Ausgabe 
(10.1.1896) 2
 
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der Sommer kurz. Wer möchte auch auf jede Freudeverzichten!

Doch darf man nicht klimatischen Verhältnissen alleindie Schuld an derartigen Erscheinungen beimessen, dereigentliche Grund hiefür liegt vielmehr im Naturell desVolkes; es lebt in ihm eine Künstlerseele voll Sehnsucht«ach Schönheit, Farbe, Klang und Lust.

Die Karikatur zu dieser berechtigten Freude amDasein zeigt sich bei Menschen, die bloß für Essen undTrinken, namentlich aber für letzteres, Interesse bekunden.Nirgends sonst auf Erden kann man solche Batterienvon Flaschen aufgestapelt finden, vor denen sich gewisseHerren zu Postiren pflegen und halbe Tage zubringen,scheinbar ohne anderen Zweck, als um schweigend undapathisch ein Glas nach dem andern zu leeren.

Diese Sorte Schweden , deren es leider eine Mengegibt, sind in den Nachbarländern nur allzuwohl bekannt.Wollte man aber die schwedische Nation nach ihrenmindestwerthigen Vertretern beurtheilen, so wäre dasebenso unbillig, wie wenn man in Schweden vagabund-irende Dänen, Deutsche rc. als Typen ihres Volksthumsansehen würde.

Einen gemeinsamen Charakterzug der Schweden bildet immerhin die Lust an Festen, die Gier, daß derTag außer seinem ewigen Einerlei auch etwas anderesbringen soll.

Ihren idealsten Ausdruck fand diese Seite desschwedischen Gemüthslebens im Improvisator Bellmann,der die einfachsten Zechbrüderschaften zu einer Atmo-sphäre olympischer Kraft und Freude zu erheben wußte.Er besaß das echt schwedische Vermögen, Alles zu ver-geistigen; er wollte durch die Phantasie mehr Raum fürLeben und Bewegung schaffen, als die Wirklichkeit bietet.Ganz anders die Dänen; sie betrachten, so zu sagen, dieWelt durch ein Verkleinerungsglas und sehen dann allesrecht erbärmlich.

Der ausgesprochen künstlerische Zug des Schweden wird bedauerlicherweise oft außer Acht gelassen. Mangibt zu, daß die Schweden ein praktisches Volk, für dieZwecke der Verwaltung wohl brauchbare Leute sind;man weiß, daß Ericssons und Nobels der Welt bewnnderns-werthe Proben von Thatkraft und Jngenieurskunst lieferten;daß die schwedischen Bahnen den Vergleich mit anderndurchaus nicht zu scheuen brauchen; daß kein Land reich-licher mit Telephonen und Telegraphen bedacht ist. Dieübrigen Seiten des Volkscharakters sind aber so gut wieunbekannt, wenigstens soweit Dänen und Norwegerin Frage kommen. Die fremden Nationen würdigenSchweden besser.

In den Dänen oder, richtiger gesagt, den Kopen-hagenern lebt ein gewisser ästhetischer Zug. Bet ihnenwird verhältnismäßig viel gemalt, vcrsificirt und com-ponirt. Bei den Schweden überwiegt das wahrhaftdichterische Element. Am besten enthüllen uns dirPhantasiereichen Volksweisen all' den Reiz der Wälder,Seen und Ströme, auch wenn man nur zufällig damitbekannt wird.

Man beschuldigt die Schweden der Kälte und Steif-heit im Verkehr mit Fremden, und in der That be-wahren sie auch eine gewisse vornehm-kühle Zurück-haltung, solange sie mit ihren Gästen nicht näher be-kannt sind.

Kommt man in ein dänisches Bahn-Conpä, so siehtman dort die Fahrgenosftn meist schon nach 5 MinutenMit einander plaudern, selbst wenn sie sich früher nie-

mals gesehen haben sollten. In freundschaftlich-gemüth-licher Weise verkürzt man sich so die Zeit und nimmtselbst keinen Anstand, während des Gespräches die eigene»Pläne und Verhältnisse preiszugeben.

In einem mit Schweden gefüllten Wagen kann man,soferne nicht Bekannte darin sitzen, halbe Tage langreisen, ohne daß einer den andern anspricht. Dagegendarf eine Dame bestimmt darauf zählen, daß ihr einschwedischer Herr, soferne sie seiner Hilfe irgendwie be-darf, dieselbe in ritterlichster Weise gewähren wird.In Dänemark hinwiederum verspürt man nicht viel vonsolch' galanter Gesinnung gegen Damen. Man meint esgleichwohl gut. Wie gesagt, von den skandinavischenNationen scheinen mir die Schweden entschieden die höchsteBegabung zu besitzen.

Obschon ich schon so lange in ihrem mir lieb-gewordenen Lande weile mehr als die Hälfte meinesLebens so empfinde ich doch noch oft jenes Gefühl,das ein Mädchen zu desgleichen pflegt, welches, auskleinem Hause einer Provinzstadt stammend, sich miteinem reichen Schloßherrn vermählt. Ich bewundere diegroßartigen, neuen Verhältnisse und erfreue mich anihnen wie an all' den Erinnerungen alter, glanzvollerZeiten, dem ewigen Wechsel in der Natur und Bevölkerung.Die Schweden weisen ja eine bunte Mannigfaltigkeit auf.Der Bewohner Norrlands und Skanes, Würmlüuder undSmaländer, - Göteburger und Stockholmer , SLadtbürgerund Dienstleute des Adels welchen in ihrem Typus sehrwesentlich von einander ab. Am besten läßt sich das ineiner Universitätsstadt beobachten, wo ganze Generationenjunger Männer aus allen Theilen des Reiches durch-passiren; hier findet man sogar noch eher Gelegenheit,die provinziellen Unterschiede zu studiren, wie in derHauptstadt. Wechselreich ist auch der Anblick des Landes.Bergkuppcn, Seen, Steilgestade und Ackerfelder, endloseWälder und mächtige Ströme verleihen jedem Distriktsein eigenthümliches Gepräge. In der Hauptsache einoffenes, nirgends von Felsen eingeengtes Gebiet, strecktSchweden seine Arme vertrauend und frei der ganzenWelt entgegen. Die Leichtigkeit, womit man sich dasFremde aneignet, geht leider nicht selten in kritikloseBewunderung dessen über, was vom Auslande stammt.

(Schluß folgt.)

Aus dem Leben eines Modernen.

8. 8. Im November v. I. starb in Frankreich einviel genannter Schriftsteller Alex. Dumas vondem alle französischen Blätter voll waren. Früherhieß es, Dichter und Philosophen müßten verhungern!Unsere modernen Schriftsteller verstehen es aber häufig,ihre Kunst zu Geld zu machen. Dumas wollte seinletztes StückRouts äo fl'stöbas" nicht herausgeben,obschon er selbst glaubte, es sei vielleicht sein bestes Stück.Warum sollte er es auch herausgeben?Ruhm", sobekannte er,oder das, was man so nennt, habe ich soreichlich, daß ein Mann damit zufrieden sein könnte,der hundertmal gieriger danach wäre, als ich. Geldbesitze ich mehr, als ich ausgeben kann. Beifall, Zischen,Zustimmung, Anschwärzung das Alles habe ich in sovielfältiger Art durchgemacht, daß ich nicht einmal mehrneugierig danach bin. Warum soll ich unter diesen Um-ständen wieder vor das Publikum treten? Es kennt

6) Frcm Nyblom ist geborne Dänin, Gattin des Professorsder Aesthetik C. N. Nhblom in Upfala.

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