Ausgabe 
(20.9.1894) 38
 
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Erziehung der Jugend in christlichen und monarchistischenStaaten absolut im Widerspruch stehe, ob sie nicht deß-wegen unpraktisch sei und auf die Abwege des Schwärmensführe, oder ob im Gegentheil der Inhalt jener Schrift-steller sich mit dem Geiste und Zweck unserer Erziehungvertrage und durch angemessene Behandlung ihn sogarbefördere. Im ersten Falle wäre der dem Zweck desUnterrichts und der Erziehung widerstreitende Stoff derKlassiker aus den Schulbüchern zu entfernen; denn derStoff des Unterrichts muß nach dem Zwecke desUnterrichts eingerichtet sein; im zweiten Falle ist derStoff der Schriftsteller (ohne sogenannte Purification) zubelassen und in einer seiner Natur und dem Zwecke derErziehung entsprechenden Weise zu behandeln. In po-litischer Beziehung ist der Inhalt ein solcher, daß wirdie Geschichte Griechenlands und Roms sowohl in derPeriode der Monarchie, als auch besonders in der Ent-wicklung und dem Verlauf der Republik , ihrem Ucber-gehen von einer Art und Gestalt in die andere und derendlichen Rückkehr zur Monarchie kennen lernen; die Ein-richtung und Verwaltung jener Staaten, das politischeLeben und Treiben jener Völker tritt uns in der Lectüreder Klassiker in einzelnen, scharf ausgeprägten Bildernvor Augen. In religiöser Hinsicht werden wir mitden Begriffen und Vorstellungen der Griechen und Römervon ihren Göttern, mit ihrer Gottesverehrung und Moral,überhaupt mit der durch keine Offenbarung unterstütztenEntwickelung des religiösen Bewußtseins, mit der selbst-geschaffenen Religion heidnischer Völker bekannt. Wirhaben eS somit auf dem einen Gebiete vorzugsweise undmeistens mit der Geschichte und den Verhältnissen repu-blikanischer Staaten, auf dem andern immer mit demHeidenthum zu thun. So sehr nun dieses auch auf denersten Anblick mit der Erziehung in christlich-monarchischenLändern in Widerspruch zu stehen scheint, so wenig sindim ganzen genommen die Bilder und Erscheinungen, dieuns dort auf beiden Gebieten begegnen, bei näherer Be-trachtung und besonnener Ueberlegung geeignet, eineNeigung zu der Form und den Verhältnissen jenerStaaten oder zu der Religion jener Völker hervor-zurufen.

Wir behaupten davon gerade das Gegentheil. Freilichkann der Gegenstand jeder Lectüre richtig oder falsch auf-gefaßt, gut oder schlecht behandelt werden. Es hängtsomit der Erfolg nicht nur von dem unmittelbaren In-halte, sondern hauptsächlich auch von der Art der Be-handlung ab. Wir geben von vornherein zu, daß eineunbedingte Billigung und Verehrung des Alterthumsnothwendig zum Irrthum führe und somit schade, eingedankenloses und gleichgültiges Uebergehen des Inhaltes,besonders des Standpunktes und Jdeenkreises der Alten,leicht einer irrthümlichen Auffassung Raum gebe unddadurch nachtheilig werden könne. Auf politischem Ge-biete, wo das Alterthum in der That gewisse Glanz-punkte in sich schließt, kann man durch unbedingtesBilligen und Verehren des Alten und durch Mangel anUnterscheidung des wahrhaft Guten von den nur schein-baren Vorzügen leicht eine ganz verkehrte Weltanschauungund crasse Begriffsverwirrung hervorrufen.

(Fortsetzung folgt.)

Der Prämonskatenser-Chorherren-Orderr.

Ueber diesen Orden findet man in den gebräuch-lichen Nachschlagewerken so viele veraltete und nnrichtige

Angaben, daß man das Erscheinen des Prämonstra-tenser-Kataloges mit Freuden begrüßen muß,welcher dem beständigen Abdrucken der höchst unge-nauen und oberflächlichen Berichte gründlich ein Endemacht.

Ein Mitglied des Ordens im Stifte Wilten (Innsbruck ) hat sich der mühevollen, aber gewiß sehrdankenswerthen Arbeit unterzogen, den heutigen Standdes Prämonstratenser -Ordens derart festzustellen, daßauch die anspruchsvollsten Wünsche bis auf einen sehrhohen Grad befriedigt werden und dabei doch die An-schaffung des Werkleins sehr billig zu stehen kommt.(Der Preis ist nämlich für die große Seitenzahl XXVIIIund 136 erstaunlich nieder. Er beträgt 85 kr. für einenbroschirten, 1 fl. 10 kr. für einen gebundenen Katalogeinschließlich der Postversendung.)

Mit Erlaubniß des Herrn Verfassers entnehmenwir dem Kataloge, welcher in lateinischer Sprachegeschrieben ist, folgendes:

Der Orden vom heil. Norbert, späterem Erz-bischofe von Magdeburg , im Jahre 1120 in Prä-montrv bei Laon in Frankreich (Departement Aisne ) ge-gründet, anfangs nnr für Männer bestimmt, bald daraufund zwar noch vom heil. Stifter auch auf Frauen(2. Orden) und schließlich sogar auf Weltleute beiderleiGeschlechtes (3. Orden) ausgedehnt, hat im Laufe derJahrhunderte sehr mannigfaltige Schicksale erlebt.

Unbeschreiblich rasch in Frankreich, Belgien , denNiederlanden, Deutschland, Schweiz , Oesterreich-Ungarn,Polen, Spanien und anderen Ländern während derersten zwei Jahrhunderte seines Bestehens aufgeblüht,sank er in den folgenden Jahrhunderten hier schneller,dort langsamer, bis die Stürme der Glaubensneuerungen,des 30jährigen Krieges, der Klosteraufhebungen zur Zeitder sogen. Aufklärung, die Verfolgung, welche über diekaih. Kirche überhaupt in Spanien und Polen (Rußland )in diesem Jahrhunderte kam, den stattlichen Baum seinerweittragenden Neste und Zweige so sehr beraubten, daßer jetzt leider beinahe einem Strunke zu vergleichen ist,der aber, wie wir aus der trefflichen, kurzen Ordens-geschichte erfahren (Seite VIIXXIV), zum Segender Gläubigen noch voll Lebenskraft ist. Wenn auchkeine größere Entfaltung mehr nach außen, so läßt sichdoch eine um so innigere Vereinigung seiner treibendenSäfte ersehen, wodurch ja vor allem die nothwendigeStärke erzeugt wird, welche dem Orden ein so großesAnsehen verleiht.

Der Zweck des Männerordcns ist die Pflege deSChorgebeteS und der thätigen Seelsorge, welche ereinst auf lausenden von einverleibten Pfarreien aus-geübt hat.

Den Prämonstratenser -Chorherren wurde wegenihrer wahrhaft großen Verdienste in der Seelsorge vonPapst Benedikt XIV. in der BulleOneioso" vom1. September 1750 ausdrücklich ihre Berechtigung be-stätigt, um jede weltliche Pfarrei sich bewerben zukönnen.

Der Frauenorden hat ausschließlich ein beschau-liches Gepräge. Der dritte Orden deS hl. Norbert,vielleicht der älteste dieser Gattung, hat die Heiligungder Weltlrute durch ein ächt christliches Leben zumZwecke. Derselbe hat gleich anfangs eine ungeheureAusbreitung erlangt, machte aber den spätern OrdendeS hl. DominikuS und FranziSkuS Platz, ja geriethfast in völlige Vergessenheit, bis er um die Mitte d«S