Ausgabe 
(27.12.1894) 52
 
Einzelbild herunterladen

413

Dagegen ist vorerst zu sagen, daß nicht der ebenpassende Entwickelungszustand erster Grund dafür ist,daß Leben auf Erden herrscht, sondern der freie Willens-akt Gottes. Es mochten alle Vorbedingungen für Pflanzen-und animalisches Leben erfüllt sein, gleichwohl hätte dieErde nie das geringste Leben hervorgebracht, wenn nichtdes Schöpfers freier Akt die Lebenskraft hineingelegtHütte. Es können also Millionen von Himmelskörperndas tellurische Entwicklungsstadium betreten haben unddabei dennoch ohne Leben sein. Von der Erde sagt unsdie hl. Schrift ausdrücklich, daß sie den Menschen alsWohnsitz übergeben sei. Morruia autoin äsäit ülÜ3Komin am.« Von anderen Himmelskörpern ist ein solcherZweck nirgends angegeben.

Die verschwindende Kleinheit der Erde spricht nichtvagegen, daß sie alleiniger Wohnsitz des Lebens sei,ebensowenig ihre Stellung als Planet. Gottes Wahlgreift so gerne nach dem Kleinen. Nicht Assyrier, Mederoder Perser, auch nicht Griechen oder Nömer, sonderndas kleine Volk Israel im kleinen Ländchen Palästinawar sein auserwähltes Volk. Das kleine Bethlehemwurde als Geburtsort des Welterlösers bevorzugt vorso vielen anderen weit größeren Städten. Auch in derNatur ist das Edelste nicht immer groß oder durch cen-trale Lage ausgezeichnet. Man denke nur z. B. andas Gehirn des Elephanten oder Walfisches und ver-gleiche es mit dem übrigen Körper. Der Lage nachliegt nicht einmal das Herz genau im Centrum desKörpers. Wie klein ist das Auge, das so viel umfastaus dem Reiche der Sichtbarkeit! Der menschliche Kör-per, dieser wunderbare Kosmos im Kleinen, verschwindetvöllig vor einem gewaltigen Gcbirgsriesen. Dieser selbstwieder birgt in seinem Innern verschwindend kleine Gängeedlen Metalles oder Gesteines, dessen Werth dennoch un-schätzbar ist. Gleichwie die Blüthe der Pflanze, obgleichim Vergleich zum Ganzen unbedeutend an Masse, dennochder edelste Theil derselben ist, so kann auch die Erdetrotz ihrer Kleinheit die Blüthe des Weltalls durch ihreBestimmung sein und vielleicht auch durch ihre sonstigenEigenschaften.

Jedenfalls ist sie der bevorzugteste Planet unseresSonnensystems. Hier gilt als erwiesen, daß sämmtlicheäußere, jenseits der Asteroiden liegende Planeten sichgegenwärtig noch in einem so geringen Dichtigkeitszustandund auch in Tcmpcraturverhältnissen befinden, welcheauf ihnen eine Entwickelung organischen Lebens un-möglich machen. Der kleine, der Sonne am nächstenstehende Merkur besitzt die größte Dichtigkeit. Alleinseine sehr dichte Atmosphäre und die wahrscheinlich sehrgroße Wärme, die auf ihm herrscht, machen die Existenzorganischer Gebilde mindestens zweifelhaft. Der Mondkann wegen Mangels jeglicher Atmosphäre gar nicht inSprache kommen. Es bleiben also außer der Erde nurnoch Venus und Mars übrig. Allein für Mars beträgtdie Sonnenstrahlung noch nicht die Hälfte von der, welchedie Erde empfängt. Die Folge davon ist, daß sein Klimamindestens doppelt so kalt ist, als das irdische. Da zu-gleich dieser Planet ein sehr großes Absorptionsvermögenfür die Lichtstrahlen besitzt, so ist das Licht auf ihm .nichtbloß im Verhältniß des Quadrates seiner Entfernungschwächer als auf der Erde, sondern noch bedeutend ge-ringer. Venus hat fast gleiche physikalische Verhältnissewie die Erde mit doppelt so großer Erleuchtung undErwärmung. Bei diesem Planeten allein kann man aufGrund der Forschung die Bewohnbarkeit nicht direkt in

Abrede stellen. Da jedoch der Winkel seiner Rotations-achse weit größere Extreme seiner Klimate bedingt, so mußman dieses jedenfalls als einen sehr bedeutenden Nach-theil fürs organische Leben bezeichnen.

