Ausgabe 
(20.3.1896) 12
 
Einzelbild herunterladen

geborenen Ahnung des Unendlichen, im Streben nachdem Höchsten, das sich in derursprünglichen Gottes-idee« ausspricht^), 2) im Gewissen und seinen Einsprech-ungen, 3) in der religiösen Gnade. Aber gerade jehöher wir steigen, je näher wir dem Person-.lichenGotte derLiebe kommen, desto schwererwird die Beweisbarkeit. Die Seelenregungen sinddunkel und schwer faßbar, aber gerade um so werth-voller. Dunkel sind namentlich die Wege der Gnade,von der alles abhängt. Mag nun 8t. wieder be-haupten, hier sei Nichtzusammengehöriges vermischt undverwechselt, warum ging er dann selbst darauf ein?ich hatte es nun aber einmal verbunden, und zwar geradeum den Pantheismus zu überwinden. Leider kann ichmich nicht weiter darüber verbreiten. Ich füge nur nochein Paar Leitsätze aus dem angekündigten zweiten Artikelan, den ich vorläufig zurückhalte, weil die Redaktion eineendlose Debatte fürchtet.

DaS Christenthum stellt die höchste absolute ErscheinungGottes dar. Die durch das Christenthum gegebene Gnade,Bekehrung, Heiligung und Erleuchtung ist das Urwunder, demalle andern Wunder untergeordnet sind. Hierin, nicht inäußeren Wunderberichten, liegt der Beweis des Geistes und derKraft, aus den auch Christus selbst anspielt (Joh . 7, 17, v. 8u. 14). Wer dieses Wunder nicht erlebt hat, wird äußernWundererzählungen schwerlich Glauben schenken, wenn er nichtganz naiven Sinnes ist. Denn von Wundern erzählen auchandere Religionen, Wunder wirkt auch der Antichrist: wer abersoll unterscheiden, als der Geist, mit dem daS Geistige erkanntwird (1. Cor. 2, 23) und der Zeugniß gibt, daß wir durch dasChristenthum Kinder GctteS geworden sind (Nöm. 8, 16).

Sehr belehrend war es, daß gleichzeitig mit dem Angriffvon 8t. anderwärts meinfanatischer Ultramontauismus" derjliberalen Inquisition deiiuucirt wurde und ich gar alsver-bissener Socialdemokrat« ausmarschircn mußte. Wem kann'shegte Jemand recht machen, gui viam ventatis ologit?

I)r. 6. 6.

* *

Wir glauben hiemit die Dtscussion über diesesHherua schließen zu dürfen. D. Red.

Gedichte von Max Crorre.

(Schluß.)

In dein letzterwähnten ChcluS finden sich auch des Ver-fässcrs beste Sonette. Es ist wirklich schwer, aus diesemNeigen von Liedern die Auswahl cer besten zu treffen. Dochhören wir den Dichter selbst. InLiebe und Leid" singt er:Wir wisscn'S auch: nur bitterwcnig ZeitBleibt für das Glück auf unsern Erdcnwegen.

Doch was ist Glück? DaS ist der alte Streit.

DeS Menschen Gluck , cS ist im Leid gelegen,

Und Liebe ist vereint getragnes Leid.

So wandelt sich der Fluch in eitel Segen.

Die kräftige Ermunterung zum Vertrauen inWeine nicht!«

Sollst muthig vorwärts in die Zukunft schauen»

Nickt wie ein Feigling zage vor ihr beben;

O hadrc nicht, fleh' du um Gottverlrauen,

ES wird dir deine Kräfte wiedergeben.

Schuf denn der Vater uns zu Tod und Grauen?

Nein, für ein immerwährend selig Leben!

Wo der. Cultus desIch", dort keine wahre Liebe; denn inDer Liebe Prüfstein« heißt es:

Der Liebe Prüfstein ist Selbstlosigkeit.

Denkst du an dich, gleich kommt dein Herz in Streit,Es will die Eifersucht sich in dich senken,

*) Diese Idee hatte ich ganz deutlich erklärt, anstatt dießaber nachzulesen, wiederholt 8t. alle möglichen Vermuthungen,die er schon einmal angestellt. Gibt es für ihn überhaupt nichtsApriorisches, auch keine angeborenen Principien und Anlagen?

Dein bess'reS JA, dein Liebstes, in dir kränken,

Und statt des Glücks bringt dir die Liebe Leid.

