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Jede einzelne dieser großen menschlichen Institutionenmuß, um lebensfähig zu sein und um ihre Aufgabe er-füllen zu können, eine klare und natürliche Gliederung,eine einheitliche und feste Organisation ausweisen.Diese Organisation ist deutlich bei der Kirche und istdeutlich beim Staate sichtbar. Ohne diese feste, gesetz-und naturgemäße Organisation wäre die Existenz vonKirche und Staat undenkbar, ohne diese Organisationwürden sie überhaupt nicht vorhanden fein. Auflösungist Sterben, und die Auflösung der kirchlichen und staat-lichen Organisation wäre gleichbedeutend mit dem Endeder beiden Gewalten.
Was für Kirche und Staat gilt, das gilt auch fürdie Gesellschaft. Auch die Gesellschaft muß, um be-stehen zu können, eine ihrer Natur entsprechende Organi-sation ausweisen; denn ein Haufe gleichartiger und zu-sammenhangloser Individuen stellt keinen Organismusund damit auch keine Gesellschaft vor. Und darum war,gleich Kirche und Staat, auch einst die Gesellschaft or-ganistrt und in Stände gegliedert. Die organisirte Ge-sellschaft ist eine Schöpfung des Christenthums; vorChristus gab es keine Gesellschaft. Und in den herr-lichsten Epochen christlicher Geschichte erhob sich auch derBau der Gesellschaft am schönsten und lebenskräftigsten.Erst die französische Revolution hat in ihrem hohlenGleichheitstaumel den organischen Bau der alten Gesell-schaft zerschlagen, die Gesellschaft aufgelöst. Die Wahu-sinnsnacht vom 4. August 1789 war die Todesstundeder Gesellschaft. Fortan gab es keine Stände, keineBerufsklassen, keine Genossenschaften mehr, sondern nurMenschenatome, gleichwertige Nummern und Zahlen.Jeder gesellschaftliche Organismus hatte aufgehört.
Ist eine Einrichtung vernichtet, so wirdeine andere um so mächtiger. Die Zerstörungder alten Gesellschaft erzeugte den Cäsarismus und denomnipotenten Staat, welcher durch seine Schul- und Ehe-gesetzgebung bis in das Heiligtum der Familie und desGewissens hineingreift; sie erzeugte die Uebermacht dervielfach zur herzlosen Bureaukratie verknöcherten Beamten-schaft; sie erzeugte den Kampf der durch keine gesell-schaftliche Ordnung mehr gebundenen wirtschaftlichenMächte, den Kampf des Starken gegen den Schwachen,des Kapitals gegen die Arbeit.
Soll die Gesellschaft wieder erstehen, soll daS ge-sellschaftliche und wirtschaftliche Leben wieder geordnetwerden, so muß auch wieder eine der Zeitlage ent-sprechende Organisation der Gesellschaft geschaffen werden,eine Organisation, welche sich auf der natürlichen Grund-lage der Berufsklassen aufbaut.
Die gegenwärtige Jnteressenbewegung und die Bildungvon Interessengruppen, die Hervorkehrung des Standes-interesses bei manchen der alten Parteien zeigen dasdunkle und instinktive Ringen der Volksmassen nach einerauf natürlichen wirtschaftlichen und beruflichen Gesetzenund Bedingungen wieder aufzubauenden Gesellschaft. Diesebis jetzt unbestimmte und tastende Bewegung in richtigeBahnen zu lenken, muß für die Gegenwart eine derersten und wichtigsten socialen Sorgen und Aufgabenbilden.
II.
Die liberalen Gegner einer nach Berufsständeneinzurichtenden Organisation der Gesellschaft kommen stetsmit der banalen und hundertmal widerlegten Phrase undBehauptung, man wolle veraltete mittelalterliche Insti-tutionen wieder aus der Rumpelkammer hervorholen.
Mit Nichten! Wir wollen nicht Institutioneneiner bestimmten geschichtlichen Epoche, son-dern Institutionen, welche in der Natur derMenschheit begründet sind. Wir sind, wenn wirauch die günstigen wirthschaftlichen Verhältnisse des Mittel-alters anerkennen, keine Kinder des Mittelalters, sondernKinder unserer Zeit. Wir sind keine Kinder der Ver-gangenheit, das ist der (wirthschaftliche) Liberalismus,der seit dem Jahre 1789 oder dem Jahre 1848 nichtsgelernt und nichts vergessen hat. Wir stehen nicht aufden in der Schulstube ausgebrüteten Doktrinen einesbestimmten Zeitabschnittes, sondern auf den Forderungendes Lebens. Wir wollen Einrichtungen schaffen, diedem Leben und dem Wesen der Menschheit entsprechenund aus ihnen hervorgehen, und wir wollen die Mensch-heit nicht in künstliche, der subjektiven Laune entsprungeneSchemata einzwängen. Das überlassen wir den modernenDoktrinären und ihrem Anhange.
Was wir mit dem Mittelalter gemeinhaben, das ist die organische Auffassung derGesellschaft im Gegensatze zu der «tourist-ischen und mechanischen des Liberalismus.Wir wollen den natürlichen, im Volke liegenden Be-strebungen nach einer Organisation oder organischenGliederung zur gesunden Entwicklung verhelfen, und wirwollen nicht dieser naturgemäßen Entwicklung widerstrebenund uns nicht damit begnügen, die zufammenhangslosenGlieder unserer sogenannten Gesellschaft gezählt undnumerirt zu haben. Diese mechanische und mathemat-ische Behandlung der Gesellschaft von Seite des Liberalis-mus und des modernen Staates ist ebenso oberflächlichund unnatürlich wie die bekannte Schrift Sieyös' überden dritten Stand, welche man, wie k. Weiß sagt, alsdas Eröffnungsprogramm der Revolution und als denTodtenschein der Gesellschaft bezeichnen kann. »Ihreganze Weisheit umfaßt nur die zwei Sätze, daß derfranzösische Staat etwa aus 26,200,000 Menschenatomenbestehe, und daß 25,000,000 um 125 mal mehr als200,000 (des Klerus und Adels) seien, folglich letzterekein Recht haben, als eigener Stand zu bestehen."(?. Weiß, Apologie. IV. Bd.)
Die Menschen sind keine Atome und keine Num-mern. So wenig als zwei Menschen geistig und physischgleich sind, so wenig als die Lebensweise und dieBeschäftigung gleich sind, ebensowenig können dieMenschen in ein gleichförmig eingetheiltes, schablonen-haftes System eingegliedert werden. Das wäre derTod und eine todte Schablone, Mensch und Menschheitaber bedeuten Leben. Dem Leben müssen wir unsereEinrichtungen ablauschen. „Das Wesen und der Vorzugeiner socialen Politik ... ist es," schreibt Niehl, „daßsie die Lehre aus dem Leben entwickelt, und nicht um-gekehrt das Leben aus der Lehre." Nicht leblose Scha-blonen, sondern einen lebendigen, d. i. dem Leben ent-sprungenen Organismus wollen und erstreben wir.
III.
Wie soll nun dieser Organismus beschaffen, wie solldie Gesellschaft gegliedert sein? „Es ist zu erstreben,"sagte Dr. Frhr. von Schorlemer-Alst auf dem Katholiken-tag zu Köln , „eine Organisation der Gesellschaft nachBerufsstünden auf christlicher Grundlage in einer dengesellschaftlichen und wirthschaftlichen Verhältnissen derGegenwart angepaßten Form." Diese Organisation mußdem Doppelcharakter des Menschen entsprechen. Denn„der Mensch ist seiner Natur nach selbständig und