischen Studien zu danken; wir übersehen die Er-findung der Buchdruckerkunst, die Zeitbewegungen und ver-schiedene Umstünde, die dabei zusammenwirkten, keines-wegs, müssen jedoch bet der Behauptung stehen bleiben,daß das Studium des klassischen Alterthums einen höchstwesentlichen Einfluß nicht nur auf die Gestaltung undAusbildung der Sprachnormen, sondern auch auf dieBlüthe der neueren Literaturen geübt hat. ^) Wer alsodas Neue gründlich erkennen will, muß es im Zusammen-hang mit seiner Basis — mit dem Alten — erfassen.Man wende nicht ein, daß man bei diesem Studiumeigeuilich mit asiatischen Sprachen, mit dem Sanskrit rc.anfangen und erst von da zu den Griechen und Römernübergehen müsse, um in dem so hoch geschätzten Zurück-gehen auf Quelle und Ursprung consequent zu sein.Denn wenn die Griechen auch manches in Sprache undSitten ursprünglich durch Einwanderungen und Verkehrvon Asien und Aeghpten erhalten haben, so geschah diesesnicht durch die Literatur, sondern unmittelbar durch denVerkehr oder durch die traditionelle Sage, und auch dieseswurde bald von dem reichbegabten Genius der Griechenso nmgeschaffen und zum Nationalrigenthum gemacht,daß das griechische Volk in seiner Sprache und derganzen geistigen Entwicklung als originell dasteht. Deß-halb konnte der griechische Jüngling in seiner Bildungs-lausbahn ohne anderweite Hilfsmittel sogleich mit der
2) Der Umstand, daß zufällig Schiller und Goethe und beiden Engländern Shakespeare im Lateinischen und Griechischenkeine so ausgedehnten Kenntnisse besaßen, wie man allenfallsnach dem Gesagten voraussetzen sollte, ist kein Gegenbeweis zuunserer Behauptung; denn das Genie bricht sich selbst Bahnund kann keinen Maßstab für das Allgemeine abgeben. EinGelehrter unserer Zeit sagt, wenn man aus dem genanntenUmstände folgern wollte, daß die klassische Bildung deßwegenfür uns überflüssig sei, so wäre der Schluß ebenso unrichtig,als wenn man bebauptcn wollte, die Anatomie sei für Malereine überflüssige Wissenschaft, da Corrcggio obne dieselbe eingroßer Maler geworden ist. — Indessen ließe sich ohne Mühein Schiller und Goethe fast auf jedem Blatte — an der Spracheund der Art der Darstellung — nachweisen, daß auch dieseKoryphäen unserer Literatur viel zu den Alten in die Schulegegangen sind.
Literatur seines Vaterlandes beginnen und mit ihr seineBildung abschließen. Anders war es bei den Römern,welche die Schüler der Griechen waren, und anders istes bei uns und den übrigen Völkern der civilisirtenWelt, indem unsere und ihre Sprache, Wissenschaft undKunst nun einmal in Folge der historischen Entwickelungvielfach auf der griechischen und römischen beruht. Esist daraus klar, daß zur gründlichen Kenntniß unsererMuttersprache und der neueren Sprachen und Literaturenüberhaupt das Studium der alten Sprachen nicht nurdie nothwendige Voraussetzung, sondern auch zugleich dasbeste Hilfsmittel ist.
Es ist also auch in dieser Beziehung das genannteStudium von großem Werthe und somit praktisch. Wennes nun aber einmal doch unpraktisch sein und utopischesSchwärmen erzeugen soll, so wird die Ursache in demInhalt der griechischen und lateinischen Schriftsteller, inder Anschauungsweise und geistigen Richtung des klas-sischen Alterthums liegen müssen. Und hier tritt unssogleich in Bezug auf Staatsform und Religion einschroffer Gegensatz des Standpunktes der Alten zu unsermStandpunkte vor Augen. Es kann keinem Zweifel unter-liegen, daß unsere Jugend für das praktische Leben, fürdas Leben in unserem Staate, zu tüchtigen Mitgliederndieses Staates und ebenso — mit Rücksicht auf die Er-reichung der höheren Bestimmung unseres Daseins — zuguten Christen und Mitgliedern der Kirche erzogen werdensoll.") Es ist gleichfalls keinem Zweifel unterworfen,daß der Unterricht und die ganze Erziehung, wenn andersdas vorgesteckte Ziel erreicht werden will, in sich keinenWiderspruch, keine Disharmonie duldet, daß also nichtsvorkommen darf, was die einheitliche und consequenteErziehung stört und sich mit dem Gesammtzweck derselbennicht verträgt. Wenn wir uns nun einerseits des Zweckesder Erziehung und des Umstandes, daß dabei alles Vor-kommende mit sich im Einklang stehen müsse, bewußtsind und anderseits zugleich den obenbezeichneten Gegen-satz der klassischen Autoren zu unserem Standpunkte nichtübersehen, so müssen wir nothwendig fragen, ob dieLectüre der Klassiker nicht gerade wegen der Beschaffen-heit ihres politischen und religiösen^) Inhaltes mit der
") Der Zweck des Gymnasiums wird mit verschiedenenDefinitionen bezeichnet: In den Beschlüssen der Berliner Landes-schnlconfercnz heißt eS § 1 (S. 207): „Die höheren Lehranstaltensollen die intellcctuellen und sittlichen Kräfte der männlichenJugend entwickeln, dieselbe zn wissenschaftlichen Studien — aufUniversitäten und höheren Fachschulen — und zur erfolgreichenBetreibung des gewählten Berufes vorbereiten, sowie zu selbst-ständiger Theilnahme an den höheren Interessen der mensch-lichen Gesellschaft und zn gedeihlicher staatsbürger-licher Wirksamkeit erziehen." Anderswo wird der Gesammt-zweck in die Worte zusammengefaßt: „Klassisches Alterthum,Christenthum , Germanenthum;" oder so ausgedrückt: „Historisch-ethische, christlich-nationale Bildungoder „allgemein humanist-ische Bildung: Reichthum an Kenntnissen (Wissen), Reife desGeistes (Intelligenz) und Cultur des Gemüthes (Charakter)."— Mag nun diese oder jene Zweckbestimmung die richtigeresein, so scheint doch in allen unzweideutig so viel zn liegen, daßdie Schule nebst der religiösen Ausbildung und Erziehung auchdie Bestimmung der Schüler zu tüchtigen Bürgern des Staatesnicht aus dem Auge lassen darf, den Patriotismus in ihnenwecken und nähren und überhaupt für die einstige Erfüllungihrer bürgerlich-n Pflichten vorbereitend thätig sein muß.
°) Zn verschiedenen Zeiten und nicht am wenigsten auchin der jüngsten Vergangenheit wurde (besonders in Frankreich )behauptet, die klassische Lectüre sei überhaupt mit dem Christen-thum unverträglich; und wenn man sich an die alten Fehdender Theologen und Philologen erinnert, so ist man halb ver-sucht zu glauben, daß diese Behauptung gewissermaßen be-gründet sei.