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Wage zm Sag5öillgel Weitung.
1. Nauvr. 1894.
Zum 400jährigen Gebnrtsjnbilämn des DichtersHans Sachs.
xsz „Hans Sachs war ein Schuh- — Macher undPoet dazu." Mit diesem wohlfeilen Knittelvers, gedanken-los anderen nachgesprochen, glauben noch gar mancheunserer „Gebildeten" ruhigen Gewissens dem Andenkendes Nürnberger Dichters volle literarische und mensch-liche Gerechtigkeit erzeigen zu können. Keiner derselbenhat wohl eine Zeile von des Dichters Werken gelesen.Und doch steht Hans Sachs in seiner „dichterisch armenZeit als der eigentliche Poet da, wofern wir ihn nurvon seiner bedeutsamen Seite betrachten wollen?)
Am 5. Nov. 1494 wurde dem ehrsamen Schneider-meister Jörg Sachs und seiner Hausfrau Christine zuNürnberg ein Söhnlein geboren, das noch am selben Tagein der hl. Taufe den Namen Hans erhielt. Zu gutenSitten, Tugend, Zucht und Ehre ward der Knabe er-zogen und kam als Siebenjähriger in die Spitalschule,eine der vier Nürnberger Lateinschulen, wo er die An-fangsgründe seiner Bildung, auch Grammatik und Musikerlernte. 1509 verließ er 15 Jahre alt die Schule undtrat bei einem Schuhmachermeister in die Lehre, die erin zwei Jahren vollendete. Seine Nebensiunden warender Kunst des Meistergesanges unter Anleitung desLeinewebers Lienhard Nunnenbeck gewidmet. Für fünfJahre begab er sich dann auf die Wanderschaft; Regens-burg und Passau, Vraunau am Jnn, Oetting, Burg-hausen, Wels, Salzburg, Neichenhall, München, Lands-hut, Würzburg, Frankfurt a. M., Koblenz, Köln undAachen wurden die Stationen, wo er auf längere oderkürzere Zeit verweilte. Gegen Schluß des Jahres 1516kehrte er reich an Erfahrungen und zum Charakter ge-reift, aber lebensfrisch und unverführt durch „Spiel,Trunkenheit und Wühlerei" in die geliebte Vaterstadtzurück. Am 1. Sept. 1519 vermählte er sich mit Kuni-gunde Creutzcr, mit der er bis zu ihrem Tode 1560die glücklichste Ehe führte und 7 Kinder zeugte, die eralle überlebte; am 2. Sept. 1561 heirathete der fastSiebenundsechzigjährige abermals und starb am 19. Jan.1576. Sein treuer Schüler Adam Pnschmann hat unsein rührendes Bild des hochbetagtcn, vorn Alter wohl anden Sinnen, nicht aber an der Heiterkeit des Gemüthesgeschwächten Meisters hinterlassen. Er sieht ihn in-mitten eines schönen Gartens in einem zierlichen Lust-hause vor einem mit grüner Seide überdeckten Tischesitzen, grau und weiß wie eine Taube, in ein großes,goldbeschlagenes Buch vertieft und von vielen anderenBüchern umgeben, nach denen er zuweilen hinblickt. Werzu dem alten Sänger eintritt oder ihn aus der Fernegrüßt, den sieht er nicht, er redet auch nicht, sondernneigt schweigend sein schwaches Haupt.
Als er starb waren seine Landsleute sich seinesVerlustes wohl bewußt. Das Todtenbuch z. B. gibtden Eintrag, wie es sonst nicht gebräuchlich, mit größererund kalligraphischer Schrift und in einer Zweizeiler
„Gestorben ist Hans Sachs der alte teutsche Poet.
Gott verleih ihm und uns eine fröhliche Urstet!"
