Ausgabe 
(29.11.1894) 48
 
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übernahm. Der Lokalforschung bleibt da noch ein weitesFeld zu bebauen und erst, wenn einmal die altenStfftungsrecbnungen ausgebeutet sein werden, läßt sichüber den Umfang der Thätigkeit, welche die Wesso-brunner Schule entfaltete, ein annähernd vollständigesBild gewinnen. Darum ist es dankbarst zu begrüßen,daß Herr Dr. Hager sich der mühseligen Arbeit unter-zogen hat, ein alphabetisch geordnetes Verzetchniß derWcssobrunner Maurer und Stuckatoren herzustellen. Soist der Lokalforscher in den Stand gesetzt, sich in denmeisten Fällen sofort zu unterrichten, ob ein ihm unter-kommender Name unter die Wcssobrunner Meister ein-zureihen ist. Doch wir kehren zu diesen selbst zurück.

Im 18. Jahrhundert brachte die Schule in JohannZimmcrmann ihren bedeutendsten Stuckator, in dessenBruder Dominikus ihren bedeutendsten Baumeister,einenwahrhaft genialen Architekten", hervor. Letzterer bautedie köstlichen Wallfahrtskirchen Steinhaufen und Wies,ersterer stnckirte die Klosterräume in Ottobeuren und trat1720 in die Dienste des Münchener Hofes, wodurch erauf die innere Entwicklung der Wcssobrunner Schulemaßgebenden Einfluß gewann.

Die Wcssobrunner Stuckatorenschule beginnt in denachtziger Jahren des 17. Jahrhunderts ein eigenen Stilauszubilden. Bis dahin hatten die Wcssobrunner sichbegnügt, die in Oberitalien übliche und durch die St.Michaelskirche in München nach Deutschland verpflanzteArt der Stuckdekoration nachzuahmen, deren Wesen darinbesteht, die Gewölbe durch quadratisches und kreisförmigesRahmenwerk in geometrische Felder zu theilen (Quadratur-arbeit), wobei die Kanten der Nahmen durch Eier- undantike Blatistäbe hervorgehoben werden. Dieser Formen-schatz erhält im Laufe der zweiten Hälfte des 17. Jahr-hunderts eine wesentliche Bereicherung durch Aufnahmejener Dckorationsmotive, welche von dem BolögnesenBarelli in der Theatincrkirche zu München , diesemMark-stein in der altbayerischen Baugeschichte des 17. Jahr-hunderts", zur Verwendung gebracht worden waren. Essind hauptsächlich die Akanthusranke, der Lorbeer- undEichenlaubstab und die Fruchtschnur. Trotz der Ab-hängigkeit von den Italienern zeigt die Formcnwelt derWcssobrunner doch gewisse Eigenthümlichkeiten, freilichnicht zu deren Vortheil: das Figürliche steht hinter demPflanzenwerk quantitativ und qualitativ zurück; unter denPflauzenmottven ist der von den Italienern so sehr be-günstigte Palmzweig nur spärlich und in verkümmerterForm vertreten; überhaupt erreichen die WcssobrunnerStuckaturen nicht die schwellende, üppige Form deritalienischen.

Zu diesen den italienischen Vorbildern entnommenenMotiven gesellt sich alsbald als neues Element französischerEinfluß. Die durch den Münchener Hof und den Augs-burger Kunsthandel bekannt gewordenen Nadirungen desArchitekten Jean Le Pautre vermÄeln diesen Einfluß.Unter den neuen Motiven sei als hervorstechendstes er-wähnt das des Hinweggleitens der Akanthusranken überdie Figuren, so daß diese theilwcise unter den Rankenversteckt sind (Jagdsaal in Wessobrunn ; Ostwand derFrauenkirche in Münsterhausen ). Durch diese Vermengungitalienischer und französischer Motive entsteht der eigent-liche Wcssobrunner Stil und von da ab kann man voneiner Wcssobrunner Schule im vollen Sinne des Wortesreden.

