Ausgabe 
(28.2.1896) 9
 
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Ar. 9.

28. Mr. 1896.

Der dritte Band von Pastors Geschichte der Päpste.

(Schluß.)

Für die Bekämpfung der Türken behielt Alexanderso wenig Kraft und Mittel übrig; immerhin hat auch ereS nicht an Aufwendungen fehlen lassen, unter seinemPontifikat ward von der vereinigten päpstlich-venetianischenKreuzzugsflotte St. Maura, das alte Leukadia, erobert(1501), aber schon zwei Jahre darauf schloß Venedigfast ohne Gewinn Frieden, dem sich auch die andernMächte wohl oder übel fügen mußten.

Es läßt sich denken, daß auch die kirchliche Neformdurch Alexander wenig gefördert wurde. Einmal schiener sich aufraffen zu wollen, als 1497 sein Lieblingssohn,der Herzog von Gandia, auf geheimnißvolle Weise, wahr-scheinlich auf Anstiften der Orsini, ermordet wurde. DerPapst war aufs tiefste getroffen, er erkannte die StrafeGottes.Es ist unzweifelhaft, daß er sich in jenentrüben Sommertagen des JahreS 1497 ernstlich mit um-fassenden Neformgedanken getragen hat." Zeugniß davongibt der Entwurf einer großen Bulle, den Pastor zuerstin brauchbarer Weise aus dem vatikanischen Geheimarchivveröffentlicht hat. Auf all die schlimmsten Schäden desdamaligen Kirchenwesens ist hier die Hand gelegt, dieReformation sollte wirklich, wie es die Deutschen so oftgefordert hatten,beim Haupte beginnen," aber sieblieb Entwurf.Die Reformsache ward zunächst hinaus-geschoben, dann vergessen." Abertrotz aller Mißständeging die Kirchenregierung im wesentlichen ungestört ihrenGang, was sich freilich zum Theil nur durch die wunder-bare Organisation der katholischen Kirche erklärt." Be-gannen ja unter Alexander VI. auch die folgenreichenMisstonen in der neuen Welt, und er ist es gewesen,der 1493 kraft päpstlicher Autorität die Grenzlinie zwischenden Rechtsansprüchen der Spanier und Portugiesen zog,eine That, aus der ihm nur Unverstand einen Vorwurfmachen kann.

Es ist ein tragisches Verhängniß, daß sich die päpst-liche Autorität in Alexander VI. in einem Streite ver-körperte, wo mehr als alles sittliche Reinheit hätte wirkenkönnen, in dem Streite mit Savonarola , und ein merk-würdiger Zufall war es auch, daß der Papst die Bulle,welche den Widerspenstigen excommunicirte, der so lautgegen das moderne Babylon gedonnert hatte, kaum einenMonat vor der Ermordung des Herzogs von Gandiaerließ, die ihn zu ernster Einkehr in sich selbst veran-lassen sollte. Aber auch die Bewunderer des kühnenMönchs müssen zugeben, daß Savonarola sich selbst seinGrab gegraben hat. Alexander hatte lange Zeit aller-dings mehr mit der kühlen Ruhe eines Weltmannes alsmit christlicher Geduld die Schmähungen Savonarolas gegen ihn selbst ertragen, aberein Prophetenthum überder Hierarchie, wie es Savonarola in Anspruch nahm,durfte auch ein Alexander VI. nicht anerkennen", und dasVerhalten Savonarolas nach der Excommunication undseine Theorie vom bedingten Gehorsam zeigten, daß ersich nicht mehr in die katholische Kirchenverfassung fügte.Gestürzt hat ihn dann schließlich dieselbe Macht, die ihnempor getragen hatte, das von ihm selbst fanatisirteFlorentiner Volk.Dem katholischen Dogma als solchemist Savonarola in der Theorie stets treu geblieben; gleich-wohl hat er mit seiner Leugnung der Strafgewalt desHeiligen Stuhles und seinen Concilsplünen, die im Fall