Und im Todtengeläut von St. Sebald steht ergleichfalls als „teutscher Poet und gewesener Schuh -
') Lindemann-Seeber, Gesch. d. deutsch , Literatur rc.,Seite 344.
macher im Spittlgäßlein".?) Auch die Nürnberger Chronisten hielten sein Andenken in Ehren. Von seinenberühmten Zeitgenossen schützten ihn besonders hoch Luther und Melanchthon, deren kirchlichen Neuerungen er sich inehrlicher Ueberzeugung angeschlossen und einen begeistertenLobgesang auf „Die Wittenbergisch Nachtigall" 1523 ge-widmet hatte, so daß sein Eintreten für die Sache derneuen Lehre ihn sogar mit dem Rathe seiner Vaterstadtin Conflikt brachte. Allein schon bald war er über dasTreiben der Anhänger Luthers in bittere Klagen aus-gebrochen: „Es ist nur Geschrei und wenig Wolle aneuch; wenn ihr evangelisch wäret, wie ihr rumoren thut,so thätet ihr die Werke des Evangeliums" u. s. w?)Immerhin aber hielt er an Luthers Sache fest, dichteteGesänge nach Psalmen, unterzog seine Lieder aus derkatholischen Zeit einer „christlichen Veränderung undCorrectur" und brachte seinen kirchlichen Standpunkt inseinem „Epitaphium ob der Leich Doktor Martini Luthers"nochmals zum Ausdruck.
„Ließe sich mit Sicherheit annehmen, daß das Lied,Warum betrübst du dich, mein Herz* von ihm verfaßtwäre, so würde ihm allerdings dieser innige gottergebeneGesang, der mehrfach in todte und lebende Sprachenübersetzt und unter tiefer Verehrung ,der alten LeuteTrostprcdigst genannt wurde, zu größerem Ruhme ge-reichen, denn all seine Meistergesänge."^) Gewiß! DieMeistergesänge so wenig wie die Dialoge und Disputationensind durchaus nicht die Eigenart und Stärke des HansSachs . Er war eine zu kerngesunde, lebens- und schaffens-frohe Natur, als daß er sich einseitig oder auf die Dauerden Fesseln des Meistergesanges und dem engen und be-schränkten Kreise der Meistersinger hätte anbequemenkönnen. Seine Meistergesänge waren ja auch nicht fürdie Ocffentlichkeit, sondern nur für die „Schule" zuNürnberg bestimmt. Und dafür besaßen auch sie ihrVerdienst. Der Meistergesang — auf die Frage nachdem Ursprung desselben näher einzugehen, würde unshier zu weit führen — hatte etwa seit dem Anfange desXVI. Jahrhunderts in Nürnberg eine Stätte gefunden?)Das Unterscheidungszeichen zwischen Meistersingern undanderen Dichtern und Sängern beruht in der Existenzder Sing schule. Einmal bedeutet dieses Wort dieVersammlung einer bestimmten Anzahl von Personen zurUebung regelrechten Singens und Dichtens nach der
°) Eine gcholtvclle Biographie, die sich an einen weiterenLeserkreis wendet, ist im Auitrage der Stadt Nürnberg soebenzum Jubiläum erschienen von der Hand des städtischen ArchivarsErnst Mummenhoss: „Hans Sachs . Zum 400jähr.Geburtsjubiläum des Dichters rc. rc." Das Bucherstes bis zehrst. Tausend (Nürnberg , Fr. Korn) umfaßt 141 S.und würdigt den Dichter ruhigen Urtheils nach seinem mensch-lichen und literar. Werthe. Einen hervorragenden Schmuckverleihen ihm die zahlreichen säst ausschließlich alten Vorlagenwiedergebenden Abbildungen mit einer die Originale erreichendenGenauigkeit, besonders der Einblattdruck mit einem sarbigenHolzschnitt von Hans Schäussclein „Ein neuer Spruch wie d.ieGeystlichkeit und etlich Handwerker yber den Luther clagen",wodurch die Hvjbuchdruckerei von Bicling-Dietz und die Kunst-anstalt von E. Nistcr sich rühmlich verdient gemacht haben.
°) Döllinger, Resormat. I, 172 s. Janssen, Gesch.d. d. V. II, 349. — Vgl. Mummenhoss a. a. O. 90.
<) Lindemann-Seeber a. a. O- 345.
°) Vgl. den instrukt. Artikel von Th. Hampe, Spruch-sprecher, Meistersinger rc. rc. in Nürnberg , in den Mittheilung,a. d. Germern. Nationalmuseum S. 25 ff. (Beil. z. Angsb.Postztg. 1894 S. 287). Leidbitter, Leichensänger u. die Todten-gräber wurden die Erben der Meistersinger ; a. a, O. S.. 63.