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Grund vorhanden, zu sagen, daß jene Götter für dassittliche Bewußtsein der Alten nicht lasterhaft gewesenseien, indem man in ihren Attributen nur die bessereSeite, die Macht und Größe im Auge gehabt und dasihnen Beigelegte eben nicht für lasterhaft gehalten habe.Hier ist jedoch nicht zu vergessen, daß in der Mythologieauch manche Thaten den Göttern zugeschrieben wordenfind, die, wenn sie von Menschen begangen wurden, nachden Gesetzen und Sitten der Alten Strafe und Schandezur Folge hatten. Freilich galt in vielen Fallen dieserArt die Strafe nicht der Handlung an sich, sondern derdamit verbundenen Verletzung des Rechtes Anderer. Undinsofern die Menschen den Göttern gegenüber kein Rechtanzusprechen hatten, so fiel allerdings die Rechtsverletzungweg. Aber auch so sind manche Handlungen der heid-nischen Götter selbst vor dem moralischen Bewußtsein derGriechen und Römer nicht ganz gerechtfertigt; denn dasGefühl für das Bessere war nie ganz erstickt, und dasBewußtsein von der Schändlichkeit des hier gedachtenLasters trat oft unzweideutig hervor. Dieses sehen wirbesonders auch aus der Hochschätznng der ihm entgegen-gesetzten Tugend. (Oonü ?1ut. Lrisb. 20.) Wir er-innern nur an den Dienst der Vesta und die großenEhren und Auszeichnungen der Vestalinnen. Die Be-griffe der Alten sind eben auch hierin, wie in den meistenanderen Dingen, schwankend, unklar und sich wider-sprechend, weil ihre religiösen Ansichten, abgesehen vonder getrübten Quelle, aus der sie geflossen, keinen Mittel-punkt haben, in keinem Lehrgebäude als Ganzes zusammen-gefaßt sind, überhaupt der Einheit, Uebereinstimmung undKonsequenz vollständig entbehren. — Insofern jedes Volkvon Natur aus dasjenige als seine Gottheit verehrt undmit dem Namen Gott oder Götter bezeichnet, was esnach seinen Begriffen für das Größte und Vollkommenstehält, so ist es freilich gegen die Natur der Sache, an-zunehmen, daß die Alten etwas, das sie als lasterhafterkannt hatten, ihren Göttern beilegten. Allein wennsie unbewußt den Göttern jene Eigenschaften und Thatenzuschrieben, die wir mit Recht als menschliche Schwach-heiten und Laster bezeichnen, so sehen wir eben daraus,wie wenig sich die Alten zu einer würdigen Vorstellungder Gottheit erhoben, indem sie ihre eigene Natur, ihreLebens- und Handlungsweise nur in etwas vergrößertemMaßstabe auf die Götter übertrugen und eigentlich nurihr eigenes Wesen — ohne Jdealisirung ins Unendliche —zur Gottheit erweiterten. Und hierin liegt eben der Grunddavon, daß die Moral der Alten so vielfach verkehrt undniedrig war. Denn wenn die Menschen aus sich Gesetzeder Moral entwickeln wollen, so können sie dieselben nuraus der Vernunft, aus dem Gottesbewußtscin schöpfen;sie werden sich die Begriffe von Sittlichkeit, Tugend undVollkommenheit aus ihren Begriffen von Gott, aus ihrerVorstellung von dem Wesen und Willen Gottes heraus-nehmen; was sie in ihrem Bilde von Gott sehen, wirdihnen die höchste Tugend, die größte Vollkommenheitsein, so daß das Streben nach Tugend und Vollkommen-heit nichts anderes ist, wie Plato sagt, als das Strebennach der Aehnlichkeit mit Gott . Denn ein höheres Vor-bild, als das Wesen Gottes, ein höheres Gesetz, als denWillen GotteS , kann es für den Menschen nicht geben.Wenn nun aber in das Bild von den Göttern nebstanderen Eigenschaften zugleich die (wenn auch nicht alssolche zum Bewußtsein gekommenen) Mangel der Menschenhineingetragen wurden, so hatten die Heiden in ihrenGöttern als Vorbildern der Tugend und Vollkommenheit
ini Grunde nichts anderes oder nicht viel mehr, als ihreigenes unvollkommenes Wesen und Handeln. Daß dieMoral dadurch nur eine niedrige und unvollkommenewerden konnte, ist klar.
