Ausgabe 
(10.1.1896) 2
 
Einzelbild herunterladen

15

Mich, ich kenne es, und ich glaube, wir beide könnten esdabei bewenden lassen." Er war mit einem Wort ge-sättigt. Er kannte nicht die Triebfeder des wahrenSchriftstellers das Volk zu belehren, veredelnd aufdasselbe einzuwirken; seine Beweggründe waren Ruhmund Geld, und als er beides hatte, da erfaßte ihn einEkel davor. Unbewußt spricht aus ihm die gesättigteEitelkeit und Geldgierde.

Das obige Bekenntniß konnte sein Freund PhilippeGille , der es jetzt im Figaro erzählt, nicht begreifen, under forschte darum nach, und was mußte er jetzt ersthören?Wissen Sie wohl, fuhr Dumas fort, woranich hundertmal gedacht habe? Ich habe es Nie-mandem gesagt, aus Furcht, man könnte falsche Fol-gerungen aus einem ganz natürlichen Entschlüsse ziehen."Unsere Leser werden es kaum selbst wohl ahnen, wonachsich dieser Verherrliche! der Halbwelt sehnte.Im An-gesicht der Nichtigkeit des Lebens, der Nutzlosigkeit unsererAnstrengungen, die wir an eine sogenannte Vorsehungrichten, die nichts für uns vorsieht habe ich darangedacht (hundertmal!), mich in ein Kloster zurückzu-ziehen." Lache nicht, lieber Leser, dem Manne muß esweh um's Herz gewesen sein. Er mußte schon in diesemLeben die Strafe dafür erleiden, daß er so manchmalseine Frivolität an dem Klosterleben ausgelassen hatte.Vielleicht selten hat er so wahr gesprochen, als in dieseminteressanten Bekenntniß. Und warum sehnte er sich nachdem Kloster?Da ist man außerhalb des Lebens, dahört man nicht einmal dessen Geräusche, da denkt manan sich, da ist man frei zwischen diesen vierWänden, tausendmal mehr frei als im so-genannten unabhängigen Leben....." Manfragt sich unwillkürlich, ist es wirklich Alexander Dumas ,der so spricht? Aber er sollte das Glück nie genießen,er sollte es nur ahnen, sich darnach sehnen, aber nieerreichen.

Beruhigen Sie sich!" spricht er zu Philippe Gille ,der wohl verwundert genug dreingeschaut haben mag.Ich werde niemals das thun, was ich Ihnen da sage.Wissen Sie warum? Weil man sagen würde, ich seiin Frömmelei verfallen (aha!) und ich hatte dem Ein-flüsse irgend eines Priesters oder einer Frau gehorcht."Wie kleinlich! Beifall, Zischen, Zustimmung und An-schwärzung des Publikums war ihm doch nicht so ganzgleichgültig, wie er sich glauben machen wollte. Dannmischt er wieder Frivoles mit Tiefernstem:Auch leseich Ihre Einwendungen auf Ihrer Stirne: Ich würdewich da zu Tod langweilen (das Ansichselbstdeuken waralso doch nicht so ganz nach seinem Geschmack), und eswürde mich nicht befriedigen, Birnbäume zu Pflegen oderDessert-Liqueure zu componiren (im Kloster thut mannoch ein wenig anderes). Sie haben recht, mein Geistwürde stets anderswo sein, als im Kloster, weil ichnicht das habe, was die andern dort zurück-hält den Glauben. Ach, diejenigen sindglücklich, die den Glauben haben; aber manhat ihn nicht, wenn man will."

Der Glaube ist eben ein kostbares Geschenk Gottes,das Dumas , der nicht einmal getauft war und auchseine Kinder nicht taufen ließ, nie gekannt hat. Dasmöge als ein Entschuldigungsgrund gelten. AlexanderDumas hat auch einmal seinem Freunde Desbarolles,wie dieFranks. Zeitung" zu erzählen weiß, eine ArtSelbstbeichte vor 15 Jahren übergeben, und dieFranks.Zestung" meint selber, dieselbe seinicht ganz unparteiisch

ausgefallen, und man merkt, setzt sie hinzu, die Be-schönigungsversuche und die Pose für die Nachwelt."

