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8 . Wi 1896 .
Johann Adam Möhler .
Ein Gedenkblatt zu seinem hundertjährigen
Geburtstag ( 6 . Mai )
von A . G .
Motto : „ Ist nur einmal die Kirche befestigt
und in recht weilen Kreisen einge¬
drungen , dann kann die Monarchie
nicht sinken . "
Möhler .
„ Uemmissö g ' uvat . " , die Erinnerung ist von Nutzen ,
die Erinnerung sowohl an große Begebenheiten der Vor¬
zeit , als auch an große Männer . Das laufende Jahr
beweist klar und deutlich , daß der Deutsche sich gern und
freudig an große Begebenheiten erinnert , wurden ja in
den Blättern aller Parteien und aller Schattirungen die
Kriegsthaten vor 25 Jahren wieder aufgefrischt , mit¬
unter sogar nach unserer unmaßgeblichen Ansicht breiter
und weitschweifiger , als nöthig gewesen wäre . An dem
Andenken großer Männer der Vergangenheit frischt sich
der Geist auf , und abgesehen davon , verlangt es die
Dankbarkeit der Nachwelt , sich ihrer stets zu erinnern ,
denn sie haben nicht nur gearbeitet und gewirkt für ihre
Zeit , für die Mitwelt , sondern auch für die Nachwelt .
Die Wahrheit dieser kurzen Worte vorausgesetzt , und niemand
wird sie in Zweifel ziehen , bedarf es des weiteren sicher
keines Beweises , daß der Mann , dem wir nachstehende
Zeilen widmen wollen » Johann Adam Möhler , der Re¬
generator neuen christlichen Lebens und Wirkens , der
Regenerator der christlichen Wissenschaft , ganz und gar
würdig ist , in seinem Andenken aufgefrischt zu werden ,
zumal er ja gerade in Süddeutschlaud , speciell in der
Hauptstadt Bayerns , wirkte und lebte und leider allzu
früh mit Tod abging . Verkannt oft im Leben , wurde
er , wie so viele , erst dann recht erkannt und gefeiert ,
als der Todesengel an ihn herantrat , erst dann , als
der Todesengel ihm die Augen zum zeitlich steten
Schlummer schloß .
Die Wiege von Johann Adam Möhler stand in dem
wunderschönen , rebenumkränzten Orte Jgersheim bei
Mergentheim in Württemberg , wo er am 6 . Mai 1796
das Licht der Welt erblickte als der Sohn eines ver -
möglichen Wirthes , der zugleich auch Ortsvorstand der
Gemeinde war . Der Knabe , aufgeweckt und talentirt ,
wollte studiren , wozu dem Vater auch gute Bekannte
riethen , letzterer aber wollte aus einem sehr primitiven
Grunde nicht darauf eingehen . Er betrieb nämlich auch
eine Bäckerei , zu welchem Geschäfte der junge Sohn sehr
bald herbeigezogen wurde und dasselbe auch aus dem
Fundament verstand . „ Wer soll denn dann die guten
Brödchen backen , wenn du studirst ? " lautete der Ein¬
wand des Vaters ; der Sohn aber machte dem Vater
einen genialen Vorschlag , indem er erklärte , er werde
so bald aufstehen , daß er zuerst noch backen und dann
als Student nach Mergentheim gehen könne Tag für
Tag . Dies zog , Möhler war Brödchenbäcker und Student
in Mergentheim .
Obwohl auf diese Weise etwas spät zum Studiren
gekommen , machte er in Folge seiner Talente derartige
gute und zugleich schnelle Fortschritte , daß er im Jahre
1813 , im achtzehnten seines Lebens , schon an das kgl .
