Während Felix Heuiiuerlin Beriholds Erfindung „imhöchsten Grade bcwundernsmerth" findet, widmet ihrHuldrich Mutins (1539) ein entschiedenes und warmesLob. Er sagt: „Wenige Deutsche sehen ein, was dasMenschengeschlecht den zwei Erfindungen, der Geschützeund der Buchdruckerei, verdankt, und von keinem werdensie genug gerühmt, obwohl sonst jede Kleinigkeit ihrenLobredner findet. . . . Auf den ersten Blick scheint die sonothwendige Erfindung der Geschütze dem menschlichenGeschlecht verderblich. Aber dies ist in Wirklichkeit nichtder Fall, denn bei der jetzigen Zunahme von Habsuchtund Bosheit und bei der Abnahme der Nächstenliebewären die Gesetze nicht im Stande, die Bosheit derSchlechten in Schranken zu halten, und niemand wäreseines Lebens sicher. Wer hätte die Burgen der Räubervon ihren Höhen herabgeworfen, wenn nicht die Geschützees gethan hätten? Es verdammen viele dieselben undihren Erfinder, die ohne sie nicht leben würden, ja nichteinmal ihre Eltern. Die mächtigen und reichen Städteexistirten nicht ohne sie, und die Kaufleute könnten ihrenHandel nicht so frei treiben, und doch macht der Handelzum großen Theil den Reichthum unseres Stüdtewesensaus. Darum soll niemand diese Geschenke Gottes ver-achten, außer wer die Zähne im Munde des Hundesund die Hörner des Stieres nicht für ein gutes Werkdes Schöpfers hält. Entweder muß man alles, wasGott die Menschen zu ihrer Vertheidigung gelehrt hat,verdammen oder den Geschützen einen Platz unter denGaben Gottes einräumen." Sehr ruhig urtheilt der be-rühmte englische Historiker Hume (si 1776) über unsereErfindung; er sagt unter anderem von ihr, daß sie denKrieg im Grunde weniger blutig gemacht und den bürger-lichen Gesellschaften eine größere Festigkeit gegeben habe,ob sie gleich zur Zerstörung des menschlichen Geschlechtsund zum Untergang der Reiche erfunden zu sein schien.„Die Völker, führt Hume fort, sind durch diese Erfindungeinander mehr gleich gemacht, die Eroberungen sind lang-samer und seltener geworden, das Glück im Kriege istbeinahe in eine Sache verwandelt worden, die sich aus-rechnen läßt, und eine Nation, die sich von ihrem Feindeüberwältigt sieht, willigt entweder in seine Forderungenoder setzt sich durch Allianzen gegen seine Gewaltthätigkeitund Einfülle in Sicherheit."
Wie wir in der Einleitung unserer Abhandlungschon sagten, leitete die Erfindung des Schießpulvers eineneue Zeit ein. Pulver und Geschütze haben dem Bürger-und Bauernstande „eine Gasse für die Freiheit" ge-schossen; denn wie die Freibnrger Bürger, zum Schloßihres Herrn „hinaufschicssend", sich die Freiheit geholthaben, so haben die Kanonen alle Freiheiten und Privi-legien der waffenkundigen Ritterschaft, in deren Händendie Herrschaft auf dem Lande und das Regiment in derStadt lag, hinweggefegt, die Dienstbarkeit der Bauernund Bürger beseitigt und sie freigemacht. Bertholds Er-findung schuf das, was wir heute mit Stolz „das Volkin Waffen" nennen! Aber noch mehr. DaS Pulverund die Geschütze haben die außereuropäische Erde für dieCivilisation geöffnet, dem Dampfroß die Wege geebnetund so den Verkehr durch Berge und Felsen ermöglicht,und endlich ist die Kanone im Männerrathe der Völkerimmer noch die letzte und stärkste Stimme; sie ist dienltima, ratio der Könige und Völker; unter den Wissen-schaften nimmt die des Krieges nicht die letzte Stelle ein.Wenn auch die Erfindung des alten, schwarzen Pulversdurch das im Jahre 1889 erfundene moderne, rauchlose
Pulver etwas zurückgedrängt ist, so darf man denn dochnicht aus dem Auge lassen, daß dieses bloß eine neueLebensphase der Erfindung des schwarzen Bertholt) istund auf denselben Naturgesetzen beruht, mit denen dergeistreiche Mönch operirte. Der Ruhm des armen Franzis-kaners wird nicht erbleichen vor dem rauchlosen Pulver;denn selbst wenn dieses eine ganz neue Erfindung wäre,bliebe sie werthlos, wenn der schwarze Bertholt) nichtauch der Erfinder der Kanone wäre.
