Ausgabe 
(1.11.1894) 44
 
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Veranlassung genommen, das bekannte Wort des ehe-maligen Philosopbicprofessors Prantl, welches mit Rechtvon Weiß als eines Akademieprofeffors unwürdig be-zeichnet wurde, als zu weit gehend zurückzuweisen, wennauch sehr sanft und nicht ohne Zugeständniß. Was istWahres, was ist Dauerndes an der thomistischen Lehre?Merken wir es uns wohl, nach was gefragt wird. Nachdem, was dauernd ist an der thomistischen Lehre. DieAntwort lautet: Thomas ist kein origineller Denker, erist ein systematischer Kopf und dazu eine conciliantePersönlichkeit. Seine Kraft ist demnach das Systemati-siren. Und gerade dadurch war er für seine Zeit wiegeschaffen. Denn ein Doppeltes that damals noth: dieLehre der Kirche bedurfte der Systematisirung und derVerbindung mit dem damaligen Geiste der Zeit, welcherkurz alsAristotelismus" bezeichnet werden kann. Beideshat nun Thomas in ganz vorzüglicher und unübertreff-licher Weise geleistet. Es gelang ihm,aus dürftigemMaterial das imposante Gebäude seiner Summen auf-zubauen" undeine dem christlichen Empfinden soheterogene Lehre, wie die des Aristoteles, mit dem Christen-thum innig zu amalgamiren". Wir müssen nochmaldarauf hinweisen, daß vom Verfasser die Systematisirungder christlichen Lehre als ein dauerndes Verdienst desAquinaten hingestellt wird; ebenso als ein dauerndes,daß er die christliche Weltanschauung mit Aristoteles versöhnte und so natürlich die Kluft zwischen den Ge-bildeten seiner Zeit und dem Christenthum überbrückte,was auch in unserer Zeit geschehen sollte. Nicht zu ver-gessen ferner ist, daß zur Erhöhung des Lobes des Lehrersder Schule noch beigefügt wird, die großartige Anlage,der imposante Bau sei bewunderungswerth,weil dasNiedere, wenn auch schlummernd, die Sehnsucht nach demHöheren in sich birgt, die Stufenordnung der Zweckeeinem Ziele zuschaue, die Gebiete und Principien aber,so innig sie in Verbindung stehen, keineswegs vermischtwürden, sondern in ihrer Selbstständigkeit und Eigen-thümlichkeit gewahrt würden". Es will uns scheinen,der Verfasser wollte hiemit dem hl. Thomas das Lobspenden, sein System zeichne sich sowohl durch innereHarmonie und Uebereinstimmung, als durch großen Reich-thum an Gedanken und allumfassenden Principien aus.

Gewiß ein großes Lob, über welches man denTadel, St. Thomas sei kein origineller Kopf, fast ver-gessen möchte. Aber wenn das Lob doch hinterher nichtgar so geschmälert würde, daß davon nichts mehr übrigbleibt! Im offenen Widerspruch mit dem Lobe wirdgegen Schluß des 2. Artikels gesagt,es sei unleugbar,daß die thomistische Lehre keine einheitliche, aus einemGuß, aus einer Gesammtanfchaunng gefertigte sei; dieheterogenen Gedanken seien nur lose aneinandergereiht,nicht organisch verbunden, noch aus einer leitenden Ideeentwickelt; daher die mannigfachen Widersprüche, die nurdürftig verschleiert sind." Wo bleibt da noch das frühere,begeisterte Lob?

Doch ist das nicht der einzige Widerspruch, in welchenDr. Joseph Müller verfällt. Obwohl die Systematisirungder christlichen Lehre und die Versöhnung derselben mitdem Aristotelismus als dauerndes Verdienst des Aqui-naten als das Wahre an dessen Lehre bezeichnet wird,wird doch sofort gesagt, es sei diese Systematisirung nichtmehr für unsere Zeit, müsse daher fallen gelassen werden.Denn für unsere fortgeschrittene Zeit ist eine andereFassung der christlichen Lehre nothwendig, und diese läßtsie auch zu, ja verlangt sie sogar! Also dauernd und

