Ausgabe 
(31.1.1896) 5
 
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Ilwtlo xlrMaa) führt uns auf das Gebiet der Inter-pretation des hl. Thomas. Da behaupten dieNeu-molinisten" allerdings, der hl. Thomas lehre nicht diexrnarnotio wenigstens nicht die der

Thomisten. Wenn dieNeumolinisieu" beschuldigtwerden, daß sie nur die berühmten Namen der Kritikerin die Waagschale werfen, so machen es die Thomistennicht wesentlich besser. Soviel glaube ich als völlig Un-parteiischer (das bin ich im vollsten Sinne) sagen zumüssen. Daß nicht alle Jesuiten als Violinisten zu be-zeichnen sind, ist sicher; gegenwärtig aber huldigt sicher-lich die übergroße Mehrzahl derselben und ebenso dieübergroße Mehrzahl ihrer unmittelbaren oder mittelbarenSchüler dem Molinismus. Nun will ich hier einmal mitmeiner persönlichen Anschauung heraustreten und offenbekennen, daß die krasiuotio xlrxsieg. mir nicht alsPrincip gilt. Das entsprechende Princip ist für mich:Keine Potenz geht aus sich in den Akt über." Darausfolgt eine kraaraotio xlrzcsioa. Sie ist unabweisbar;es handelt sich nur darum, sie richtig zu erklären.

5. Nicht zu billigen sind alle jene Versuche, welchedarauf hinausgehen, zu beweisen, daß der hl. Thomasselbst Thomist gewesen sein muß, weil sie dem Fehlerdes Zuvielbeweisens verfallen. Der einfache, klare Nach-weis, daß eine Lehre mit der des hl. Thomas überein-stimmt, hat mehr Werth. Nach den Thomisten war derThomismus" schon vor dem hl. Thomas das officiclleLehrsystem des Dominikanerordens und seiner Schule.Aus dieser Schule ging Thomas als deren größtesLicht hervor, und nach ihm hieß sie dann die thomist-ische Schule." Als Dominikaner mußte also der hl.ThomasThomist" sein.Nach und vor Thomasaber liegt die autoritativ im Bereiche der Schule ent-scheidende Lehrgewalt nicht in den stummen Büchern,welche Thomas geschrieben, sondern im Beschlussedes Ordensgeneralkapitels, ähnlich etwa wie nicht in derstummen Bibel allein die Richtschnur des geoffenbartenGlaubens liegt, sondern in der Tradition, d. h. in derobersten Lehrgewalt der Kirche." Darnach sieht über denSchriften des hl. Thomas eine höhere Autori'.ät, die abernur für den Dominikanerorden gilt; wird allgemeineGeltung für sie beansprucht, dann folgt, daß wir diePrincipien des hl. Thomas nicht bei diesem selbst, son-dern im Lehrsystem des Dominikanerordens oder bei denThomisten zu suchen haben, konsequent ergibt sich, daßPapst Leo XIII . nicht auf die Principien des hl.Thomas, sondern auf die der Thomisten hättezurückweisen sollen. Die Autorität des Ordcus-generalkapitels der Dominikaner gilt aber für jedenaußerhalb des Ordens Stehenden nur insoweit, als siehinreichende Gründe für sich hat. Es hat jedermann dasRecht, von ihrer Entscheidung auf die Schriften des hl.Thomas zurückzugehen und seine Zustimmung oder Nicht-zustimmung von der aus diesen Schriften sich ergebendenBegründung abhängig zu machen. Der allerdings mitgroßer Vorsicht angezogene Vergleich ist in zweifacherHinsicht ein unglücklicher: Die Lehrgewalt der Kirche istauch in der Auslegung der hl. Schrift unfehlbar,das Generalkapitel der Dominikaner ist eS nicht hinsicht-lich der Schriften des hl. Thomas und auch nicht be-züglich der Reinhaltung der entsprechenden Tradition; diehl. Schrift enthält nicht die ganze Offenbarung: sollenetwa gar auch die Schriften des hl. Thomas nicht denganzen Thomismus enthalten und etwas unter Umständenals thomistisch hinzunehmen sein, was sich gar nicht im

