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„Tabulatur", d. h. nach einer umständlichen Samm-lung von Gesetzen, Rügen u. ähnl., unter selbstgewähltenLehrern oder Kritikern („Merkern"). Die Nürnberger Zusammenkunft fand in der Katharinenkirche statt;°)neben der Kanzel befand sich der Singstuhl, im Chorwar ein Podium für die Mcrker, das „Gemerke". Dasandere Mal ist das Wort etwa identisch mit unseremWorte „Concert ". Nur Singschule in ersterer Bedeutungund genaue Benennung der „Töne" ?) — die eben aufein „beweren", eine Taufe derselben durch eine meister-fingerische Genossenschaft schließen läßt — sind die Haupt-indizien für die Existenz einer Meistersingergesellschaft.Und eine solche läßt sich für 1503 in Nürnberg frühestensnachweisen. AIs Hans Sachs auftrat, glich sie ehereinem wüsten Haufen weintruukener Zechgesellen, denneiner löblichen Gesellschaft von Meistersingern. Seinerstes „Bar" d. i. Meistergesang hatte er 1514 zuMünchen auf das Geheimniß der Gottheit gedichtet. InNürnberg begann er vor allem Zucht und Ehrbarkeitunter den Gliedern der Schule zu schaffen und den Kreisder der Sangeskunst vorgeschriebenen Stoffe zu erweitern,indem er auch die weltliche Poesie in der Schuleheimisch machte. Das wurden unstreitige Verdienste.Man mag ferner noch so geringschätzig denken von denKünsteleien des Meistergesanges, der Gedankenarmuth sovieler Reimer, die den Mangel ihrer dichterischen Be-gabung durch verzwickten Stropheubau zu verdecken suchten:wenn man aber die Erscheinung in ihrem Culturzusammen-hange betrachtet und beurtheilt, so wird man zugebenmüssen, daß der Meistergesang der guten Zeit als einAusdruck der Blüthe deutschen Siüdtelebens zu geltenhat und daß selbst der Meistergesang der Verfallzeit nochunzähligen Menschen das Leben verschönen und die bösenGedanken bannen half. Auch um die Ausbreitung undWeiterbildung der neuhochdeutschen Schriftsprache erwarber sich Verdienste. „Mehr als ungerecht wäre es dem-nach, eine Erscheinung von solcher Bedeutung für unsereCulturcutwickelung mit Spott und Hohn zu übergießen,nur weil sie auch Auswüchse zeitigte und weil sie imAlter melkte, krank und schwach und eben alt wurde." ^)Doch, wie schon bemerkt, die Stärke des Hans Sachs liegt nicht im Meistergesang. Seine Poesie waltet, ummit Jakob Grimm zu reden, „am reinsten und eigenstenin den Fabeln und Schwanken, deren Stoff undUmfang seiner Lebenserfahrung und ganzen Sinnesartam meisten entsprach." Und Lindemann-Seeber sagt(a. a. O. 345) mit Recht: „Wohl kaum ist seit dem16. Jahrhundert wieder ein so glückliches Talent fürnaiv-komische Erzählung unter uns aufgestanden." HansSachs besaß in hohem Grade jene Anlage, welche denHumoristen und Satiriker befähigt: unverwüstliche Heiter-keit des Gemüthes, sittlichen Ernst und eine zum Lehr-haften hinneigende Auffassung. Die schöpferische Arbeitdes Dichters offenbart sich aber ausschließlich in derArt und Weise, wie er den überkommenen fremden Stoffaufnimmt und verarbeitet; frei aus sich schöpft er nicht.Letzteres ist jedoch keine besondere Eigenthümlichkeit unseresDichters, es galt bei den Dichtern des Mittelalters alsetwas Selbstverständliches, zumal in ihren epischen Ge-
°) Gelegentlich des Jubiläums soll sie, die durch Wagners „Meistersinger " eine internationale Bcrübmtheit erhielt, zur Be-hausung für ein Haus SackS-Muscum bestimmt werden.
I Die Bezeichnungen der verschied. Tonweiscu waren ganzabsonderliche: die Hagebüttweise, die überh öhe Bergweis, MuS-catblüths langer Ton u. ä.