doch nicht bleibend? Wie reimt sich das zusammen?Welch ein Splitterrichter! wird es nun heißen. Dochnein, es ist nicht bloß Splitterrichterei, sondern ernsterKampf um das Verdienst des hl. Thomas. Es gibtnur eine Wahrheit für alle Zeiten; und diese eine Wahr-heit allein hat Dauer; entweder ist die Systematisirungkeine dauernde, wenigstens in ihren Grundzügen undHauptumrissen für alle Zeiten geltende, dann ist sie auchnicht die wahre und Thomas ist auch kein systematischerKopf; oder sie ist jene Systematisirung, welche der kirch-lichen Lehre entspricht und demnach die wahre ist, dannist sie für alle Zeiten giltig und dauernd; dann ist sienicht aufzugeben, sondern vielmehr festzuhalten, trotz allerAnforderungen, welche die moderne Wissenschaft zu stellenscheint. Daß nun das letztere der Fall ist, wird mitvollster Ueberzeugung von der ganzen scholastischen Richtung,welche in einer erdrückenden Mehrheit von Theologenihre Vertreter hat, verkündigt, ja von der Kirche selbstausgesprochen. Herrn Dr. Müller wird ja doch jenerSatz nicht unbekannt sein, der im Syllabus als falscherklärt ist:NstlioäuZ st xrirraixin, yuibrm anti^uiäoator63 scsiolastiei lsisisoloZiaw. exeolnarunt, tsm-xorunr oostrvruur nsesssibLtisius 8ci6ntiaeczus p>ro-Ar688iii llsinirnö conZruunt"Die Methode unddie Principien, nach denen die scholastischen Lehrer derVorzeit die Theologie ausgebildet haben, entsprechenkeineswegs den Bedürfnissen unserer Zeit und ihremFortschritte in den Wissenschaften" (8M. Z II, 13).

Doch wir haben gesagt, es sei auf diese Art derArgumentation nicht allzu viel zu geben; ihr innererWiderspruch springt sofort in die Augen, auch ist sienicht neu und originell weil nun einmal darauf garso viel ankommt sie ist in allen Büchern zu lesen,welche gegen die Scholastik geschrieben sind.

Größeres Gewicht möchten wir zwei anderen Punktenbeilegen. Herr Dr. Müller erlaubt sich, um seiner Argu-mentation mehr Nachdruck zu verleihen, eine Verschiebungdes Fragcpunktes. Die moderne Scholastik wird deshalbvon ihm bekämpft, weil sie die Lehre des hl. Thomasrepristinirt. Um das Unsinnige dieses Verfahrens inden Augen der Leser darzulegen, wird dann dargethan,daß sich bei Thomas und Aristoteles einzelne Lehren undSätze finden, welche von aller Welt heutzutage alslächerlich angesehen werden, so über den Einfluß desSüd- und Nordwindes auf die Geburt von Mann undWeib, der Gestirne auf die Somnambulen rc. rc. Aller-dings versucht der Verfasser es auch, tiefer greifendeLehren als falsch und unhaltbar hinzustellen, so vorallen den Dualismus von Materie und Form, die Lehrevon den Universalien rc. rc. Auf die Rechtfertigung dieserLehren näher einzugehen, Lehren, welche thatsächlich auchvon der Neuscholastik vertreten sind, kann nicht erwartetwerden. Es sei auf die zahlreichen gründlichen Dar-legungen dieser Punkte in den zahlreichen, trefflichenWerken der Neuzeit verwiesen. Es ist uns schon genug,wenn wir durch Herru vr. Müller erfahren, in derScholastik seisein wahr sein, falsch nicht sein,daher die Realität der Universalien rc. rc.". Ein philo-sophischer Scharfsinn sondersgleichen wird geoffenbart,wenn durch Herrn Müller Aristoteles und Thomas dahinbelehrt werden, das Princip der Jndividuation sei nichtein Metaphysisches, sondern ein psychologisches Problem.Als ob in der Scholastik und auch bei Aristoteles derpsychologische Faktor bei Erkenntniß des Allgemeinen imEinzelnen nicht vollauf wäre gewürdigt worden, ohne daß