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berg wieder Eingang verschaffte nnd damit sich um dieVerfittlichung des Volkes namhafte Verdienste erwarb,und daß er ebenso das Fastnachtspiel aus der unbe-schreiblichen Rohheit und dem Schmutze, in dem es steckte,emporhob. Derbheiten und Rohheiten trifft man freilichbei ihm noch zur Genüge, „aber gegenüber den Spielenseiner Vorgänger sind die seinigen wie Tauben unter denNaben." Einen für unsere Tage passenden Ausblick aufdie sociale Frage enthält die Komödie „Die ungleichenKinder Eva", deren Stoff er als Mcisterlied, alsSchwaukgedicht, als Spiel und als Komödie behandelthat. Eva bringt nämlich, als Gott die wohlerzogenenKinder zu den höchsten Würden und Aemtern erhobenhat, auch ihre bösen und ungeschlachten Buben, die sievorher im Heu und Stroh, ja sogar im Ofenloch ver-steckt hatte, damit Gott sie zu großen Herren mache.Aber je nach ihren Fähigkeiten werden Schuster, Weber,Schäfer und Bauern daraus, und als sich Eva über dieungleiche Anstheilnng der Stünde beklagt, erwidert ihrGott , daß er sich erst seinen Mann ansehe, bevor eretwas aus ihm mache. Er muß eben Amtleute habenzu allen Dingen, und wenn es nur Könige, Fürsten ,Bürgermeister und große Kaufherren gäbe, so müßtensie alle miteinander verschworen. Keiner würde bauen,zimmern, backen und andere Handwerke treiben wollen.Und was würde entstehen, wenn der große Haufe keineObrigkeit hätte zum Schutze der allgemeinen Wohlfahrtund zur Abwehr der Bösen? Da ginge alles „übermd über" ....
„Zu Arbeit ick den Menschen klugBcschuf wie den Vogel zum Flug.
Drumb, welcher Mensch sich läßt genügenAn dem Stand, den ich ihm thu fügen,
Der hat genug bei all sein Jahren."
Eine so erstaunliche Fruchtbarkeit, wie sie uns inHans Sachsens Dichtcrthätigkeit entgegentritt, ist ohneBeispiel in der deutschen Literatur?") Nach der Zählungdes ersten Sachsforschers Edmund Götze bcläuft sichdie Zahl der Werke auf ungefähr 6205, und zwar auf4420 Meistergesänge und 1785 Spruchgedichte. DieWerke erschienen zum Theil bei des Dichters Lebzeiten1558 ff. zu Nürnberg in 5 Foliobänden. Eine neueGesammtausgabe besorgen Edm. Götze und Adalbcrtv. Keller in der „Bibliothek des literarischen Vereins",während E. Götze eigens die Fastnachtspiele und Schwankeherausgibt. Das literarische Andenken des Dichters istfrüh schon in absprechender Weise beurtheilt worden vonJoh. Phil. Harsdörffer, dem pegnesischen Schäfer-dichter, und zu dieser Theilnahmlosigkeit gesellte A.Gryphius in seinem „Peter Squcnz" bald noch denHohn. Nachdem dann Gottsched , Lessing undHerder auf den Nürnberger Poeten wieder die ver-diente Aufmerksamkeit zu lenken versucht hatten, war esdann vor allem Goethe, der mit seinem Gedichte„Hans Sachsens poet. Sendung" dem Vergessenen den„Eichkranz, ewig jung belaubt" aufs Haupt setzte. SeineVaterstadt stiftete Hans Sachs 1874 ein Denkmal. DasUrtheil des Altmeisters der Sprachwissenschaft, JakobGrimms , haben wir schon angeführt. Wackernagelnennt Hans Sachs den größten Dichter des XVI. Jahr-hunderts, „weil ungebrochen von der Schulunart in ihmdie Art des Volkes mit ihrem edelsten Kerne und Markewohnte." Vilmar mißt seinen Werth ab mit den
