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Christoph von Stadion, Bischof von Augsburg ,und seine Stellung znr Reformation.
(Fortsetzung.)
H.. R. Christoph von Stadion war, wie wir schonoben gesehen, ein großer Verehrer der Humanisten. Seitdem Jahre 1528 nun war er mit dem bedeutendstenseiner Zeit, mit Erasmus von Rotterdam, in Verbindunggetreten.^) Diesen bewunderte er sehr ob seiner be-deutenden humanistischen Kenntnisse und machte ihm auchreiche Geschenke. So übersandte er ihm im Jahre 1533zwei Saumrosse, von welchen er sich eines auswählensollte.^) Ja, er verehrte ihn so, daß er eine sieben-tägige, nicht gefahrlose Reise nach Freiburg i. Br. unter-nahm, um den Mann zu besuchen und ihn kennen Zulernen, und auch diesmal beschenkte er ihn reichlich/*)Des Erasmus Bild soll man in allen Gemächern derbischöflichen Residenz zu Dillingen gesehen habend) Untersolchen Umständen wurden denn auch des Erasmus An-sichten über Religion und Reformation die Stadions under ließ sich in seinem Thun sehr von ihm beeinflussen. Eras-muS aber war wohl ein guter Kenner der antiken Wissen-schaften, aber nichts weniger als ein guter, überzeugungs-fester Katholik. Er hatte vielmehr sich schon bald nachdem ersten Auftreten Luthers beifällig über ihn ausge-sprochen und schon im Jahre 1518 Luthers Ansichtenin Wort und That vertheidigt, er stand mit Luther undmit Mclanchthon in freundschaftlichem Briefwechsel. Undals er sich um die Jahre 1523—1524 wieder von Luther und seinen Lehren zurückzog, that er dies nur, weil ereinsah, welche Elemente durch die neue Lehre angezogen undwelche Wirren durch dieselbe veranlaßt wurden, es warihm um seinen guten Ruf und auch um die Gunst desKaisers und anderer hochgestellter Persönlichkeiten zu thun;er trat äußerlich zur katholischen Kirche zurück, gab aberdie reformatorischen Ansichten nicht auf, denn die neueLehre gefiel ihm, aber die Personen mißfielen ihm.^)So kam es, daß er der Vater der Mittelpartet (wie ihnPastor nennt) wurde, die eine Versöhnung anstrebte.Aber Erasmus, „dem der Begriff der Kirche gänzlichabhanden gekommen war", war mit seinen Anschauungennicht im Stande, eine Vermittlung und Vergleichung dergroßen Gegensätze jener Zeit herbeizuführen. Sein Stand-punkt war ein Pietismus feinerer Art, verbunden miteiner Art freidenkerischer Aufklärung; seine Dogmatik undMoral entsprachen ganz der theologischen Methode, welcheim 18. Jahrhundert die „aufgeklärte" genannt wurde.Nach seinen Grundsätzen würde es eine streng wissen-schaftliche Dogmatik überhaupt nicht mehr gegeben haben.Er wollte allerdings Erhaltung der Einheit der Kirche,Rückkehr zur apostolischen Kirche, allein die Summedes zu Glaubenden würde in dieser „einigen, apo-stolischen" Kirche des Erasmus nur sehr wenig Artikel
") Braun, Gesch. d. Bisch. v. AugSb. III. 344.
«) Ebd. S. 348.
") Veitb, Libl. Xnx. fllxb. IV. 63: kine (nämlich vondem Umstände, daß Christoph ein sehr großer Gönner derHnm. war) kaetnm, nt lürasmo Uotteräamo non solum sebeniAnissimum xraednerit, sei vtiam all oum vissuäumseptsin äiernin itinsre b'ridurg'um xrokectus sit, atlsrsnsseenin äuo xocnla rsKia enm 60 üorsnis anreis, äskerensinsnner omnium kaoultatum suarum eowmunieusm. — Braun,III. 343.