InWas die Liebe vermag« wird derEigengier«, demEigenwillen durch die Liebe der Krieg erklärt. Weiter sagt derDichter inDie Liebe und das liebe Ich«

Mein Kind, und eh' in Liebe sichEin Menschcnpaar zusammenschließt,

Zu brechen sind zwei trotz'ge Ich,

Bis eins, ein heilig Ich, erspricßt.

Von den größeren sind hervorzuhebenGlosse«, das reim-lose GedichtTraum und Wahrheit" undLiebeSbande" mitdem Schluß: Das Liebesband, das unser Herrgott geknüpft,reicht über alle Ewigkeit.

Blättern wir weiter, so kommen wir zu denVermischtenGedichten«, unter welchen man einige Bergmanns- und Knappen-lieder nicht unerwähnt lassen darf; soGlückauf zum neuenJahrl«,Das Bergmannslied«, dessen letzte Strophe wir unsherzusetzen nicht versagen können:

Und weil ich nun ein Bergmann binUnd von so edlem Stand,

So geb' ich ganz auch Herz und SinnIn meines Gottes Hand.

Und mit Gebet fahr' ich zur SchichtUnd mit Gebet herauf,

Mein treuer Gott, dick lass' ich nicht,

Hinauf zu dir! Glückauf!

Welch kräftiges Gottvcrtrauen spricht sich in diesen Zeilenaus; jenes unverwüstliche Vertrauen, das gerade den Berg-mann vor allen besonders erhebt. Das schöne GedichtGlcich-niß« mit der ernsten Mahnung,still in sich selber zu gehen,will man es im Leben dazu bringen, auf wackeren Füßen zustehen;«mit Gott und sich selber zurechtzukommen« bringtRuhe und Glück.

Wer könnte bann das ebenso wahre als ernste GedichtAus Wiedersehen!« mit Stillschweigen übergehen. Das LiedIm Glück« zeigt anschaulich die Wahrheit vom beständigenWechsel zwischen Lust und Leid im menschlichen Leben. DanndieOsterklänge", die auch daS »erbittertste Herz aus demTodcSbann zu locken verstehen.

Im Anschluß an diese Gruppe finden sich dieSinnsprnche",worunter einige ganz kernige Sentenzen und Lebensregeln an-geführt sind. Wollen wir einige folgen lassen:

Getrost im Leide still zu haltenErlernt sich nur durch Händefalten.

Oder dasIch" der ärgste Feind der beste Freund.Ein anderes heißt:

Thu', was du sollst, in dieser Zeit,

So wirkst du sür die Ewigkeit.

Ein andermal sagt er: Wiewohl an Kirchen und Kapelle»keine Noth, wiewohl Gottes Wort aus tausend Quellen lebendigströmt, findet man doch auf Erden so selten einen wahren,echten Christen.

Wie wahr ist folgendes:

Ist ein Nechenexempel der Lebenslauf»

Dann ist das Sterben die Probe darauf.

Und so folgen noch viele kleinere oder größere Sentenzenoder Geistesblitze, die in bündiger Form oft die ernstesten Ge-danken nahelegen. An den Schluß der Gedichtsammlung setztder Verfasser einige Gelegenheitsgedichte, von denen das ersteZum sünfunddreißigsten Geburtstag des Kaisers« dem Patrio-tismus des Verfassers schönen Ausdruck verleiht. Die übrigenkönnen wir übergehen.

Was nun die Form anbelangt, in welche der Verfasserseine Lieder kleidet, so begegnet und fast am häufigsten dervierfübige Iambus mit Reimpaaren oder gekreuzten Reimen;auch umschlossene Reime (a a b « o b) finden sich. Einmalfinden wir den fünffüßigen Iambus (Blankvers). Von trochä-ischen Versen haben wir meistens den fünffüßigen, hie und daauch den schleppenden achtfnßigen Trochäus. Einige kleinereGedichte sind in Distichen abgefaßt. Unser Verfasser liebt eSnicht, künstliche Formen in Verwendung zu bringen; er bleibtbei den einfachen, schlichten Gattungen und ergreift den Leservielleicht gerade durch die eckte deutsche Weise, durch die ein-fache Form. Doch eines müssen wir unserem Dichter zugestehen;Er ist ein Meister des Sonetts, das er denn auch häufigund in ganz ungesuchter, ungekünstelter Weise anwendet. WaS