21. Febr. 1896.
Der dritte Band von Pastors Geschichteder Päpste.
k. —n. Seit dem Jahre 1884, wo der ersteBand von Pastors Geschichte der Päpste erschien, hat sichdieses Werk die steigende Anerkennung der gelehrtenWelt und, wie die zweite Auflage des ersten und zweitenBandes beweist, auch die Theilnahme eines größeren Leser-kreises erworben. Der jetzt vorliegende dritte Band*)wird dieselbe sicherlich noch steigern. Er ist, wie diefrüheren, das Ergebniß eines staunenswerthen Fleißes,einer Gelehrsamkeit, die das gedruckte wie das »»gedruckteMaterial gleich vortrefflich beherrscht, und für die es kaumetwas Unbekanntes zu geben scheint. Man sollte glauben,daß über eine Periode, für welche eine Reihe bekannterForscher wie Ranke, Gregorovius , Reumont, Brosch,Maulde - la - ClaviSre, Unarte, Thuasne, Delaborde,Luzio-Nenier u. v. a. die italienischen und auswärtigenArchive so vielfach durchforscht haben, kaum mehr Neueszu finden wäre: Pastor hat nicht nur aus dem von ihmzum ersten Mal benützten päpstlichen Geheimarchiv, son-dern fast noch mehr aus den längst zugänglichen Archivenzu Mantua, Moden« und Mailand eine Fülle unge-druckter Dokumente von allerdings unterschiedlichem Werthezusammengebracht. Ein Theil derselben ist dem Bandeals Anhang beigegeben, ein andrer Theil einer beson-deren Sammlung vorbehalten, deren baldiges Erscheinensehr zu wünschen wäre.
Der vorliegende Band umfaßt die Jahre 1484 bis1513, die Pontifikate Jnnozenz' VIII., Alexanders VI. ,Pius' III. und Julius ' II. Es ist in vieler Hinsichtkeine erfreuliche Zeit für den Geschichtschreiber des Papst-thums. Ueber seine Stellung zu Alexander VI. läßtPastor schon in der Vorrede keinen Zweifel: „jederRettungsversuch Alexanders VI. erscheint fortan als aus-sichtslos", seiner Gesinnung gibt das als Motto voran-gestellte Urtheil Leo's I. Ausdruck: „kstri äiguitas atiaurin inäiZllo Ueracis von äesioit„die Würde des heiligenPetrus geht auch in dem unwürdigen Nachfolger nichtverloren," was Pastor in dem Buche selbst dann näherausführt.
Wie in den früheren Bänden, baut Pastor auch hierseine Darstellung auf breiter kulturhistorischer Grundlageauf. Ein umfangreiches Einleitungskapitel führt die imersten und zweiten Bande begonnene Scheidung zwischenwahrer und falscher, zwischen christlicher und heidnischerRenaissance für die letzten Jahrzehnte des 15. Jahr-hunderts durch und fügt werthvolle Bemerkungen darüberhinzu, wie auch in dieser scheinbar so stark verweltlichtenGesellschaft ein fester Untergrund von Religiosität sichzeigt. Pastor malt nicht in großen Strichen, er liebt eswehr, aus tausend kleinen Steinen ein Mosaik zusammen-zusetzen, das der Leser gleichsam vor sich entstehen sieht.Das Material ist ja fast überreich. Wir sehen in dasHaus des einfachen Bürgers wie in den Palast derMedici, in Kirchen und Klöster, wissenschaftliche Zirkelund lüderliche Theateraufführungen. Die gewaltigenGegensätze der Zeit verkörpern sich schließlich in zwei
Geschichte der Päpste seit dem Ausgang des Mittel-alters. Mit Benutzung des päpstlichen Geheimarchivs undvieler anderer Archive bearbeitet von Dr. Ludwig Pastor.
