Ausgabe 
(7.2.1896) 6
 
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krampfhaft gefesselten und verzerrten Glieder war hierbeabsichtigt und erreicht. Für die Kruzifixbilder giltwohl in erster Linie das oft wiederholte Urtheil überPermoser , daß er gerne fein anatomisches Wissen zurSchau getragen habe?«)

Unser patriotisches Interesse an dem Künstler Bal-thasar Permoser wird erhöht durch das freundliche Licht,in dem er uns als Mensch und Christ erscheint. Erwar ein frommer, freundlicher, fröhlicher Mann, eine ge-rade, ehrliche Natur, ein wohlwollender Charakter, dergerne half, wo er konnte: ein würdiger Repräsentant desAlibayernthums. Seinem geordneten Leben verdankte erein hohes und kräftiges Alter mit ungeschmälerter Rüstig-keit bis ans Ende. Machte er doch als Greis noch große,damals so beschwerliche Reisen, so als 67jähriger nachSalzburg in dem obenerwähnten Auftrage seines Herrn;ja mit 74 Jahren noch unternahm er eine Fußretse nachRom, auf der er zum letzten Mal in fein geliebtes Salz-burg und gewiß auch in sein Heimathdörfchen kam.Permoser war unvermählt geblieben?«) und dieser Standerlaubte ihm die ungestörte Pflege unschuldiger, kleinerEigenthümlichkeiten, die ihn seinerzeit als Sonderling er-scheinen liehen und die seine Biographen gewissenhaftüberliefert haben. So habe er bei Niemand speisenmögen, habe nie einen Stock getragen und habe sich imGegensatz zur herrschenden Mode, derbedrängten Zeiten"wegen, wie er vorgab, einen ansehnlichen Bart wachsenlassen, gleich seinem Zeitgenossen und Mitbürger, demMiniaturmaler Gabriel Donath in Dresden . (LangeBärte trugen damals nur die Juden, weßhalb demDonath oftMauschel" nachgerufen und faules Obst,einmal sogar ein Ziegelstein nachgeworfen wurde.) ZurVertheidigung der Bärte, an denen alsoder Spott sehrstark zupfte", soll Permoser einTraktätchen" geschriebenoder veranlaßt haben, daS den stolzen Titel führt:

Der ohne Ursach verworffeue unddahero von Rechtswegen aufs den Thronder Ehren wiederum erhobene Barth.

Beh jetzigen ohnbärtigen Zeiten sonderalle Furcht zu männigliches Wohl undVergnügen ausgefertigtvor und vonLaltiin8ar I^srnrosornKönigl. Pohl. und Churfürst!. Süchß.

bestallen Hosf-Bildhauern.

Ans Kosten guter Freunde zum Druckgebracht durch

U. Larloabirun Lolrönlonrb."

Frankfurt a. M.

__1714.6b)

Seine Stärke war Anatomie und leideuschaftl. Aus-druck." Magazin der Sachs. Gcich. I, 150.

°^) Ein eigenes Hans mit Grund und Boden kann er nichtleicht gehabt haben, da im damaligen Dresden allen Nicht-proiestanten die Erwerbung von Grundbesitz versagt war. Ueberdie schwierigen consessioncllen Verbältnisse in DreSden zu Per-moierS Zeit vcrgl. Lindau M. B., Geschickte der Haupt- undNcsioenzstadt DreSden. Dresden , Nnd. Kuntze, 1862. II. Bd.S. 269. 273, 282.

Er hieß gemcinigl. nur Balthasar mit dem Barte.Weil der wundert. Mann ans Singularität einen Viertel langenBart trug." Magazin d. Sackn Gcsch. I. Theil, S. 150. Das-selbe Magazin II. Theil, S. 656 spricht von einem FreundePcrmoserS, dem Btaler Balthasar, der nach des FreundesTode ihm zu Liebe einen ebenso langen Bart getragen habe.Verwechselung mit Donath?

°°) Herr Dr. Heuer in Frankfurt forschte auf meine Bitte«ach dem Büchlein, aber ohne Ersolg.

