Ausgabe 
(20.3.1896) 12
 
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feststehenden Wahrheit. Herr O. 6t. will nur jene Sätzeals stringent gewiß gelten lassen, welche unsere Zu-stimmung erzwingen. Ja, wenn sich Vernunft undEinsicht erzwingen ließen l Wohl ist der Intellekt keinefreiwirkende Kraft, und insofern ist es eigentlich unsinnig,von einer Freiheit der Wissenschaft zu reden; aber istauch der Verstand in Bezug auf den aotus xaroextionisnicht frei, so hat doch der Wille den aetus axercitii inseiner Gewalt. Der Verstand sollte eigentlich immerFührer sein und dem blinden Willen mit seinem Lichtevorangehen, aber wie oft wird hier der Sehende vondem Blinden geführt! Welchen Irrweg und welchenAbgrund gibt es noch, in welchen nicht schon der armeIntellekt von einem durch Leidenschaften und Vorurtheilepräokkupirten Willen gezerrt worden ist! Herr 6. O.nenne uns einmal gefälligst auch nur eine einzige absolutfeststehende und evidente metaphysische Grundwahrheit,die nicht schon angefochten worden wäre, und das nichtetwa von Idioten, sondern sogar von Geistestitanen.Wird doch schon längst von denDenkern" selbst dieAllgemeingiltigkeit des Kausalitätsgesetzes geleugnet. Ja,sogar das Princip des Widerspruches soll durch eineUeberleitung der contradiktorischen Gegensätze zu einerhöheren Einheit aufgehoben werden. Kurz, der Zwangkann in der Zeit derfreien Wissenschaft" kein zu-verlässiges Kriterium für Stringenz und Ge-wißheit bilden. Heutzutage ist es schon richtiger, insolchen Fragen an den vorurtheilssreten gesundenMenschenverstand zu appelliren, als sich von Atheistenund Pantheisten mit Nebeldunst und Seifenblasen im-poniren zu lassen. Ob sie dann über unsere Naivitätmitleidig lächeln oder sich teuflisch ärgern, das kann unshöchst gleichgilttg sein, gewinnen lassen sich solche Leuteauch durch die Genialität eines Schell schwerlich; mankann eben Atheismus und Pantheismus durch keine Ar-gumenteüberwinden", wenn sie nicht zur gesunden Ver-nunft heimkehren wollen. Wohl müssen wir mit denVerirrten Mitleid haben, aber einem eingebildeten Wissen-schaftsdünkel zu Liebe sich selbst den festen Boden unterden Füßen wegziehen zu lassen und den Tanz über Ab-gründe und die Luftfahrten eines zügellosen Subjektivis-mus mitmachen zu wollen, das wäre nicht mehr Mitleid,sondern Selbstmord.

Was dann die Behauptung anlangt, die GotteS-beweise müßtenvermittels der unmittelbaren Gottes-idee vollendet bezw. ergänzt werden, so muß ich Herrnl). O. schon gestehen, daß ich leider nicht so glücklichbin, eine solche unmittelbare Gottesidee zu kennen. Solldamit etwa die bei allen Völkern aller Zeiten zu Tagetretende Ueberzeugung von der Existenz Gottes gemeintsein? Diese Ueberzeugung hat aber jedenfalls ihrenGrund nicht in einer fertig angeborenen Idee, sondernerklärt sich theils aus der Leichtigkeit, mit welcher auchder schlichteste Bauernverstand von der Welt und ihrerEinrichtung auf ihren Schöpfer und Herrn schließt, theilsaus einer besonderen Führung und Leitung der Vor-sehung, deren sich jeder Mensch und jedes Volk erfreut.Aber das letztere Moment muß bei unserer Diskussionaußer Betracht bleiben. Oder soll mit dieser unmittel-baren Gottesidee gar nach alten Mustern von einer jeden-falls recht unvollkommenen Vorstellung des höchsten Wesensfeine Existenz erschlossen werden? Aber der saltv iuor-tala vom idealen ins reale Gebiet ist bis zur Stundenoch kein gangbarer Weg geworden. Es ist übrigensunrichtig, daß ich den Passus von derursprünglichen