з. Bd. Geschichte der Päpste im Zeitalter der Renaissance vonder Wahl Jnnozenz' VIII. bis zum Tode Julius' II . Erste
Mitgliedern desselben Gemeinwesens: dem PolitikerNiccolo Macchiavelli und dem Bubprediger GirolamoSavonarola , von denen ein jeder auf seine Art seinenNamen der spätesten Nachwelt merkwürdig gemacht hat.
Jnnocenz VIII. (1484—1432) war ein Gennese.Seine Wahl verdankte er dem Umstände, daß wederRodrigo Borja noch Giuliano della Novere damals genugStimmen erhalten konnten, um selbst Papst zu werden.Der Mangel an Entschlossenheit, der Jnnozenz anhaftete,verhinderte ihn, sich, etwa wie später Julius II. , zumHerrn der Parteien zu machen. Colonna und Orsintsetzten fast während seines ganzen Pontifikats den Kirchen-staat in Aufregung. Dazu kamen beständige auswärtigeVerwickelungen, vor allem mit dem gewissenlosen Ferrantevon Neapel . Für das Papstthum war es, zumal seitsich im Norden die kräftigen Dynastien der Sfoxza undMedici gebildet hatten, und seit Venedig immer eifrigerdanach strebte, seinen Besitz auf der torra, tirma. zu er-weitern, eine Lebensfrage, seinen Einfluß auf den süd-lichen Theil der Halbinsel aufrecht zu erhalten. An denniemals ganz vergessenen und eben von dem Franzosen-könig Karl VIII . mit neuer Kraft aufgenommenen An-sprüchen der Anjous auf das Neapolitanische Königreichhätte eine geschickte Diplomatie ein starkes Pressions-mittel gegen die aragouesische Dynastie gehabt. AberJnnozenz verstand nicht, das zu benutzen; zwischen Freund-schaft und Krieg mit Ferrante hin- und herschwankend,fand er, der 1489 Ferrante abgesetzt hatte, es am Endeseiner Regierung doch gerathen, die aragonesische Thron-folge in Neapel zu bestätigen und die Ansprüche Frank-reichs abzuweisen. — Begreiflicher Weise hinderten solcheVerwicklungen auch die Bestrebungen des Papstes zurBekämpfung der Türken. Es war zwar ein gewisserErfolg, daß er den zu den Nhodiserrittern geflüchtetenPrinzen Dschem, einen Bruder des Sultans, in seineGewalt bekam, aber der Türkcncongreß zu Rom vomJahre 1490 erinnerte nur allzu lebhaft an die erfolg-losen Verhandlungen zu Mantua von 1459, und selbsteine Feuernatur wie Raimund Peraudi begegnete inDeutschland vor allem bei seinen Geldforderungen dementschiedensten Widerstände. Fiel auch 1492 das letzteBollwerk der Muhamedaner in Spanien, Granada , indie Hände der Christen, so war es doch klar, daß derSultan dauernd in den Kreis der europäischen Mächteeingetreten war. Die Zeit war nicht mehr fern, woselbst die Päpste dies durch Verhandlungen mit ihm an-erkennen mußten.
Von den kirchlichen Maßnahmen Jnnozenz' VIII.ist eine der bekanntesten seine Hexenbulle vom 5. De-zember 1484. Pastor weist nach, daß die auf Gnmdderselben gegen den Papst gerichteten Angriffe sehr über-trieben sind, daß insbesondere von einer Begründungdes ganzen Hexenprozesfes durch dieselbe keine Rede seinkönne. Hat die Bulle, wie auch Pastor bemerkt, dieHexenverfolgnng theilweise befördert, so lag doch derwesentlichste Antrieb zu derselben in dem Zuge der Zeitzur Grausamkeit und Wildheit, der im 16. Jahrhundertso oft entsetzenerregend hervorbricht.
Gegen die kirchlichen Mißstände geschah unterJnnozenz VIII. leider nichts Durchgreifendes. Derpäpstliche Hof selbst bot einen schlimmen Anblick, dieKäuflichkeit der Aemter nahm zu, das Cardinalcollegiumverweltlichte mehr und mehr, und eine Hauptrolle in