1 ^. 17
24, ApM 1696.
Zu seinem hundertsten Geburtstag (24. April)von A. G.
Carl Lebrecht Jmmermann stammte aus einer Fa-milie, die weder zu den reichen noch zu den armen zählte,den mittleren Schichten der Gesellschaft war er entsprossen,konnte aber auf eine lange Reihe von Ahnen blicken, diemitunter eine ziemlich bedeutende Rolle gespielt hatten.Er wurde am 24. April 1796 in Magdeburg geboren alsder Sohn des Kriegs- und Domänenraths Carl LebrechtJmmermann , der in seinem Hause ungemein streng war,während die Mutter sich durch „Grundgüte" auszeichnete.Streng wurde der Sohn mit seinen andern fünf Ge-schwistern vom Vater herangezogen und selbst unter-richtet in Rechnen, Geographie und Geschichte, bis er indas Kloster Unserer Lieben Frau zur weiteren Fort-bildung aufgenommen wurde. Er war ein talentirterund sehr fleißiger Knabe, verfiel aber bald in eine ge-radezu krankhafte Lesewuth, mit welcher er alle Bücherergriff, die ihm in die Hände kamen, und von denenviele ihrem Inhalte nach für ihn absolut nicht taugten.„Reisebeschreibungen, Romane, Schauspiele wurden ver-schlungen" und, fügen wir bei, konnten nicht verdautwerden. Dazu kam der Drang, Dunkles und Geheimniß-volleS zu erforschen, hiemit Zurückgezogenhett in stilleWinkel, für einen Menschen im Alter Jmmermanns, wiefür alle in diesem Alter, ein großes Uebel, das nichtsGutes zeitigen kann. Trotzdem vernachlässigte er dieeigentlichen Schulaufgaben nicht und erhielt stets guteZeugnisse.
Ostern 1813 bezog er die Universität Halle, umsich, gleich dem Vater, der Jurisprudenz zu widmen.Neben den juridischen Fächern belegte er auch philo-logische, deßgleichen Aesthetik und Kunstgeschichte unddeutsche Literatur, und schwänzte keines — weißer Rabeunter den Universitätsstudenten! wenn es buchstäblich wahrist. Leider konnte er seine Studien nicht in Ruhe fort-setzen und vollenden, die Kämpfe um das Sein oderNichtsein Deutschlands machten ihm einen Strich durchseine Rechnung, wie abertausend jungen begeistertendeutschen Männern und Studenten. Im Hochsommer1813 zog Napoleon durch Halle, hob die Universität auf,und die Studierenden zerstreuten sich, die rümal'riäerioiÄllü.stand verlassen und leer. Kurze Zeit verweilte Jmmer-mann im Vaterhaus, nach der Schlacht bei Leipzig abermeldete er sich als Freiwilliger und wurde in daS ersteJägerdetachement des Leib-Jnfanterte-RegimentS aufge-nommen. Doch zog er nicht in's Feld, denn ein Nerven-fieber brachte ihn an den Rand des Grabes, und er er-reichte seine Abtheilung erst nach Beendigung des Feld-zuges. Auf dem Rückzug traf ihn die Trauernachricht,daß sein geliebter Vater am Charsreitag des Jahres 1814gestorben sei. 1814/15 widmete er sich wieder denStudien, als ein neuer Aufruf des Königs an die Frei-willigen erging, und nun ging es an die französischeGrenze; unter dem Donner der Geschütze von Lignylernte Jmmermann das Bild der Schlachten kennen. Erwurde nach Beendigung des Feldzugs als Offizier ent-lassen und kehrte zu den Studien nach Halle zurück, woer sich jetzt der Theologie widmen wollte, doch trat alsHinderniß die Unkenntniß des Hebräischen in den Weg,so daß er bei der Jurisprudenz blieb. Eine Episode aus
der damaligen Studienzeit verdient sicher der Erwähnung,da sie von großem Muth zeigt und ebenso großer Offen-heit. In Halle existirte eine Verbindung Namens „Teu-tonia", die sehr ausartete. So wurde ein armer Student,der sich nicht schlug, auf das gröbste mißhandelt; Jmmer-mann verfaßte eine Erklärung, mit vielen Unterschriftenwurde dieselbe angeschlagen, der Verfasser aber war kaummehr seines Lebens sicher. „Teutonia" trieb das Un-wesen weiter. Da reiste Jmmermann mit zwei Com-militonen nach Berlin ; er erhielt zwar keine Audienzbeim König, doch wurde ein Schriftstück gnädig ange-nommen und erhielt Jmmermann schriftliches großes Lobseitens des Monarchen, dessen Schreiben schloß: „Ihrguter Sinn für Ordnung und Gesetzmäßigkeit hat meinenganzen Beifall." Unmittelbar darauf wurde die Teu-tonia aufgehoben, die „Sulphuristen", wie mau die Unter-zeichner spottweife nannte, hatten gesiegt.
