Ausgabe 
(28.2.1896) 9
 
Einzelbild herunterladen

66

Allerdings nur für einen Augenblick, denn Italien war damals mehr als je das Schachbrett der europäischenPolitik, und Papst und Kirchenstaat schienen nur einStein in ihrem Spiele. Die Franzosen , zwar von denSpaniern aus Neapel herausgeworfen und Verbündetedes Papstes auf seinem Zuge gegen Bologna, vereinigtensich doch wieder mit jenen in Gcgenstellung gegen Julius II .Von Deutschland drohte der Nömerzug Maximilians, derdem Papste durchaus nicht erwünscht war. Maximiliannun freilich begnügte sich mit dem Titel eines erwähltenrömischen Kaisers, und der Uebermuth der Venetianerführte selbst den Umschwung der politischen Lage zuGunsten des Papstes herbei. Die Verbündeten vonCambrai ergriffen gegen Venedig die Waffen und derPapst als Genosse des Bundes bannte die Republik , die sovielfach in seine geistlichen und weltlichen Rechte einge-griffen hatte. Aber als nun nach der Niederlage Venedigsbei Agnadello (1509) Ludwig XII . und Maximilianan eine völlige Vernichtung der Republik dachten, daänderte sich der Sinn des PirpsteZ. Er schloß Frieden,und von jetzt an wird das Streben Julius' II , von demgroßen Gedanken beherrscht, dieFremden" aus Italien zu vertreiben.

Aber die Verfolgung dieses Planes sollte dem Papstnoch schwere Sorgen bringen. Aufs Neue sah man ihn1510 zu Felde ziehen, diesmal gegen die Franzosen ,mit denen es zum völligen Bruche gekommen war. Nachvorübergehenden Erfolgen ging Bologna verloren, krankund machtlos, aber ungebeugten Muthes, kehrte der Papstim Juni 1511 nach Rom zurück. Seine Lage schien umso gefährlicher, als es den Franzosen gelungen war, diealte Drohung einer jeden Opposition, die Concilsforderungzu verwirklichen. Ein Schisma im Cardinalscollegiumentstand, die abtrünnigen Cardinäle beriefen eine Synodenach Pisa.

Obgleich mehrfach schwer erkrankt, wußte der Papstdoch all diesen Feinden zu begegnen. Gegen Frankreich gaben ihm in derheiligen Liga" Spanien , Venedig undEngland den nöthigen Rückhalt, und gegen die abge-fallenen Cardinäle hatte er schon zuvor den entscheiden-den Schritt gethan, indem er selbst am 18. Juli 1511ein allgemeines Concil nach Rom berief. Am 19. April1512 sollte es im Lateran zusammentreten.

Die Pisaner Synode kam nun freilich zu Stande,aber wie sehr hatten sich die Zeiten seit Konstanz undBasel verändert. Die Synode fand in Italien selbstgar wenig ehrliche Anhänger, noch weniger war Deutsch-land zu gewinnen. In diesen Augenblick fällt der phan-tastische Plan Kaiser Maximilians, für sich selbst diepäpstliche Tiara zu erstreben Pastor stellt sich gewißmit Recht auf die Seite der Forscher, die in dem Projektedoch mehr als einenScherz" oderdiplomatische Schein-manöver" sehen. Von den Gegnern des Papstes warMaximilian freilich der ungefährlichste. Aber auch derStern der Franzosen neigte sich. Unmittelbar nach demSiege, den sie am Ostersonntag 1512 bei Navenna überdie päpstlich-venetianische Armee davongetragen hatten undder sie zu Herren der Lage zu machen schien, erfolgte dervöllige Sturz ihrer Herrschaft in Italien , vor allem durchdie Schweizer ,die Beschützer der Freiheit der Kirche,"wie der dankbare Papst sie nannte.