Und in der That war die Tugend auch der edelstenHeiden nach christlichen Begriffen immerhin noch sehrmangelhaft und einseitig; denn abgesehen davon, daßdie Heiden viele Handlungen, die nach unserer Sitten -lehre schlecht sind, für erlaubt, ja selbst für gut und fürein Zeichen hoher Gesinnung hielten (wir erinnern hiernur an den Selbstmord eines Cato von Utica , „Oatonignodils letum," Hör. 06. I. 12), beruhte ihre Tugendmehr auf der Furcht vor den Göttern, als auf Liebezu ihnen; häufig mehr auf Ruhmsucht und Eitelkeit inder strengen und conscquenten Durchführung gewisserGrundsätze, als auf wahrer Liebe zur Tugend selbst(Oonk. klut. Oalo). Daher sind die Alten auch so oftdie Lobredner ihrer eigenen Tugend. Die Demuth da-gegen, ohne die es im Christenthum keine ächte Tugendgibt, kannten die Alten soviel als gar nicht. Es istdieses aus dem Vorhergehenden leicht zu erklären. Dennda die Demuth das Gefühl und Bewußtsein der eigenenSchwäche und sittlichen Unvollkommcnheit im Verhältnißzur unendlichen Vollkommenheit und Heiligkeit Gottes ist,die heidnischen Götter aber mehr nur in Betreff der na-türlichen Anlagen und der Macht hoch über den Menschenstehen, in sittlicher Beziehung dagegen so sehr anthropo-morphosirt find, daß zwischen ihnen und den Menschenkein unendlicher Gegensatz stattfindet, indem sie ja selbstmenschlich denken, fühlen und handeln und somit für dieMenschen nicht als unendlich hohe und absolut unerreich-bare Ideale von sittlicher Vollkommenheit erscheinen können,so ist es ganz natürlich, daß die Heiden bei solchen Vor-bildern von sittlicher Vollkommenheit, denen sie auch beieinem geringeren Maß von Tugend nicht sehr ferne standen,nicht in dem Grade zum Bewußtsein ihrer eigenen Un-vollkommenheit gelangen konnten, wie dieses auf christ-lichem Boden der Fall ist und nach der christlichen Lehrevon den Eigenschaften Gottes nothwendig sein muß. DieDemuth fand daher dort keinen Platz, weil eben dasUnvollkommene für vollkommen galt; man war im Gegen-theil stolz auf die Tugend. Nicht mit Unrecht werdendeßhalb die heidnischen Tugenden vom christlichen Stand-punkte aus als glänzende Laster bezeichnet.
Zwar haben die alten Philosophen, besonders Plato ,sich thcilweise zu einer würdigeren Vorstellung von derGottheit erhoben und vielfach bessere Sittenlehren auf-gestellt. Die Naturkräste, welche die Dichter und derbesonders auf sie gestützte Volksglaube einzeln auffaßten,durch die Phantasie belebten und personificirten, wurdenvon den Philosophen gewöhnlich in eins zusammengefaßtund als ein Ganzes angeschaut. (Ltiam in
60 lisiro, czui xsi^sieus inscribitur, populäres äsog'inrrltog, uaturalsm. urmra 6886 clioeno, tollib vinr 6tnrrtuiLiir äoorum. Oio. clo nat. äoor. I. 13.) Aberauch sie kamen nicht über die Natur hinaus, sie erhobensich aus dem Begriffe der als Einheit gefaßten Kraftnicht mehr zur Persönlichkeit. Die Ethik des Sokrates,des Plato und Anderer setzt, sowie alles Streben nachTugend und Vollkommenheit, freilich die Existenz einespersönlichen Gottes voraus oder ist wenigstens ohne die-selbe nicht wohl erklärlich. Allein gerade da liegt ja derHauptwiderspruch der Philosophen mit sich selbst, daß dieVernunft das Bewußtsein Gottes, eines persönlichenGottes, unabweisbar in sich trägt und vermöge des-