Ausgabe 
(1.11.1894) 44
 
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Man dem metaphysischen irgend etwas vergab.Dasuniversale äirscwurn ist seinem Inhalte, nicht aber seinerForm nach real", heißt eine Thesis, welche jeder kennenmuß, der etwas scholastische Philosophie studirt hat. Ergibt in Kürze die Lehre des gemäßigten Realismus,welche Gemeingut der Blüthezeit der Scholastik, wennauch nicht gerade der modernen Philosophie genanntwerden kann.

(Schluß folgt.)

Ein Wort über die alten Sprachen und denEinfluß der klassischen Studien in politischerund religiöser Beziehung.

(Fortsetzung.)

8. Wie der historisch-politische Inhaltder Klassiker uns einerseits viel Nachahmungswürdigesvorführt und anderseits durch abschreckende Beispiele vorManchem Uebel warnt, so ist der religiöse Inhalt nichtweniger geeignet, uns gleichfalls in doppelter Hinsicht zubelehren. Bekanntlich verehrten die alten Griechen undRömer, statt des einen wahren Gottes, eine große Zahlvon Göttern und Göttinnen, die nichts als Geschöpfemenschlicher Phantasie waren und also auch nirgendsals eben in der Einbildung, in dem Glauben jenerVölker existirten. Mit diesen fingirten Göttern nun, mit"ihrer Natur und der Art ihrer Verehrung werden wirdurch die klassische Leciüre näher bekannt; wir sehen, inwelcher Weise jene heidnischen Völker sich ihre Religiongebildet haben. Das Gottesbewußtsein, das, wie dieGeschichte aller Völker beweist, dem Menschen als einErbtheil seiner Abstammung und als ein unveräußer-liches Eigenthum der Vernunft angeboren und tief ein-gepflanzt ist, wurve zunächst durch die äußere Natur,ihre wohlthätigen und furchtbaren Erscheinungen gewecktund zur Entwickelung angeregt.

Da jene Völker Hiebei lediglich auf den Inhalt derVernunft und die äußere Wahrnehmung, die Natur, be-schränkt waren und durch keine weitere Offenbarung derGottheit unterstützt und geleitet wurden, so gelang esihnen nicht, den einen wahren Gott zu finden. Sie er-hoben sich nicht über die Natur hinaus zu einem ewigen,geistigen, uneuolicv vollkommenen Wesen als dem Schöpferder Natur und Urquell alles Seins, sondern sie bliebenbei der Natur selbst stehen und verwechselten das Geschöpfmit dem Schöpfer. Ihre Phantasie schrieb den Elementenein höheres Leben zu, personifieirte und vergötterte die-selben. Und wie die Elemente alles aus sich erzeugen,so zeugten nach der Vorstellung der heidnischen Griechenund Römer die ersten Gottheiten (die personificirtcn Ele-mente, zunächst vög«<; und U«-a) wiederum andereGötter und Göttinnen, und es entsteht sofort ein zahlreichesGeschlecht von größeren und kleineren, älteren und jüngerenGottheiten,") so daß zuletzt fast in jedem größeren Gegen-stände der Natur eine besondere Gottheit gesehen wurde,die in dem Naturgegenstande als dem ihr überwiesenenGebiete lebte, wirkte und herrschte. Auf oberster Stufesteht als höchster Herr der Welt der Gott des alles über-ragenden und umschließenden Himmels Zeus oderJupiter. Alle übrigen Gottheiten stehen unter ihm undhaben sowohl durch diese Unterordnung, als auch durchdie gegenseitige Abgrenzung ihres Gebietes eine beschränkteMacht. Allein auch die Macht des Jupiter ist eine be-schränkte, sie ist keine Allmacht, obgleich ihm, besonders