Lyceum zu Ellwangen übertreten konnte , wo er trotz
Ueberspringens einer Klasse in den meisten Fächern den
ersten Platz behauptete , nur in der griechischen Sprache
den vierten , freilich eine natnrnothwendige Folge des
schnellen Durchgangs durch die niederen Klassen . Zwei
Jahre studirte er in Ellwangen Theologie und kam im
Jahre 1817 , als die Anstalt von Ellwangen nach
Tübingen verlegt wurde , nach der letzten Universitäts¬
stadt . Die Theologie wurde damals noch etwas lax be¬
trieben , so daß es nicht zu verwundern ist , wenn ge¬
meldet wird , daß Möhler kraft seiner tiefen Anlagen und
seines ein - und durchdringenden Geistes die Docenten des
öfteren interpcllirte . Das studentische Leben wurde nach
den Berichten der Zeitgenossen damals auch jedenfalls zu
bunt getrieben , auch von den Stndirenden der Theologie ,
so daß man recht oft den theologischen Geist nicht ein¬
mal mit der Laterne des Diogenes zu finden vermochte .
Oft kam es über diese herrschenden Zustände zwischen
Möhler und seinen Mitfreunden zu heftigen Auseinander¬
setzungen , denn Möhler war und blieb streng in seinen
Sitten , wie er denn auch in Tübingen von den drei
Studien - und Sitienpreisen stets den ersten erhielt .
Im Spätjahr 1818 kam Möhler in das Klerikal -
seminar zu Noitenburg . Klerikales Leben war damals
auch hier noch nicht besonders entwickelt , das Brevier
wurde deutsch vorgelesen , die Meditationen waren Privat -
sache , das theologische Studium trieb jeder gerade nach
seinem Geschmack , im nahen Baden entstand der Cölibats -
streit , der feine trüben Schatten weithin , auch in das
Seminar zu Noitenburg , warf , wo pro und contra de -
battirt wurde ; kurz , der Alumne mußte stark sein , um
nicht nach verschiedenen Seiten hin zu straucheln oder
gar zu fallen ; Möhler blieb stark und wurde im Sep¬
tember des folgenden Jahres mit noch acht Alumnen
durch den Generalvikar v . Keller zum Priester geweiht .
In der praktischen Seelsorge wirkte der neue Priester
nur ein Jahr , nämlich als HilfSpriester in Weilderstadt
bei Stuttgart und in dem Oberamtsstädtchen Niedltngen
an der Donau . Sein Principal in letzterem Stndichen
stellte ihm betreffs seines Lebens und Wirkens ein
glänzendes Zeugniß aus . Es wird darin gerühmt sein
heiliger Ernst in allen seinen Verrichtungen , sein stets
würdiges Benehmen , wodurch er die Liebe und Verehrung
der ganzen Gemeinde , insbesondere der kleinen Schüler ,
deren Katechet er war , in ausgezeichneter Weise sich er¬
warb . Seine Predigten waren stets gemüthvoll , sein
Wesen ganz und gar demüthig .
Im Oktober 1820 kam er als Präparand in das
Mit dem Wilhelmsstift verbundene Vorbereitungsinstitut
zum Gymuasial - Lehramte nach Tübingen und war dort
als solcher und als Repetent zwei Jahre . Er widmete
sich hauptsächlich mit größtem Eifer und Erfolge dem
Studium der altklasstschen Sprachen und dem der Literatur ,
während er als Repetent sehr fleißig Nepetitionen an¬
stellte und die Disputationen mit größtem Geschick leitete .
Nachdem im Jahre 1822 Professor Dresch einen Ruf
nach Landshut angenommen hatte und dadurch der Lehr -
stuhl der Kirchengeschichte an der katholisch - theologischen
Fakultät in Tübingen frei geworden war , wurde der
junge Repetent Möhler nach dem Antrag der Fakultät
als Privatdocent mit einem Gehalt von 800 Gulden am
8 . September zu dessen Nachfolger ernannt . Zugleich
wurde gewünscht und gewährt , daß er noch vor dem
Antritt seines Amtes eine ltterarische Reise mit Staats¬
unterstützung antrete . Sofort reiste er ab und besuchte
der Reihe nach die berühmtesten Universitäten siowohl in