hl. Thomas findet? Oder sollen die Thomisten alleinzu einer Weiterentwicklung der Lehre des Heiligen be-rechtigt und befähigt sein? Als Muster eines Ordens-mannes hat sich der hl. Thomas gewiß nicht von einereidlich ihm seitens des Ordens auferlegten Verpflichtungentfernt. Aber das schließt nicht aus, daß er in seinenSchriften Gesichtspunkte eröffnet, die einer Weiterbildungnicht nur werth sind, sondern sie geradezu fordern; erwäre sonst nicht der universale Geist gewesen, der erwirklich war.

6. Zu meiner Aufforderung, eine Versöhnung an-zustreben, bemerkt k. Josephus, daßwohl schwerlichjemand im Ernste daran denken wird, beide Ansichten zuversöhnen". Soll das heißen: So wie sie liegen, sollensie versöhnt werden, und wird mir allein etwa eine solcheAnsicht zugeschrieben, so muß ich ernstltchst protestircn.Das erste Erforderniß ist doch, sich eine Sache, über dieman schreiben will, genau anzusehen. Ich habe aus-drücklich von einemAusgleich der verschiedenen Mein-ungen über diese hinaus" gesprochen. Ueber dieMöglichkeit eines solchen f. oben Nr. 2. Höchst un-glücklich ist der weitere Satz:Eine von beiden (An-sichten) ist wahr, die andere falsch." Beide An-sichten stehen sich nicht wie contradiktorische, son-dern wie konträre Urtheile gegenüber. Also könnennicht beide wahr, wohl aber beide falsch sein. Esist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß beide Wahresund Falsches enthalten. Beide Ansichten werden in derkatholischen Wissenschaft vertreten. Ist eine nothwendigfalsch (und welche das ist, deuten die Thomisten nichtunklar an), dann wird sozusagen unter den Augen derKirche Falsches gelehrt, und zwar in ziemlich weitem Um-fange. Eine Entscheidung ist bis jetzt nicht getroffen;zur Zeit ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß die-selbe einmal auch gegen die Thomisten ausfalle, undwenn ihre Lehre mit der des hl. Thomas identisch seinmuß, auch gegen diesen. Die letztere Möglichkeit per-horrescire ich durchaus und möchte nicht entfernt eineBehauptung aufstellen, die auf sie anklingt. DieFrage über den Störenfried gehört meiner An-schauung nach ganz anderswohin als in wissenschaftlicheErörterungen.

7. Gegen dieNsumolinisten" wird Nom gegen-über ex 8ileirtio argumentirt. Daß ihre Lehre eineEntwicklung und Vervollkommnung, ein Fortschritt derLehre des hl. Thomas fei, davon finde sich nirgendseinSterbenswörtlein" in den betreffenden Erlassen des hl.Vaters. Es findet sich aber auch nicht ein Sterbens-wörtlein vom Gegentheil. Zudem war gerade auf dieserSeite der Eifer im Herausgeben von Schriften im Geiste,nach den Principien des hl. Thomas (acl meutern, 86-cuuclnm xrinoipia ciivi llromae) ein so reger, daßeine Ermunterung, eine Steigerung dieses Eifers dasüberflüssigste von der Welt gewesen wäre. Die be-treffende Lehre wird weiterhin unmittelbar unter denAugen des hl. Vaters vorgetragen. Argumente axeileutio haben keinen Werth nach einem bekanntenSprichworts. Mit demZurück zu den Principien deshl. Thomas!" ist unmittelbar weder die Verurtheilungaller anderen Principien, noch viel weniger die jenerPrincipien gegeben, die von denen der Thomisten ab-weichen und trotzdem auf den hl. Thomas zurückgeführtwerden. Es sei hier constatirt, baß erst in neuesterZeit wissenschaftliche Bestrebungen von Seiten RomsAnerkennung erfuhren, die nicht auf den Principien des