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27. Wir? I«.
k. Wilhelm Kreitcn.
Literarhistorische Studie von Ad. Jos. Kiel.
So vieles schon hat man über den Aufschwung unsererkatholischen Literatur geschrieben und gesprochen, und da istes wohl auch angebracht, einmal desjenigen Mannes zugedenken, der nicht zum wenigsten zu diesem Aufschwüngebeigetragen hat. Es ist das der Jesuiten PaterWilhelm Kreiten .
Um jedoch die Verdienste dieses Mannes ganz undvoll würdigen zu können, ist eS nothwendig, vorher einekurze Rückschau zu halten auf den Stand, den die Li-teratur zu jener Zeit einnahm, da k. Kreiten zum erstenMale eingriff und durch seine literarischen Arbeiten bahn-brechend wirkte.
Wie eine prächtige Rakete war zu Beginn unseresJahrhunderts die Romantik zum nächtlichen Himmelemporgestiegen. Von allen wurde sie begeistert und be-wundernd begrüßt. Doch nur kurze Zeit erleuchtete ihrfunkelnder Glanz die nächtliche Gegend, dann zerplatztesie in tausend bunte Sterne, die anseinanderstobeu und— erloschen.
Hervorgegangen war die Romantik aus der Unbe-friedigtheit des deutschen Gemüthes. Sowohl die, wennauch formvollendete Klassicität Goethes, die sich lediglichan die Natur anlehnte, als auch der Idealismus Schillers ,dem die höhere Weihe fehlte, ließen in dem Herzen desDeutschen das Gefühl einer gewissen Leere zurück. Leiderentsprach das Leben der gebildeten Deutschen in jenerZeit im Allgemeinen nicht mehr der christlichen Welt-auffassung; aber man fühlte weithin doch, daß es einhöheres Drittes geben muffe, in dem sich die Gegensätzezwischen dem Realismus Goethes und Schillers Idealis-mus harmonisch ergänzten und vereinigten. In diesemGefühle, und diese Idee allmählig erfassend, erklärte sichdie junge Generation in jugendlicher, feuriger Begeisterungzu Rittern des Christenthums wider den herrschendenRationalismus.
Freilich äußerte sich dies Bestreben zunächst, da dieJünger ihre Milch an einer anderen Brust getrunken undin einer ganz anderen Luft aufgewachsen waren, als einunsicheres Suchen und Herumtappen einer sich selbst kaumverständlichen Sehnsucht. Immerhin war es eine wunder-bare Zeit, da die Romantik ihr melodienreichcs Lied an-hub, da die Natur ihr uraltes Märchen wieder zu er-zählen begann und an den verfallenen Burgen undKirchen mit dem immergrünenden Epheu die Sagen undGeschichten emporrankten, die Glocken wie von selbst an-schlugen und die Wipfel sich rauschend neigten, als gingeder Herr durch die weite Stille, und als müsse derMensch ob all des Glanzes niedersinken. Es war, alserinnere sich das altgcwordene Geschlecht plötzlich wiederseiner schöneren Jugendzeit, und eine tiefe Erschütterungging durch alle Gemüther, da Schclling, Steffens, Görres,Novalis, die Schlegel und Tieck ihr Tagewerk begannen.
Indeß die wenigsten von ihnen hielten auch später-hin noch den Curs ein, den sie von Anfang genommen.Die meisten Vertreter der Romantik vermochten nicht,den Subjectivismus des Protestantismus zu überwinden,den sie mit der Muttermilch eingesogen. Die Poesiehatte sie vor das im Waldesdicktcht versteckte und längstvergessene Hetligthum hingeführt und vor die mit grünemEpheu überrankten Thore der katholischen Kirche; doch
ihre Absicht war nicht kindlich rein genug, als daß ihnender Spruch geoffenbart worden wäre, auf den hin sichdiese Thore öffnen sollten. Nur wenigen war es mitFriedrich von Schlegel vergönnt, auch in das Inneredieses Heiligthums einzutreten, um sich dort in die un-endliche Schönheit des Allerhöchsten zu versenken; die an-deren begnügten sich. statt ein Glied der lebendigensichtbaren Kirche zu werden, mit einer manchmalpantheistischen, in träumerischem Halbdunkel schwebendenSymbolik dieser Kirche. Und so wurde naturgemäß derKatholicismus der Romantiker zu dem, für was ihnspäter auch Tieck zu seiner Rechtfertigung ausgab, zueiner bloßen Staffage ihrer poetischen Gefühle.
Lange konnte dieser Zustand nicht andauern. Heinewar der Erste, welcher Reißaus nahm. Er war eswelcher das vauvs gui xaut! in die Massen warf, mikzweischneidiger Ironie an dem in der eigenen Phantastereistecken gebliebenen „Munitionskarren" der Romantik raschdie letzten Gurten und Stränge durchschnitt und dannmit Sattel und Zeug zu dem schon lange schadenfrohgegenüber lauernden Heidenthume überging. Eine ganzeFreischaar romantischer Trainkuechte, Nachzügler undMarodeurs, ja Alles, was inzwischen am GlaubenSchiffbruch gelitten, folgte seinem willkommenen Signal-rufe ebenso frech, nur mit weniger Geist und Witz.
Mit einem Schlage hatte nun die specifisch änli-ch ri st liche Poesie fast das ganze Feld erobert. Waskurz vorher doch wenigstens noch scheinbar geehrt undverherrlicht worden war, das war jetzt auf der ganzenLinie in den Koth getreten. Der Geist eines Byronrauschte nunmehr durch den deutschen Dichterwald. Aberzur Ehre der Deutschen sei's gesagt, zu jenem dämon-ischen Hasse dieses unglücklichen Britten gegen Gott undalles Göttliche brachten sie es meist doch nicht, wenn sieauch die innere Oede und Zerrissenheit mit ihm theilten.
Man muß die ganze Trostlosigkeit der Lage kennen,die zu jener Zeit herrschte, da das „JungeDeutschland" ton-angebend geworden war, um den lauten Jubel begreifenzu können, mit dem die „Amaranth" von Nedwitz begrüßtwurde. Im Grunde genommen krankte doch auch dieseDichtung an Hyperromantik. Aber es waren wenigstenskatholische Ideen, welche da auftraten. Und wenn dieseauch noch in einer gewissen Verschwommenheit und manch-mal in ungesunder pietistischer Sentimentalität erschienen,so setzte man doch große Hoffnungen auf des kühnenDichters Jugend, der es sich zur Lebensaufgabe gestelltzu haben schien, den Kampf mit dem herrschenden mo-dernen Heidenthume aufzunehmen. Leider ist uns dasformgewandte Talent Nedwitz' verloren gegangen. SeineVerschwommenheit und sein krankhafter Pietismus wurdenihm selbst eine Schlinge zum Falle.
Pantheismus und nackter Materialismus waren dieSysteme, in deren Dienste seit den vierziger Jahren durchdrei volle Decennien die deutsche Dichtung vorherrschendstand. Von katholischer Seite geschah dem gegenüberwenig, oft soviel wie gar nichts. Die Ungunst der Ver-hältnisse, die Allmacht der liberalen Tagespresse, kurz,Alles hatte sich verbunden, jedes aufstrebende katholischeTalent entweder todtzufchweigen oder positiv zu be-kämpfen. Nur so ist es erklärlich, wie man vielfachkatholischerseits allmählig dazu kommen konnte, ein ge-wisses Vorurtheil gegen jegliche Art von Literatur zufassen. Man war gar oft geneigt, die gegenMrtige. V e,r-