des Gelingens zum Schisma führen mußten, praktischunkirchliche Tendenzen vertreten. Zur Entschuldigung ge-reicht ihm gewiß, daß in Florenz wie in Rom , ja inganz Italien vielfach sehr traurige sittliche Zuständeherrschten, daß die Verwestlichung des Papstthums inAlexander VI. ihren Höhepunkt erreicht hatte. Allein inseinem glühenden Eifer für eine sittliche Erneuerung ließsich Savonarola nicht bloß zu den maßlosesten Angriffengegen hoch und nieder fortreißen, sondern er vergaß auchvollständig die Lehre der Kirche, daß das sündhafte, laster-hafte Leben der Obern, auch des Papstes, seine Jurisdiktionnicht zu erschüttern vermag. Er glaubte gewiß aufrichtig undehrlich, ein gottgesandter Prophet zu sein, lieferte aberauch bald den Beweis, daß der Geist, der ihn trieb, nichtmehr von oben war; denn die Probe göttlicher Missionist vor allem der demüthige Gehorsam gegen die vor.Gott gesetzte höchste Autorität. Dieser fehlte Savonarola vollständig."

Alexander VI. starb am 18. August 1503, sicherlichnicht durch Gift, wie man freilich sogleich geargwöhnt undlange geglaubt hat, sondern an der Malaria. In derThat wurde es mit seinem Tode besser in der Kirche.Die Hoffnungen freilich, die man auf Cardinal Piccolominigesetzt hatte, der sich nach seinem Oheim Pins III. nannte,zerstörte nach kaum einem Monat der Tod. aber schondiese kurze Zeit hatte genügt, Cesare Borjas Tyranniszu brechen, und daß sie so wenig wiederkehre, wie dieZeiten Alexanders VI. überhaupt, dafür sorgte Giulianodella Novere, der jetzt als Julius II. den päpstlichenThron bestieg.

Allerdings war auch Julius II. nicht ein Papst, wie ihnsich etwa Savonarola gedacht hätte. Er hatte wenig voneinem Leo I. , der die Hunnen durch Bitten aus demLande zu bringen suchte, weit mehr war er nach denJnnozenzen der Stauferzeit und nach den streitbarendeutschen Kirchenfürsten des Mittelalters geartet, denenein Panzer kein ungewohntes Kleidungsstück war.Das Beiwort, das er Michel-Angelo gab,tsrristils",wendet Pastor auf ihn selbst an. Ein in jeder Hinsichtungewöhnlicher Mann, einKraftmensch der italienischenRenaissance-Epoche" ist dieser Papst, der fast als Greisden Thron bestieg, in den 10 Jahren seiner Herrschaft,wenn nicht der Nestaurator der Kirche, so doch derWiederherstelle! des Kirchenstaates geworden.

Denn das trat als wesentlichster Unterschied gegendie Weise Alexanders VI. gleich am Anfang der Re-gierung des neuen Papstes hervor, daß der Nepotismuskeine Stelle mehr an der Kurie fand. Cesare Borja ver-ließ nach gütlichem Uebereinkommen Rom , um bald daraufin Spanien einen ehrlichen Soldatentod zu sterben. WaSer für sich erobert hatte, kam den Plänen Julius' II. zugute, es war hohe Zeit, hier in der Nomagna dem Um-sichgreifen der landgierigen Venetianer einen Damm ent-gegen zu setzen. In Venedig sah man mit Staunen undUnglauben den Drohungen des Papstes zu, und in derThat dauerte es noch einige Zeit, bis Julius denselbenNachdruck geben konnte. Aber noch größere Verwunderungergriff die Zeitgenossen, als nun Julius im Jahre 1506selbst an der Spitze eines Heeres auszog, um die ab-trünnigen Städte Perugia und Bologna der päpstlichenHerrschaft wieder zu unterwerfen, und als dieser Zug,wenigstens für den Augenblick, einen glänzenden Er-folg hatte.