") Allgemeine deutsche Biographie IV. 227.
r°) 2. Döttinger, Reformation (Regensburg , 1846) I. Vd.,Seite 3 ff., 8 f.
und diese in möglichst unbestimmter Form umfaßthaben/°)
Derartige Ansichten treten uns auch aus zwei Briefenentgegen, die Erasmus im Jahre 1530 an Christoph ge-schrieben hat.") Am 24. Juni 1530 meldet er:er bete täglich zu Gott, daß er den Kaiser und die Fürsten mit seinem Geiste erfüllen, ihnen zum Besten der Kirchsheilbringenden Rath ertheilen und durch die Macht undFrömmigkeit des Kaisers dieses unglückliche, alle mensch-liche Hilfe übersteigende Gewitter stillen möge."") Ineinem andern Schreiben vom 11. August äußert ersich etwas deutlicher: „Die drei von Dir ange-führten Bedingungen können nach meinem Ermessen ohneNachtheil der Religion zugelassen werden; ich glaube aber/daß die Häupter der Sekte sich damit nicht begnügetwerden. Ich weiß, daß Deine Erhabenheit bis Bisse?dieser Tollen und Starrköpfigen nicht zu fürchten hat/"-')Mit jenen drei Bedingungen sind aber die Zulassungdes Laienkelches, die Gestaltung der Priesterehe und dieEinführung der Muttersprache in die Liturgie gemeint.Und da diese Bedingungen dem Erasmus als zulässigerschienen, machte sich auch Christoph von Stadion keinGewissen wehr daraus, für dieselben einzutreten. Erselbst schreibt an Nansca, Bischof von Wien , am 30. No-vember 1537: Erasmus ' Schriften seien ihm Führer ge-worden zur Erkenntniß evangelischer Lehre und christ-lichen Lebens;") er gesteht mit Erasmus, daß mensch-liche Satzungen sich der christlichen Religion beigemischthaben, und beklagt mit ihm, daß es Theologen undNeichsstände gebe, welche in Schriften von Lutheranernselbst dasjenige verwerfen, was mit dem Evangelium inEinklang stehe. Am 8. August 1533 tritt Christoph ineinem Brief an seinen Freund EraSmus ebenfalls fürseine Ansichten ein, wenn er schreibt: „Um die NeligionS-flreitigkeitsn durch die in Deinem Briefe erwähnten Mitte!beizulegen, steht nach meiner Ansicht nichts im Wege, alsdaß diejenigen, die sich mit dieser Angelegenheit befassen,nicht die Sache Gottes ihrem Vortheil nachsetzen."")
Christoph hat sich also zu vertrauensvoll der FührungErasmus von Rotterdam überlassen; er hat dessenAnsichten als die allein richtigen aufgenommen, und daherkommt seine Nachgiebigkeit gegen die Protestanten. Dochso sehr er bei jeder Gelegenheit daraufdrang, seine An-sicht durchzusetzen, und sich zu Gunsten jener drei Beding-ungen verwendete, ins Praktische hat er diese seine An-
Die kirchlichen ReunionSbestrebungen während der Re-gierung Karls V. von Dr. Ludwig Pastor (Freiüurg i. Br..1879) Seite 131.
°°) Gesch. d. Bisch. v. AugSb. III. 257.
°'),Zaps. Chr. v. Stadion. Beilage XXXI. Seite 247:tznotiäie arclentissime äeum comxreeor, ut sno sxiritnOassaris öd xrineixium animis snZMrere rligmetur consiüaReixuli. Oliristianas ss.lutm.rla>, xergus Oassaris summam xo-tentiam ot xoenitentiae purem xietatsm fatalem bans etbumanis xraesiäiis inseäadilem temxsstatem in trauguillumvertsre äiZuetur.
Ebd. Beilage XXXIII. Seite 249: ll'res oonäitiones,guas recensss, moo inäieio nulla reliZstonis iaetnra eoneeäixotsrunt, seä minims ereüo seetarum xiveeres illis korscontsntos.
Ebd. Beilage XXVIII. S. 241: H guo non minimamebristianitatis pvrtionem (si sattem in mv aligna rcslävt)ms aceexisse eonüteor. Is tnit, igui veram xivtaris ao reli-gionis viam äi§ito (ut ita loguar) äemonstravit.
"*) Ebd. Beilage XXVII. S. 240: tzuo minus religionisäissiäinm üs meäiis, äs gnibus in tnis litteris faota estmentio, eomxonetnr, niliil aliuä viäetnr odstare meo inäioio,nist gnoll isti, gut Poe traotant, maxis axnnt xroxrium guamDel ne§otiuw.