Aus dem Gesagten geht hervor, daß unsere Erdeunter allen Planeten unseres Sonnensystems am meistenbegünstigt erscheint für das Gedeihen organischen Lebens.Die meisten Planeten unseres Sonnensystems könnennicht bewohnt fein, die übrigen weisen große Nachtheileauf für die Entfaltung von organischem Leben, somitspricht der Erfahrungsbeweis dafür, daß nur unsere Erdebewohnt und belebt ist. Wenn dieses von unseremSonnensystem gilt, warum sollen wir. dann mit der Hypo-these von der Bewohnbarkeit noch weiter ziehen auf un-sichtbare Planeten anderer Sonnen?

Indem Schreiber dieser Zeilen hiemit sich erlaubthat, Kritik zu üben an dem, was ihm ungeeignet erschien,bekennt er sich ausdrücklich als Freund der Naturwissen-schaft und der Naturforscher. Er wünscht aufrichtig, daßjeder derselben die drohende Gefahr der Einseitigkeit ver-meide. Möge man die Natur als geschaffenes WortGottes betrachten, welches nie dem geoffenbarten wider-sprechen kann. So betrachtet schon der hl. Augustin dieNatur, wenn er schreibt: Major lider nostor ordiatsrraruw. est: in oo loZo ooinxloturn, Hnoä in likroDel loZo xroinissnra.« Außer Altum hat besondersLorinser das Gesammtgebiet der Naturwissenschaft indiesem Sinne erfaßt und behandelt in seinem bedeutendenWerkeDas Buch der Natur". Allein es ist dieses, wieer selbst sagt, nur ein Versuch, ein Anfang. Möge Gott bald einen genialen Geist erwecken, der, auf dieser Bahnfortschreitend, uns möglichst Vollkommenes bietet! Dann,wenn man im geschaffenen Buche der Natur nicht mehrfalsch liest, sondern recht lesen gelernt hat, wird die Natur-wissenschaft nicht mehr vom Glauben hinweg, sondern zumGlauben hinführen.

«- *

*

Herr Maier (Schaufling ), dem wir vorstehendenArtikel im Manuscript vorgelegt haben, bemerkt hiezu:

Was die Unendlichkeit des Weltalls betrifft, so habeich zunächst in meiner Arbeit die relative Unendlichkeitdes Weltalls oder, strenge genommen, unseres Fixstern-systems behauptet. Diese Unendlichkeit in Raum undZeit ist ein Satz der Empirie. Wir als endlicheWesen werden nie die Schranken der Unendlichkeit durch-brechen! Ich habe in einem Vortrage vor der natur-forschenden Gesellschaft in Passan und in mehreren Ar-tikeln überGröße und Bau des Weltalls", welche im38. Band der ZeitschriftNatur und Offenbarung" ab-gedruckt sind,, gezeigt, daß wir mit unseren optischen Hilfs-mitteln bis jetzt nicht einmal über unsere höchst wahr-scheinlich linsenförmige Weltinsel hinausgedrungen sind,daß wir also nicht wissen, was jenseits unseres Fix-sternsystems sich befindet.

Ich sehe übrigens nicbt ein, weshalb im absolutgrenzenlosen Raum die Zahl der Weltkörper eine be-grenzte, endliche sein sollte.

Bekanntlich ist ja das Unendliche auch heute nochdas Objekt der größten Streitigkeiten zwischen den Mathe-matikern und Philosophen. DieAnalysis des Unend-lichen" oder dieDifferential- und Integralrechnung"rechnet sogar mit den unendlich kleinen Größen. Dermathematische Realismus behandelt das Differentiale alseine transfinite, der Nominalismns als eine infiniteGröße. Wie Hamilton in seiner genialen Theorie der