K. Heinrich von Heknecken behauptet?«) dieetwaSsatirische" Schrift sei von Hofrath und CeremonienmeisterUlrich von König dem Künstler zu Gefallen und Ehrengeschrieben worden. Wichtig an dem Büchlein ist, daßdem Titelblatt das Btldniß des Künstlers, ein Stich vonMoriz Bodenehr, beigegeben wurde.

Als weitere Sonderbarkeit wurde dem Meister dieThatsache angerechnet, daß er bei gesunden Tagen seinenLeichenstein gemeißelt habe?^) Da aber Permoser auffeinem Grabe das sinnige Bild der Kreuzabnahme auf-richten und seine christliche Hoffnung mit eigener Handbezeugen wollte, konnte er wohl nicht warten, bis dieletzte Krankheit seinen Arm gelähmt hätte. Wunderlichallerdings und unheimlich erschien manchem des KünstlersEinfall, sich bei Lebzeiten seinen Sarg machen zu lassen,den er dann mit einem in Holz geschnittenen Todten-kopf versah.

Wie jeder Künstler, war auch Balthasar Permoser stolz auf die Erzeugnisse seiner Kunst. Wir erinnernan seine an einem Künstler sehr löbliche Gewohnheit,seine Werke deutlich und ausführlich zu bezeichnen. Vondem verlangten Preise ließ er sich nichts abhandeln undabfeilschen?«) Wurde der bedungene Preis nicht bezahlt,so behielt er das Werk zurück oder zerstörte es gar. Sozerschlug er wenn die Erzählung richtig ist imgekränkten Ehrgefühl ein in Elfenbein geschnitztes Bild-niß einer hohen Dame, weil deren Gemahl die ausbe-dungene Summe nicht voll bezahlen wollte. Hagedornerzählt, daß auch die geringste an seinen Werken geübteKritik ihn derartwild machen" und erzürnen konnte,daß er oft, ohne auf irgend welche Vorstellungen zuhören, seine Schöpfungen zertrümmerte; ein Grund mehr,fügt Hagedorn bei, warum man so wenig von seinenWerken steht. Einen anderen Beleg seines Selbstgefühlsund zugleich des ihm anhaftenden Eigensinns bietetein interessanter Ausspruch Balthasars. Permoser war einaufrichtiger Bewunderer des Schwedenkönigs Karl XII. ,des Wittelsbachers, jenes wagemuthigen Drauflosgehers,der mit 18 Jahren schon Sieger über Dänemark undRußland war, der August den Starken aus Polen ver-trieb, der dann, im Unglück so groß wie im Glück, gleicheinem Meteor, noch im Schimmer der Jugend unterging(1718). Permoser sprach gern von den Thaten diesesHelden. Einmal meinte nun ein Gegner des Schweden-königs, Permoser möchte doch das Standbild seines Heldenmeißeln. Balthasar antwortete:Oh, ja, recht gern,wenn er nur nicht so eigensinnig wäre und mir stände!"AIs nun jener entgcgnete, daßbeide mit einander auf-heben könnten" (d. h. daß beide den gleichen Starrsinnhätten), versetzte Balthasar:Allerdings, denn er ist König,und ich bin Künstler." Die Zeit dieses Ausspruches mag indie Jahre 17067 zu fetzen sein, als Karl den Kur-fürsten von Sachsen und König von Polen, August II ..zum Frieden von Altranstädt gezwungen hatte.

(Schluß folgt.)

°°) Nachrichten v. Künstlern n. Kunst-Sachen. I, 70. Hierund im Magazin der Sachs. Gcich. I, 150 ist ein Kupferstichvou Bernigerolb, Periuviers Bilvniß 1732, erwähnt.

") Vcrgl. Ersck u. Gruber l. v. und den hieraus geschöpftenAussatz in der Wissenschaftlichen Beilage der Leipziger Zeitung,1831. Nr. 75. S. 417.

6°) I» Bezug auf die Eugengruppe sagt Hagedorn, nachdemer Permosers Widerwillen gegen das Abhandeln erwähnt hat:»On assürs quäl auroft repris eette Heils Ltatue, eil eaeür ste ls lllaitro.« blelaireissemonts Hist. x. 331.