Neben seinen Studien warf sich Jmmermann umdiese Zeit zum ersten Male auf das Dichten, es ent-standen mehrere Gelegenheitsgedichte, welche aber ohneliterarischen Werth waren, dagegen zeigt er darin schoneine gewisse glühende Phantasie. Im Anfang des Jahres1818 machte er in Halberstadt sein erstes juristischesExamen und wurde Auscultator beim Kreisgericht in Aschers-leben; dann kam er nach Magdeburg und Münster , woer zuerst ganz allein für sich lebte und sein erstes Drama„Roland" schrieb nebst mehreren Gedichten. Es folgtedas Trauerspiel „Edwin", das zu schnell ausgearbeitetwurde und deßhalb auch viele Mängel zeigt, obwohl ihmschön poetische Gedanken nicht abzusprechen sind. Eine Re-cension seiner Arbeiten aus damaliger Zeit sagt u. a.: „Ge-dankenreich ist seine Welt, kräftig, kühn, nicht hohle Worteund Phrasen spricht er aus. Seine Dichtungen sind Be-kenntnisse seiner Seele, doch fehlt dem stolzen Bau nochseine Vollendung." In diese Zeit fällt sein Verhältnißzu Elise von Lützow-Ahlefeldt, das wir, weil es sich ingleicher Weise bei den sogenannten Schöngeistern mu-tatis mutuiräis wiederholt hat und wiederholt, wohl mitallem Recht übergehen können, ohne daß diese Ueber-gehuug uns ein Leser übel nehmen wird, da unsere Bei-lage für pikante Liebesabenteuer gewiß nicht redigirt wird.Jmmermann wurde träumerisch und dichtete träumerischnahezu Verse, die sich reimten auf „Herz" und „Schmerz".Doch ermannte er sich bald wieder und warf sich aufLustspiele und Tragödien zu einer Zeit, wo er nachMagdeburg versetzt wurde, wohin er 1824 ging, nachdemer den Seinen noch einen Besuch abgestattet hatte, da ermit kindlicher und brüderlicher Liebe an der Mutter undan den Geschwistern hing, die damals vorübergehend inOschersleben sich befanden. Die Vaterstadt war ihmziemlich fremd geworden, bald war er aber wegen seinesscharfen Verstandes beliebt geworden, sein klares, wennauch scharfes Urtheil imponirte. Die dichterische Aderstockte eine Zeit lang, bis Heinrich Heine ihn besuchteund das Blut in derselben wieder in Wallung brachte,ohne daß er Bedeutendes damals schuf. Er mußie sichauch dem Studium damals widmen, sein letztes Examenstand bevor, das er denn auch mit gutem Erfolg bestand.Es erschien das Drama „Hofer", mitunter ebenso ge-tadelt als gelobt, ein Stück, durch welches auch Göthe auf den Verfasser aufmerksam wurde. König sagt über„Hofer": „Nicht befriedigte das Trauerspiel in Tirol,das in Andreas Hofers Geschichte allerhand Wunder-