Dein hochbegabten Stadtpfarrer von St. Martin inFrciburg, Or. Hansjakob, aber gebührt das Verdienst,festgestellt zu haben, daß das Pulver in der Mitte des13., nicht 14. Jahrhunderts durch den Freibnrger Fran-ziskanerpater Bertholt), dessen Familienname KonstantinAnklitzen war, erfunden wurde. Da er ein tüchtigerChemiker war, so wurde er nach dem Sprachgebrauchsjener Zeit „Schwarzkünstler" genannt, und von dieserBezeichnung erhielt er den Namen Lortsiolckus nigar,d. i. der schwarze Berthold.
Recensionen und Notizen.
Schloß Hubcrtus. Von Ludw. Gangbofcr. Mit 1 Il-lustration von Hugo Engl. Stuttgart , Verlag vonSld. Bon; u. Co. 2 Bde.
-s. Der fruchtbare Schriftsteller bietet in diesem seinemneueste» Werke einen Familienroman, der seine cnlturbistvrische„MartinSklause" an litcrarischcr Bedeutung unseres ErachtenSbei weitem nicht erreicht. Indessen bewährt sich die reichePhantasie und die geschickte Mache, welche wir an L. Gang-boicr stets beivunderten, namentlich auch seine Kraft in plast-ischer Gestaltung der Charaktere und Handlungen, auch in seinemneuesten Werk. Die Hauptperson des Romans, »in welche sicheine große Gesellschaft bandclndcr Personen und eine Mengevon Episoden gruppirt, ist der alte Graf Egge, für den es aufErden nur etwas gibt, waS des Lebens werth ist — die Jagd.Seine Leidenschaft bicfnr, in der er Gattin und Kinder gröblichvernachlässigt, begründet seine Schuld, bringt aber auch dieSühne, indem er bei einem wahnsinnig verwegenen Versuch, einAblernest ansjnnchmen. erblindet und schließlich an einerWunde zu Grunde gebt. die ein Adler ihm geschlagen. An sichisr dieser Vorwnrs des Romans psychologisch gerade nickt sehrinteressant. Aber der Autor bat es verstanden, das Hanpt-ihema mit einer Fülle von fesselnden Nebenumständcn zu um-geben und mit den Schicksalen einer Anzahl von andern Per-sonen zu verweben, so daß die Spannung des Lesers bis zumSchlüsse lebendig erhalten wird. Da sind es zunächst dieKinder des Grafen: der blasirte, schließlich an seiner Spielwnthzu Grunde gehende Offizier Graf Robert; der liebenswürdige,aber über alles Maß leichtsinnige Graf Willy, der beim Kamircr-femterln vom Mutsturz betroffen wird und stirbt; der rcchtS-gclcbrtc Graf Tassilo, die Idealfigur des Romans, der natürlichant GebnrtSadel nicht viel hält und eine Opern-Diva hciralhet;dann die Tockter des Grafen, Kitty, die sich in einen jungenMaler verliebt, der zuiällig der illegitime Sohn ihrer Gcnver-naine und eines gepriesenen Malers ist, dessen Lebensweisheitmit dem irdischen Leben alles anS sein läßt; dann eine Anzahlvon braven und bösen Jägern und Mädels, thcilweise etwassentimcmal aufgeputzt — wie man sieht, eine bunte, gemischteGesellschaft. Bedeutende Joccn wird man in dem Roman ver-geblich suchen; aber die schon erwähnten Vorzüge lebendigerSchilderung und reicher Handlung und das Wehen gesunderBcrgluft — aus die Bcrgwclt versteht sich Ganghoser ja ganzeminent — machen den Roman zu einer spannenden Lectüre.
Das Wesen des Erfinders. Eine Erklärung der scköp'cr-ischen GeisicStbätigkeit an Beispielen planmäßiger Auf-stellung und Lösung erfinderischer Aufgaben. Von EmilCnpitaine, Eivilingenienr. Leipzig , Gnstap Fock.
U. Unter Auswand ansehnlicher wissenschaftlicher Miltckverfolgt der Verfasser den Zweck, dem in den meisten Fälleneingebildeten Erfindergcnie, das selbst in den gcringiügigstenPatcitten eine besondere Begabung wittert, den NunbuS zuncbmcn und das Erfinden nicht als ein angeborenes Talent,sondern als etwas Erlernbares nachzuweisen. Von der Voraus-setzung ausgehend, daß wirklich ursprünglich Neues dank der,