°) Th. Hampe a. a. O. S. 69.
dichten wollten sie in der Materie nichts Eigenartigesdarbieten und nur in neuem Gewände geben, wus sie auseinheimischen und fremdländischen Dichtungen und Sagen,Chroniken und Geschichten oft mit großer Mühe erst auf-lesen mußten. Die Stoffe zu seinen Fabeln entnahmHans Sachs wohl sämmtlich aus der ihm zugänglichenLiteratur, der Uebersetzung Aesops und «uS anderweitigenBearbeitungen mittelalterlicher Vorlagen. Er dnrchdringtsie aber mit dem eignen Geist und Gefühl, belebt siemit dem eigenen Wesen und gestaltet nun doch eineigenartiges Gebilde. „In diesem Sinne ist er der be-deutendste Dichter seiner Zeit, ob er nun in den über.-lieferten Tönen oder in eigenen Weisen den Meister-gesang Pflegt, ob er in den von ihm so leicht und ge-läufig gehandhabten kurzen Reimpaaren feine fröhlichenSchwünke und Fabeln, seine .örtlichen' Gespräche, Ge-schichten und Allegorien, kurzweilig und lehrhaft, auf-tischt, ob er endlich seine Personen handelnd, in Redeund Gegenrede auftreten läßt."^) Mit seinen Schwänkentritt er mitten in das Leben des Volkes als ein scharferBeobachter, ein humorvoller Erzähler und eindringlicherErzieher. „Die Moral der Geschichte" ist der Punkt,auf den jeder Schwank und jede Fabel sich zuspitzt.Wer kennt nicht die schwankhaften Legenden von „St.Peter mit der Geiß", eine komisch-ernste Abfertigung derBeschwerden über die göttliche Vorsehung? Die mannig-fachen Possen über den „dummen" Teufel? Eine Reihevon Schwänken geht auf das Treiben der Landsknechte,eine andere auf das Bauernleben, die häuslichen Scenenzwischen Mann und Weib, eine andere auf das löblicheHandwerk. „Der Schneider mit dem Panier", „derMüller und der Student" werden noch in unserer Zeitgerne erzählt, wie nicht minder „der Waldbruder mitdem Esel" und das „Schlauraffenland". Hans Sachs weiß die Geschichten von den Narreteien der Welt ebensomit schalkhafter Anmuth zu erzählen, wie er auch denüberaus derben Ton zu treffen versteht, der dem Ge-schmack jener rauheren Zeit behagt. Sitte und Zuchtder Neformationszeit waren eben andere als in unserenTagen, und Hans Sachs bedeutete auf dem Gebiete derDelikatesse einen entschiedenen Fortschritt gegen HansNosenblüt, den Schnepperer, Hans Folz und Kunz Has.Auch in der dramatischen Dichtung brach mit ihm indieser Beziehung eine neue Zeit an.
Von seinen eigentlichen „Dramen" sind zu unter-scheiden die „Gespräche" und besonders die „Kampf-gespräche", die dramatischer Form sich nähern, ohne denCharakter von eigentlichen Dramen auszuweisen. DieDramen selbst theilt Hans Sachs je nach dem glück-lichen oder traurigen Ausgaug in „Komödien" und„Tragödien" und gesellt beiden noch bei „die Spiele",geistliche und weltliche und besonders „Fastnachtspielemit Schwänken". Von einem tiefen Einblick in dasWesen des Schauspiels ist keine Rede; ohne alle Ein-theilung und Ruhepause läuft die Handlung zu Ende;eine Zerlegung der Akte in Scenen, die drei Einheitenkennt er nicht, ebensowenig geschichtliche oder archäologischeGesetze als Kind feiner Zeit. Das Stück wird gewöhn-lich durch den Herold, „Ehrnhold" (Prolog), eingeleitetund geschlossen. In den Komödien und zumal in denFastnachtspielen begegnet auch hin und wieder die lustigePerson „Jükle" oder „Jüklein" der Narr. Die Be-deutung des Haus Sachs auf dem dramatischen Gebieteberuht darin, daß er dem geistlichen Drama in Nürn-
") Mummenhoff a. a. O. S. 36 f.