Lernen wir den modernen Geistesheros noch etwa)näher kennen:Ich erfinde sehr schwerfälligund componire sehr langsam. Darum producireich so wenig (mehr als genug) im Vergleich zu meinenCollegen. Ich habe in meiner Kunst keinerleiIngeniosität"; was ich schreibe, das finde ich nachlangem Suchen." Wie sind denn die vielen Bände ent-standen, die ihm so ein Heidengeld getragen haben?Nun, er gehörte halt zu den Bücherfabrikanten, welchejunge, ungekaunte Kräfte benutzen, die unter der Leitungdes Meisters für diesen componiren und schreiben. Dannbekennt er weiter:Ich bin ein großer Ignorant,und ich befinde mich in Unkenntniß über eine Menge derelementarsten Dinge." Aber trotzdem kann man eineganze Bibliothek über alles Mögliche zusammenschreiben!Früher habe ich einen wahren Heißhunger nach Ruhmgehabt."Ich besitze einen erschreckenden Erwerbs-sinn.... Ich thue mir auf meine Sparsamkeit undWirthschaftlichkeit viel zu Gute. Ich liebe das Geld,wegen der Macht, die es geben kann, und wegen all' desGuten, das man thun kann.... Nein aus Egoismusmöchte ich so reich sein, wie alle Rothschilds zusammen."Geld und Ruhm wird eben zum Götzen, wenn man Gottnicht anerkennen will, aber zu einem Götzen, der dasHerz leer und unbefriedigt läßt.Diejenigen sind glück-lich, die den Glauben haben; aber man hat ihn nicht,wenn man will."

Dr. Hermann Roesler .

* Welch große Hochschätzung die Japaner für denEnde 1894 in Bozen verstorbenen vortragenden Rathim Ministerrathe zu Tokio, Dr. Hermann Roesler ,hatten, dessen Lebensskizze wir seinerzeit gebracht haben(Beilage 1895 Nr. 1), und welch innige Gefühle derDankbarkeit sie gegen ihn hegen, geht außer andernSchreiben aus nachstehender Zuschrift hervor, welche,datirt vom Februar 1895, im Wege des Reichskanzler-amtes in Berlin erst im November an seine in Bozen lebende Wittwe gelangte.

Dieselbe stammt vomVerein für deutsche Wissen-schaft" in Tokio , dessen Protector Se. kais. Hoheit derseitdem auf Formosa gestorbene Prinz Kitashirakawa war,und ist in japanischer Sprache verfaßt, mit beigefügterdeutscher Uebersetzung. Mehr als auffallend ist der Um-stand, daß das Auswärtige Amt in Berlin sieben Mo-nate brauchte, um den Aufenthalt der Wittwe, für welchejene Zuschrift so trostreich war, zu entdecken, währenddoch die japanische Gesandtschaft in Berlin wie auch inWien darüber alle Tage hätte Auskunft geben können.Aber Dr. Roesler war in Preußen nicht beliebt, theilswegen seiner Schriften, theils wegen seines Uebertrittszur katholischen Kirche . Die Zuschrift lautet:

Tokyo , den 25. Februar 1395.

Hochgeehrteste Frau!

Mit dem lebhaften Bedauern haben wir von dem schwerenVerluste erfahren, der Sie betroffen hat, und es ist uns eintiefempfundenes Bedürfniß, Ihnen, hochgeehrteste Frau, hiermitunsere innigsten Sympathien kundzugeben. Vielleicht wird esIhnen in Ihrem tiefen Kummer einen wenn auch schmerzlichenTrost gewähren, zu wissen, daß der Tod Ihres Herrn Gemahlshier, in dem Lande, dem er eine so lange Reihe von Jahrenseine besten Kräfie gewidmet hat, überall auf's Thcilnahmvollsteempfunden und betrauert wird.

Herr Rath vr. Hermann Roesler bat sich durch die be-deutenden Leistungen, die wir seinen seltenen wissenschaftlichen