von Dichtern, häufig die Prädikate des Allmächtigen")beigelegt werden; er theilt die Beherrschung der Weltmit dem blinden und unabänderlichen Schicksal, mit demFatum. Es herrschte in diesem Punkte bei den Alten,wie in vielen andern, eine große Unklarheit und Ver-schiedenheit der Auffassung; bald wird Zeus oben ange-stellt und das Schicksal ist gleichsam nur ein Ausflußseines Willens, bald stehen Zeus und das Schicksalneben einander, bald stehen Zeus und alle anderen Götterunter dem Schicksal.") Daß auch dem höchsten derGötter keine absolute Macht zugeschrieben wurde, hingdamit zusammen, daß man nicht einen Gott, sonderneinen formlosen Urstoff, der allen Raum erfüllte, alsdas erste und ursprüngliche Wesen annahm und erst ausdiesem die Welt sammt den Göttern hervorgehen ließ.So ist nach jenem Glauben die Welt nickt von Gottals dem absoluten Urgrund alles Seins erschaffen worden;sondern, wenn sie nicht von selbst oder durch Zufall ent-stand, so wurde höchstens der vorhandene Stoff von einemGatte geordnet und zu dieser Welt gestaltet, wie einKunstwerk vom Künstler aus vorhandenem Stoffe ver-fertigt wird. Eine Stelle aus Ovid , Nstarn. I. 5. s^.,mag hier citirt werden, welche heißt:

Luto mors et lerras vt, quoä teZsit omnia, eoelumIInus erat toto naturas vultus tu orbs,

(Zuam (lixeis 6Imos; rmlis iuäiAöstaqus molss;

Xeo quiäquLM »ist xornlus iners; oonAostaqus eoäomXon bens juiuNaruw äiseoräia, semiug, rerum.

Der Dualismus in der Regierung der Welt (Zeus und Fatum) ruht somit folgerichtig auf dem Dualismus,der bei der Entstehung und Bildung der Welt (Chaosund öy.n'.ou^v;) schon vorhanden ist. Zeus und dieanderen Götter erscheinen daher von Anfang an als be-dingte, entstandene Wesen; sie werden geboren, sie sindzwar unsterblich, aber sie sind nicht von Ewigkeit her.Ebenso ist das Wissen der Götter ein beschränktes, siewerden von einander und selbst von Menschen getäuschtund betrogen, sie haben keine Allwissenheit,") obgleichihnen solche bisweilen beigelegt wird?'') Ihre Gerechtig-keit ist gleichfalls eine relative und für den Begriff derGottheit niedrige; von Heiligkeit nach unserem Begriffeist bei ihnen keine Rede, sondern wie sie in allem An-deren anthropomorphosirt sind, so sind sie es besondersin dieser Hinsicht; sie sind genußsüchtig und leidenschaft-lich, neidisch und eifersüchtig, sie hadern und kämpfenmiteinander um Ehre und Macht rc., sie werden über-haupt mit menschlichen Schwachheiten und Lastern be-haftet gedacht. Die Menschen sind für sie oft die bloßenWerkzeuge ihrer Laune, der Liebe oder des Hasses. IhreLieblinge beschützen sie, auch wenn dieselben ungerechthandeln; auf die Gehaßten dagegen schütten sie die volleSchale ihres Zornes aus. Die Ursache dieses Hasses istgewöhnlich eine spezielle Beleidigung von Seiten desMenschen, eine Mißachtung dieser oder jener Gottheit,das Unterlassen der Opfer u. dgl. Die dafür von Seitender beleidigten Gottheit verhängte Strafe scheint mehrein Akt der Rache als der Gerechtigkeit zu sein. Manch-mal verleiten sie den Menschen zu schlechten Thaten, diesonst von den Göttern selbst schwer bestraft wurden.(Oonk. Hörner, II. IV. 64 u. 94 sc^.) Bezüglich ihrerLasterhaftigkeit gehen wir eben zunächst von unserenBegriffen von Tugend und Laster aus, und es ist einiger

"') 6onk. Aomer, Ocl^ss. IV. 2, 37.

^) Heroik. I. 91. Homer, Oäzss. III. 236 oqo.

-°) 6onr. Homer II. XIV.. 1ö9 und tt. XVIII., 183.

") Horn. (clxss. IV., 469.

^) Oonk. Ueoiocl. Uisox.