Gottesidee" übersehen habe, wie Ohponent wir vorwirft.Ich habe ja ausdrücklich erklärt, daß ich mit einer solchennichts zu machen wüßte und mir nicht denken könne, waSdarunter zu verstehen sei. Wenn ich mit den vorgebrachtenVermuthungen nirgends das Rechte getroffen habe, sobin ich für eine Belehrung sehr dankbar, wenn sie nichtetwa so ausfällt, daß ich sie nicht acceptiren kann. Solletwa diese Idee ein Ausfluß jenesgeringgeschätzten sub-jektiven, geistigen Gebietes" darstellen,das man so leichtpreisgibt" ? Das geistige Gebiet preiszugeben, fällt unsgewiß nicht ein; aber dieser Ausdruckfubjektiv" machtuns die Sache sehr verdächtig. Die subjektivistische Philo-sophasterei schon seit Cartefius und noch mehr seit Kanthat all den intellektuellen Jammer zur Folge gehabt, inwelchem noch immer die außerkirchliche zünftige Speku-lation an den Hochschulen befangen ist, und dieser Sub-jektivismus oder größere oder geringere Concessionen anihn sollen etwa wieder Rettung bringen? Wir möchtenalso mehr das geistige Gebiet als objektive Thatsachebetont wissen. Auch wir finden in dem durch Denkenund Wollen sich bekundenden Wesen des Menschen-geistes ein Faktum, das mit unweigerlicher Ge-wißheit auf einen überweltlichen, persönlichen Ur-heber und Schöpfer hinweist. Wie will der Atheismusund der nicht minder einfältige Pantheismus z. B. dieThatsache des Erkennens, die ideale Vereinigung vonSubjekt und Objekt erklären, da doch beide substantiellnichts mit einander gemein haben? Gerade bei dieserwunderbar harmonischen Zusammenordnung von ganzheterogenen Dingen fällt uns ein schöner Satz von Pro-fessor Schell ein, den er in seiner Dogmatik vorbringt:Die Beziehungen sind Spuren der Gottheit." Uebrigensmöchten wir dem hochgelehrten und genialen Herrn nichtauf allen seinen, manchmal auch sehr gewagten Bahnenfolgen, aber hinsichtlich der Gottesbeweise und ihrer Ge-wißheit steht derselbe jedenfalls auf unserer Seite.

Wenn Herr 6-. O. meint, ich habe alle UrsacheGott zu danken, daß ich mich einer solchen Glaubens-ficherheit erfreue, so hat er recht, und ich bin bemüht,täglich Gott dafür zu preisen, daß Er mich so gnädigbisher auf der Bahn der Wahrheit geführt und geleitethat. Aber auch an dieser Stelle spukt in der gebrachtenErwiderung wieder eine Verwechslung. ES handelt sich füruns hier nicht um den dogmatischen Lehrinhalt desChristenthums, nicht um die übernatürlichen Glaubeus-wahrheiten; auch nicht um den Glauben dreht sich dieFrage, sondern um die natürliche Voraussetzungdes Glaubens. Soll Jemand für das Christenthumgewonnen werden, so muß vor allem für ihn feststehen,daß es einen Gott gibt, daß er sich geoffenbart und dieKirche gegründet hat. Müßten wir diese Grundvoraus-setzungen auch mit dem Glauben allein erfassen, dannwäre der Vorwurf von Köhlerglauben und Unvernunftberechtigt, mit dem unsere Gegner so freigebig sind.Aber das Dasein Gottes können wir in Wahrheitwissen, es ist und bleibt eine unabweisbare For-derung einer vernünftigen Weltbetrachtung.Wie soll ich nun mit einer solchen Auffassung der SachsWissen und Glauben verwechselt oder identificirt haben?

Nicht weniger merkwürdig muthet mich das Kompli-ment des Herrn Opponenten an, als ob ich die Gewiß-heit und ihre verschiedenen Grade von der Wahrschein-lichkeit nicht zu unterscheiden vermöge. Von einer bloßenWahrscheinlichkeit hätte das vatikanische Concil nimmerden Ausdruck eerto aoZnoscü gebrauchen können.