Wie nun der kräftige, gedrungene Stil der Hoch-barock überhaupt sich gegen das Jahr 1700 zu freier

und leichter gestaltet, so wird jetzt auch die Stuckaturgroßzügiger und in ihren Formen schmächtiger. DieAkanthusranken entfalten sich, die Zwischenräume, indenen sie vom Stamme abzweigen, werden größer, inimmer wachsender Menge entsprießt verschiedenartigesBlatt- und Blumenwerk in diesen Zwischenräumen demStamme (Jesuitenkirche in Mindelheim ). Mit der Zu-nahme der Neigung für schmächtigere Formen tritt dieNothwendigkeit ein, durch zarte Abtönung des Grundesden Stuckaturen gegenüber der Architektur die volleWirkung zu verschaffen, welche ihnen vordem die eigeneKraft und Fülle gab.

Die Stilwendung zum Rokoko trat bei den WcssobrunnerMeistern schon frühzeitig ein. München und Augsburg waren auch hierin von maßgebendem Einflüsse. InAugsburg , dem Hauptsitze deS Ornamentstiches, hatteWessobrunn seinen kirchlichen Mittelpunkt und die daselbstansäßigen Wcssobrunner Künstler versahen ihre Lands-leute ohne Zweifel eifrig mit den neuesten Stichenfranzösischen Geschmackes. Johann Zimmcrmann ver-wendete schon i. I. 1717 jenesLaub- und Bandelwerkfranzösischer Manier", welches den neuen Stil ankündigt.Als er dann seit 1720 am Hofe zu München Beschäf-tigung fand und bald auch unter Cüvilliäs Leitungarbeitete, fand er Gelegenheit, den damals modernstenStil sich anzueignen und den Seinigen zu vermitteln.

Die Nachahmung französischer Vorbilder ward baldallgemein Mode und erwischte so zum gntcn Theil seitetwa 1720 die Eigenart der Wcssobrunner Schule.Indeß ist zu erwarten, daß ein ins Einzelnste gehendesStudium des Rokoko, wie es erst an der Hand einesvollständigen Photographischen Materiales möglich seinwird, auch für die spätere Zeit gewisse Eigenthümlich-keiten der Wcssobrunner Stuckaturen erkennen lassenwird. Freilich die Glanzzeit der Stuckdekoration oderdoch ihre beherrschende Stellung unter den Dekorations-mitteln geht um die Mitte des 18. Jahrh, zu Ende.Die Freskomalerei beginnt das Feld zu behaupten undläßt der Stuckatur nur mehr die Aufgabe, den Nahmenfür das Gemälde zu schaffen. Die seit 1780 allmähligzur Geltung kommende klassicistische Richtung bereiteteder Stuckaturkunst den Untergang, indem ihre nüchternenFormen der Phantasie des Künstlers den Boden entzogen.

Wieviel des Belehrenden und Anregenden HagersStudie bietet, konnte hier nur in großen Umrissen angedeutetwerden. Darf der erste Theil der Abhandlung als einMuster einer Kloster-Kunstgeschichte bezeichnet werden, sogreift der zweite einschneidend in die Geschichte des Barockund Rokoko in Deutschland ein und eröffnet der kunst-geschichtlichen Forschung über diese Stilarten ein neuesFeld.

Augsburg . Dr. A. Schröder.

Die Chronologie des hl. Willibald

nach der Klosterfrau von Heidenheim a. H.,einer bayer. Schriftstellerin des VIII. Jahr-hunderts.

Von I. N. Seefried.

(Fortsetzung.)

II.

OftronoIoZia. IVillilial ciina zwischen 720und 743.

Hirschmann hat die spätmittelalterliche falsche Eich-stätter Tradition, daß Willibald schon 741 Bischof ge-worden, nicht bloß aus dem Oonoiliuna Aorwaniourn,