Er hat nur ein Gegenstück in der spanischen Literaturan Lope de Vcga, der von Cervantes als „Wunder der Natur"gefeiert ward und Hans Sachs noch überbietet-
Worten: „Als Dichter, das Wort im höchsten Sinnegefaßt, als schöpferisches, die Welt gestaltendes oder um-gestaltendes Ingenium, kann Hans Sachs allerdings nichtgelten, wohl aber ist er ein ungemein glücklich begabtesTalent, in der Auffassung des Gegebenen schnell undsicher, in der Darstellung leicht und ungezwungen, demStoffe und der Behandlung desselben fast immer ent-schieden überlegen, milde und gemäßigt, dabei von heitererLaune nnd höchst ergötzlichem Humor."") Gödekebemerkt: „Man thut Hans Sachs Unrecht, wenn manihn mit den Späteren mißt und dann glaubt entschuldigenzu müssen; man darf ihn nur mit seinen Zeitgenossenund nach den in ihm liegenden Maße messen — er über-trifft alle an Fülle und Umfang des Stoffes, an Mannig-faltigkeit der Erfindungen und Formen, an sittlicher Tiefeund glücklicher Gestaltung."") In eingehender Weisehaben ihn der Franzose Eh. Schweitzer und neuer-dings Rudolf Genee gewürdigt.
Zur Jubiläumsfeier des „teutschen Poeten" werdenin einer Reihe von Städten festliche Veranstaltungenstatthaben, in Wien, Dresden, Weimar, Berlin ,München nnd Nürnberg. In Wien sollen durchStudenten Schwänke von Hans Sachs aufgeführt werden,Professor Minor wird die Festrede halten. In Weimar und München feiern die Hoftheater den Tag durch dieVorstellung von Martin Greifs Schauspiel „HansSachs ". Dasselbe gelangt an den drei Festtagen auchin Nürnberg zur Ausführung; Nürnberg hat außer-dem noch ein „offizielles" Festspiel von Nnd. Genöe,welches am Vorabend gespielt wird im Stadttheater; am5. Nov. ist Festversammlung im Nathhaus, wo Ed. Götzedie Festrede hält, dann histor. Festzng, Nachmittags finden„Fastnachtspicle" statt; ein Bankett und die Ausführungvon Nich. Wagners „Meistersingern " bildendenSchluß der Jnbiläumstage.
Sct. Thomas und die moderne Wissenschaft.
Von Dr. S. Huber.
So lautet das Thema, über welches die wissen-schaftliche Beilage der „Allgemeinen Zeitung " (BeilageNr. 244 u. 245) zwei Artikel aus der Feder des Dr.Joseph Müller bringt. Es wird in diesen beiden Ar-tikeln jene Richtung der katholischen Wissenschaft, derPhilosophie und Theologie, welche entsprechend einer altenSchultradition und der bekannten Encyklica des heiligenVaters „Latarui katris" den Principien des hl. Thomasfolgt, aufs heftigste angegriffen. Für den feinen Tondieser Angriffe sprechen Ausdrücke wie „Gedankensaulheit,Bequemlichkeit, Wahnsinn, dumpfe Hörsüle der vomwogenden Geistesleben so entlegenen Lyceen, frömmelndeDevotionsheuchelei, Professorenmnmien, gleichwie Ritter,welche noch mit Speeren und Eisenrüstungen erschienen,als das Pulver längst erfunden war" rc. rc. DerartigeAusdrücke könnten uns nicht bewegen, die Feder zur Er-widerung in die Hand zu nehmen. Sie richten den-jenigen, welcher sich ihrer bedient, selbst. Der Stil istder Mensch, heißt ein bekanntes Wort.
Auch der ganze Gedankengang der beiden Artikel,die Taktik des Angriffes erfordert keine besondere Be-rücksichtigung ; denn sie bietet nichts Neues, wenigstensnicht im Allgemeinen. Zuerst wird der hl. Thomas überalle Himmel erhoben; gegen Schluß wird sogar einmal
") Vorlesungen üb. b. Gcsch. b. d. Literat.
") Grundriß z. Gesch. d. d. Dichtg. I.