Der Lebensabend des Papstes ist umstrahlt vonglänzenden Erfolgen. Ein Congreß zu Mautua ordnetedie italienischen Verhältnisse sehr zu Gunsten des päpst-lichen Stuhles, auch der Kaiser trat zu ihm, und vor

dem Lateranconcil verging die Pisaner Synode. DerPapst konnte daran denken, gegen die pragmatischeSanktion der Franzosen , das wichtigste Ueberbleibsel derBasier Concilszeit, Stellung zu nehmen, vielleicht wäreer auch noch an die innere Reform der Kirche gegangen,deren Nothwendigkeit er sich nicht verhehlte. Am 21.Februar 1513 ereilte ihn der Tod. Er verließ dieKirche am Vorabend schwerer Stürme und er hat vieldazu beigetragen, daß sie dieselben überstand.

Wenn es auch zu viel behauptet ist, daß daSPapstthum ohne den weltlichen Besitz in diesen Stürmenuntergegangen sein würde, so ist doch sicher, daß das-selbe ohne die feste Grundlage, welche die Neugrnndungdes Kirchenstaats geschaffen, in ganz unabsehbare Be-drängnisse gerathen sein würde: vielleicht hätte es nocheinmal in die Katakomben hinabsteigen müssen. Vordiesem Aeutzersten sind Welt und Kirche bewahrt wordendurch den Heldenmuth und die Energie Julius' II. , fürwelchen Michel-Angelo kein besseres Symbol zu findenwußte, als den kolossalen Moses."

An den Stufen des päpstlichen Thrones steht seitNicolans V. die Renaissancekunst. In dem Zeitalter derhier behandelten Päpste tritt sie in ihre glänzendste Periodeein. Es ist eine lange und glänzende Reihe von Kunst-werken, der Plastik und Architektur, die Pastor in seinerEinleitung auf sieben Seiten zusammenstellt. Sie um-faßt die Jahre 14011518, und alle diese Werke sindim Dienste der Kirche entstanden. Jnnozenz VIII.war zu sehr durch Finanznoth und Kriegsläufte bedrängt,als daß er eine geregelte Kunstpflege hätte üben können.Dennoch sind an seinem Hofe zwei bedeutende Künstlerbeschäftigt, Pinturicchio und Mantegna. Pinturicchio war es dann auch, der unter Alexander VI. dessen Wohn-gemächer mit Fresken zierte, es ist das sogenannteAppartamento Borja, das, durch die Munifizenz desjetzigen Papstes erneuert und dem Besuche geöffnet, eineneue Sehenswürdigkeit des Vatikans bildet. Aber auchdies verschwindet vor dem Mäcenat Julius' II. mit seinendrei Künstlernamen Bramante, Michel-Angelo und Naffael.Den Künstlern wohlbekannt sind die genialen EntwürfeBramante's zu einem neuen Pctcrsdom. Am 18. April1506 wurde der Grundstein dazu gelegt, und noch heutedarf man bedauern, daß eine spätere Zeit diese Pläneumgestaltet hat. Weltberühmt ist Bramantes Ausge-staltung des Belvedere, in dessen Statuenhof dann derApollo und die 1506 neugefundene Laokoongruppe Auf-stellung fanden, weltberühmt Michel-Angelo's Decken-fresken in der Sixtina, sein Entwurf für ein GrabmalJulius' II. , als dessen Nest der berühmte Moses erhaltenist, weltbekannt die Ausmalung der Vatikanischen Stanzendurch Naffael. Ueber all diese Dinge gibt Pastor genaue,zum Theil durch neue archivalische Daten gestützte Nach-weise. Auf seine neue Erklärung derDisputa " seihier ganz besonders hingewiesen. Auch wer das päpst-liche Rom nur mit den Augen des Kunstfreundes be-trachtet, wird so in diesem Bande seine Rechnung finden.

Der nächste Band des Werkes wird uns in dieZeiten Lco's X. und der deutschen Kirchenreformationführen. Wir dürfen erwarten, daß Pastor hier mitgleicher Gründlichkeit auch die deutschen Zustände erörternwird, welche zur Kirchentrennung führten, und die in demvorliegenden Bande naturgemäß nur geringe Berück-sichtigung fanden. Möge ihm Kraft und Frische zurWritcrsührung seines Werkes nicht fehlen.

?. ffu.